Ein Bergbaukonzern aus Hessen kontrolliert rund 30 Prozent des Weltmarktes für hochreine Pharmasalze. Was dort abgebaut wird, ist für viele Menschen überlebenswichtig.
Infusionslösungen kennt jeder, sie werden täglich millionenfach weltweit eingesetzt. Auf dem Plastikbeutel stehen Kürzel wie NaCl für Natriumchlorid oder KCl für Kaliumchlorid. Was die Wenigsten wissen: Das Salz für viele dieser lebenswichtigen Medizinprodukte kommt aus Osthessen, das Bergbauunternehmen K+S fördert den Rohstoff aus rund 1.000 Metern Tiefe.
„Es ist schon eine sehr große Wichtigkeit, die K+S hier einnimmt“, sagt Stefanie Navabi, die als Senior Marketing Managerin bei K+S für den Bereich Pharma zuständig ist. „Wenn man Natriumchlorid und Kaliumchlorid zusammen betrachtet, ist K+S tatsächlich der weltweit größte Hersteller dieser Pharma-Salze.“
Vom groben Rohsalz zum medizinischen Produkt
Was in rund 1.000 Metern Tiefe abgebaut wird, taugt aber noch lange nicht für den menschlichen Körper. Ein Team aus 38 Mitarbeitern sorgt dafür, dass in einem hochkomplexen, energieintensiven Prozess Fremdmineralien wie Magnesium, Steinsalz und Ton vollständig entfernt werden. Das Ergebnis: ein Produkt, dass eine Reinheit von bis zu 99,9 Prozent hat.
Täglich schaffen sie hier eine Tagesleistung von rund 95 Tonnen hochreinem Salz, dass nach Südamerika, in die USA, bis in den pazifischen Raum, nach Asien und Indien, verkauft wird. Vor allem bei Kaliumchlorid hat K+S eine Sonderstellung, denn es gibt nur sehr wenige Abbaugebiete auf der Welt. In Europa ist man der einzige Hersteller von hochreinen pharmazeutischen Salzen.
Wird die Rolle der Pharmasalze unterschätzt?
„Die pharmazeutischen Salze sind durchaus systemrelevant, denn jeder von uns ist schon mal mit ihnen in Berührung gekommen, zum Beispiel bei einer Infusion, bei einer Impfung“, sagt Stefanie Navabi, die sich aus diesem Grund auch ein anderes Bewusstsein für das Produkt wünscht. „Es ist extrem wichtig, dass die Versorgung sichergestellt wird, denn ein Ausfall wäre für uns alle ein großes Problem.“
Sie könnte sich vorstellen, dass Salz auf die Liste der kritischen Rohstoffe kommt, die von der Europäischen Union festgelegt wird. Auf dieser Liste stehen aktuell 34 Rohstoffe, zum Beispiel Lithium, Kupfer, Kobalt und Seltene Erden. Salz ist nicht auf ihr zu finden. Rudolf Pietschnig sieht die Debatte differenziert. Für den Chemie-Professor von der Universität Kassel ist Natrium weltweit zu oft vorhanden, um ein kritischer Rohstoff zu sein.
Was sagt die Wissenschaft?
Anders sieht er es bei Kaliumsalz, dass extrem selten ist. „Die Kaliumsalze sind essenziell zum Beispiel als Dünger in der Landwirtschaft, und da können wir uns glücklich schätzen, dass wir diese Ressource hier in so guter Qualität haben“, so Pietschnig. „Das ist vergleichsweise selten auf der Welt, und das heißt, das hat Kollateralschäden zur Folge, wenn wir da Probleme in der Rohstoffkette haben.“ Eine Einstufung als kritischer Rohstoff würde die politische Bedeutung der Salzproduktion erhöhen und den Zugang zu Förderungen und beschleunigten Genehmigungsverfahren ermöglichen.
Neben dem Produkt ist für den Experten aber die Bedeutung der Aufbereitungsanlage entscheidend. Er wirbt für einen anderen Umgang mit ihr: „Die Aufreinigung ist natürlich energieintensiv, und da sollte man eben auch aufgrund dieser grundlegenden Bedeutung schon darauf schauen, dass so etwas nicht abwandert, denn das ist schon essenziell.“
Bürokratie statt Rückendeckung
Aktuell hat das Werk in Hessen jedoch mit Standortnachteilen zu kämpfen. Neben den hohen Energiepreisen lähmt vor allem ein weltweiter bürokratischer Flickenteppich das Geschäft. Jahrzehnte dauernde Genehmigungsverfahren sind der Normalzustand. „Natürlich sind wir bei den Energiepreisen in Deutschland nicht gerade bevorzugt“, sagt Stefanie Navabi.
Aber die größte Herausforderung seien die verschiedenen Zertifizierungen und Registrierungen. Um pharmazeutische Salze einsetzen zu können, müssen sie bei den entsprechenden Behörden in den USA, in Deutschland oder Europa freigegeben werden. Die vielen regulatorische Anforderungen sind von Land zu Land unterschiedlich, und der Aufwand für das Unternehmen ist dementsprechend hoch.
Zukunftsfaktor Versorgungssicherheit
Wissenschaftler Pietschnig glaubt, dass die Bedeutung von hochreinen Salzen in Zukunft noch größer wird – zum Beispiel in der Batterieforschung. „Es gibt sehr große Forschungsaktivitäten, das deutlich seltenere und teurere Lithium durch Natrium zu ersetzen. Ich könnte mir vorstellen, dass Natrium-Batterien in der näheren Zukunft durchaus eine Alternative sein könnten, und das wäre dann eben ein neues bedeutendes Einsatzfeld.“
Sollten sich Natrium-Ionen-Batterien als echte Alternative für Elektroautos oder stationäre Stromspeicher etablieren, besitzt Deutschland bereits einen Standortvorteil. Die Infrastruktur und das Know-how zur Aufreinigung des Rohstoffs wären in Hessen bereits vorhanden. Nun liegt es an der Politik, dafür zu sorgen, dass diese Schlüsselindustrie aufgrund von Bürokratie und Energiekosten nicht ins Ausland abwandert. Gelingt das, wäre zumindest auf diesem Gebiet die Versorgungssicherheit in Deutschland nicht in Gefahr.

