„Tatort“ aus ZürichDie unüblichen Verdächtigen

Der Fall „Frei wie ein Adler“ setzt mit seiner inklusiven Besetzung auf ein besonderes Ensemble. Ein echter Casting-Coup – und eine wohltuende Herausforderung für die Sehgewohnheiten des Sonntagskrimis.
Am Ende ist es wieder mal die Liebe, die zählt und quält und den Menschen zum Äußersten bringt. „Ich will, dass du mich lieb hast“, hatte Paula von Jacob gefordert, „und ich will Sex“. Die junge Frau hatte ihm immerhin ein Alibi gegeben, obwohl er in der Nacht, als der Mord passierte, zeitweise gar nicht zu Hause war. Das Bemerkenswerte an diesem für einen „Tatort“ nicht eben unüblichen Setting: Paula wird gespielt von Juliane Siebecke, ihr Schwarm Jacob von Benjamin Raue, beide leben mit dem Downsyndrom.
Menschen mit Trisomie 21 standen in „Frei wie ein Adler“ im Mittelpunkt eines Mordfalles und nicht nur das, sondern auch als dringend Tatverdächtige. Keine Staffage oder Stichwortgeber für eine Geschichte über die vermeintlich andere Welt von Menschen mit Behinderung, stattdessen Figuren mit Temperament, mit eigenen Vorstellungen und Interessen, mit tiefen Emotionen, mal Freundschaft, mal Begierde.
Mehr als nur Randfiguren
„Paula weiß ziemlich genau, was sie möchte. Sie hat ihre eigenen Wünsche, ihre eigenen Gefühle und ihre eigene Vorstellung davon, wie sie leben will“, so Siebecke über ihre Rolle. „Mir gefällt, dass man sie als junge Frau und als eigenständige Persönlichkeit kennenlernt und ihre Story nicht über ihr Downsyndrom entwickelt wird.“
Benjamin Raue, der bereits in Filmen wie „Herzstolpern“ zu sehen war, sieht es ähnlich: „Jacob wird von der Polizei genauso ernst genommen wie andere Verdächtige. Er kann freundlich sein, aber auch wütend werden und Fehler machen. Menschen mit Trisomie 21 sind genauso unterschiedlich wie alle anderen Menschen – und genau diese Vielfalt möchte ich auch als Schauspieler zeigen.“
Das klingt selbstverständlich, ist im deutschen Fernsehkrimi aber keineswegs üblich. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen tauchen dort, wo sie überhaupt vorkommen, oft als Randfiguren auf: als Opfer, als hilfsbedürftige Schutzbefohlene oder als Anlass für eine besonders herzerwärmende Wendung. Hier bekommen sie Raum, selbst die Situation zu bestimmen. Auch das Unbequeme, Unberechenbare und Widersprüchliche gehört dazu – umso authentischer sind die rührenden Momente, die es natürlich auch gibt, etwa zwischen Jacob und dem Rockerboss Simon (Ronald Zehrfeld).
Raus aus der Nische
Dass dieser „Tatort“ trotz der Rockerbande aus der Klischee-Schublade so gut funktioniert, ist auch den fünf Schauspielerinnen und Schauspielern vom Theater „Hora“ zu verdanken. Das 1993 gegründete Zürcher Ensemble zählt zu den profiliertesten freien Theatergruppen der Schweiz. Seine Schauspielerinnen und Schauspieler haben kognitive Beeinträchtigungen, arbeiten aber professionell und mit künstlerischem Selbstverständnis. „Hora“ versteht sich nicht als therapeutische Beschäftigungseinrichtung, sondern als Theaterbetrieb, der die Grenzen dessen verschiebt, was auf einer Bühne als Schauspielkunst gilt. Die Zusammenarbeit mit einer großen Fernsehproduktion wie dem „Tatort“ ist deshalb auch ein Schritt aus der kulturellen Nische in die Wohnzimmer eines Millionenpublikums.
Der Titel „Frei wie ein Adler“ lässt sich dabei durchaus programmatisch lesen. Freiheit bedeutet hier nicht, von Unterstützung unabhängig sein zu müssen, sondern vor allem, selbst zu entscheiden, Fehler zu machen, lieben, streiten und ernst genommen werden. Der Zürcher „Tatort“ macht daraus keine Sozialreportage, sondern hält vor Augen, dass Inklusion nicht erst dann beginnt, wenn alle freundlich lächeln, sondern beim TV-Krimi auch dann, wenn der Mörder nicht wie sonst der Gärtner, der Gatte oder der Gangster ist, sondern, so eindringlich wie konsequent auserzählt, die unglücklich liebende Paula selbst.