Als Deutschland und die Türkei 1961 das Anwerbeabkommen unterschreiben, rechnet niemand damit, dass Hunderttausende Menschen dauerhaft eine Heimat hier finden werden. Für viele ein hart erarbeiteter Erfolg.
„Markthalle Tosun“ steht an der Fassade des Ladens in Köln Ehrenfeld. Drinnen hinter der Frischetheke ordnet Atila Tosun gerade die Lammkoteletts. „Merhaba, Hackfleisch gemischt wie immer, bitte“, sagt eine Kundin zu ihm. Atila Tosun ist seit 1991 Inhaber der Metzgerei und für viele Menschen in Ehrenfeld mittlerweile eine Institution. Doch der Weg dahin war steinig für den heute 60-Jährigen.
1965 kam sein Vater als sogenannter Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Er arbeitete zunächst in den Ford-Werken, später in einer Montagefirma. Das Ankommen hier sei schwierig gewesen für seinen Vater, erzählt Atila Tosun. „Sie hatten keine Sprachkenntnisse, es war eine andere Kultur, eine andere Welt.“
Start in ein neues Leben fernab der Heimat: Männer aus der Türkei kurz nach ihrer Ankunft am Flughafen Düsseldorf 1961.
Integrations- oder Deutschkurse gab es nicht für die 870.000 türkischen Arbeitskräfte, die zwischen 1961 und 1973 angeworben wurden. Sie lebten oft in Arbeiterbaracken abgeschieden von anderen Wohnsiedlungen. Die Vorstellung der damaligen Bundesregierung war, dass sie nach ein paar Jahren Arbeit Deutschland wieder verlassen. Doch Hunderttausende türkische Männer blieben und holten nach und nach auch ihre Familien nach Deutschland.
Einen Platz in der deutschen Gesellschaft finden
Atila Tosun ist bereits 13 Jahre alt, als auch er 1979 mit seinen Geschwistern nach Köln kommt. Sein neues Zuhause kennt er nur aus Erzählungen seiner Eltern. Er geht in eine deutsche Schule. Doch weil mittlerweile so viele Gastarbeiterkinder da sind, findet der Unterricht in der Förderklasse auf Türkisch statt. Für zusätzliche Deutschkurse fehlt ihm die Zeit. „Ich habe gemerkt, dass die Familie meine Unterstützung braucht und habe dann nach der Schule und am Wochenende gearbeitet“, erzählt er.
Trotzdem schafft er es, einen Abschluss zu machen, eine Ausbildung zu beginnen und seinen Platz in der deutschen Gesellschaft zu finden.
Erfolg durch eigene Bemühungen
Eine typische Biografie der zweiten Generation, sagt Yunus Ulusoy. Am Zentrum für Türkeistudien in Essen beschäftigt er sich mit der Integration der sogenannten Gastarbeiter und ihrer Nachfahren in Deutschland. „Diese Erfolgsgeschichten sind entstanden durch die eigenen Bemühungen der Menschen, nicht durch staatliche Unterstützung oder Angebote. Die gab es nicht“, sagt Ulusoy.
Es waren private menschliche Verbindungen, die die Integration der türkischen Familien damals ermöglichten. Engagierte Lehrerinnen oder Nachbarn, die sich kümmerten. So erlebte es auch Familie Tosun. „Wir haben viele ältere Menschen in unserem Umkreis kennengelernt. Wir waren hilfsbereit und dann haben sie uns auch mit Rat und Tat zur Seite gestanden“, erinnert sich Atila Tosun.
„Heute ein integraler Bestandteil Deutschlands“
Er sagt, er habe nie Probleme gehabt, mit Deutschen in Kontakt zu kommen. Er sei von der deutschen Gesellschaft gut aufgenommen worden. Doch diese Erfahrung machen nicht alle. Lange Zeit werden die neuen Mitbürger aus der Türkei als Fremde gesehen. „Nichts, was sie ausmacht, hat in der deutschen Gesellschaft damals eine Wertigkeit. Nicht die Sprache, nicht die Geschichte, nicht die Religion“, sagt Integrationsforscher Yunus Ulusoy.
Jetzt, 65 Jahre nach der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei, seien die Menschen ein Teil der deutschen Gesellschaft geworden, der auch aktiv mitgestaltet. „Als Kulturschaffende, als Politiker, Künstlerinnen – die Menschen sind heute ein integraler Bestandteil Deutschlands“, so Ulusoy.
Benachteiligungen wirken nach
Dennoch wirken die strukturellen Benachteiligungen der Anfangsjahre nach. So haben laut der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Natalie Pawlik (SPD), auch die Nachfahren der sogenannten Gastarbeiter aus der Türkei heute noch schlechtere Bildungschancen. Sie seien außerdem auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Wohnungssuche weiterhin von Diskriminierung und Vorurteilen betroffen.
Trotzdem ist Deutschland nicht nur Zuhause, sondern sogar Heimat geworden für viele. Auch für Atila Tosun, der hier seit mehr als 30 Jahren die Metzgerei führt und eine Familie gegründet hat. Seine Kinder und Enkelkinder stellen nicht mehr infrage, ob sie deutsch sind.
„Unsere Generation kann es sich nicht mehr vorstellen, in der Türkei zu leben. Wir kennen das Land nur aus dem Urlaub,“ sagt seine Tochter Yasemin Celik. Ihren zwei kleinen Söhnen bringt sie aber auch die türkische Sprache bei. „Sie sollen wissen, woher wir kommen und was unsere Kultur ist. Und sie sollen verstehen, was die erste Generation und unsere Eltern hier aufgebaut haben.“ Sie empfinde dafür große Dankbarkeit und Respekt, sagt sie.
