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„Neue Phase“ im Ukraine-Krieg?: Ukraine überzieht Russland mit Drohnen-Attacken

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 6, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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„Neue Phase“ im Ukraine-Krieg?Ukraine überzieht Russland mit Drohnen-Attacken

06.05.2026, 19:01 Uhr

Von Martin Morcinek
Blick-aus-dem-All-auf-die-Oel-Pumpstation-bei-Perm-Die-fuer-das-russische-Pipeline-Netz-bedeutsame-Anlage-liegt-rund-1130-Kilometer-oestlich-von-Moskau-Die-Lagertanks-auf-dem-Gelaende-stehen-seit-ukrainischen-Angriffen-Ende-April-den-sechsten-Tag-in-Folge-in-Flammen-Satellitenaufnahme-vom-4-Mai-2026
Schmerzhafte Treffer im Hinterland: Die Pumpstation bei Perm brennt den sechsten Tag in Folge (Satellitenbild vom 4. Mai 2026). (Foto: Satellitenaufnahme © Copernicus Sentinel Data 2026)

Nächtliche Präzisionsangriffe mit weitreichenden Waffensystemen: Im Ukraine-Krieg bekommt Russland die neuen Fernschlagfähigkeiten der Ukrainer zu spüren. Binnen weniger Tage gehen nicht nur wichtige Anlagen der russischen Ölindustrie in Flammen auf. Karten und Satellitenbilder zeigen, wie hart die Ukraine zurückschlägt.

Beginnt sich das Blatt im vierten Kriegsjahr zu wenden? Seit einigen Wochen mehren sich Berichte über umfangreiche ukrainische Drohnenangriffe weit hinter der Front. Mit zunehmender Intensität attackieren ukrainische Drohnen Ziele im russischen Hinterland.

Ende März etwa gingen die Ölterminals im Verladehafen Ust-Luga an der Ostsee in Flammen auf. Nahezu zeitgleich schlagen Sprengköpfe ukrainischer Ljutyj-Drohnen in den Häfen von Primorsk und Wyborg nahe der finnischen Grenze ein. Mehrere Nächte lang kommt es in russischen Seehäfen am finnischen Meerbusen zu weiteren schweren Explosionen. Ust-Luga liegt knapp 1000 Kilometer von der Ukraine entfernt.

Die Bombardierung der Ölhäfen an der Ostsee setzen den Kreml unter Druck: Im Eiltempo begann das russische Militär Radartechnik, Personal und Abwehrraketen in den Norden zu verlegen, um den Großraum Sankt Petersburg besser zu schützen. Die Ukrainer verlagern kurz darauf ihre Angriffe in den Süden. Ukrainische Drohnen dringen in den Luftraum über der Krim ein und fliegen Militärflugplätze, Munitionsdepots und Häfen auf der besetzten Halbinsel an.

Schwere Detonationen erschüttern unter anderem die Lagertanks bei Feodossija auf der Krim. Über der Kosatscha-Bucht im Hafen von Sewastopol steigen dunkle Rauchsäulen auf. Im russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk, Rückzugsort der verbliebenen russischen Kriegsschiffe in der Region, brennt das Verladeterminal ab. Der 120 Kilometer weiter südöstlich gelegene Ölhafen von Tuapse wird gleich mehrfach unter Beschuss genommen.

Besonders bemerkenswert: Im Laufe des April gewinnen die ukrainischen Angriffe nicht nur an Intensität, sondern auch enorm an Reichweite. Selbst Regionen hinter der russischen Hauptstadt sind vor ukrainischen Angriffsdrohnen nicht mehr sicher. Mitte des Monats brennt es nach nächtlichem Beschuss etwa in der Öl-Verteilstation Gorki bei Kstowo in der Region Nischni-Nowgorod, rund 400 Kilometer östlich von Moskau.

Die für das russische Pipeline-Netz wichtige Anlage mit ihren Lagertanks liegt zwar nur knapp 1000 Kilometer von ukrainischem Boden entfernt. Für die zielgenaue Attacke mussten die angreifenden Drohnen jedoch mehrfach gestaffelte Abwehrriegel der russischen Luftabwehr überwinden. Die Ausfälle der Pumpen bei Kstowo lähmen den russischen Öl-Transport.

Solche Distanzschläge gelingen den Ukrainern mittlerweile beinahe täglich: Kurz vor den Einschlägen bei Kstowo explodieren ukrainische Gefechtsköpfe in einer ähnlichen Ölverteilstation in Proswet in der Region Samara sowie in den riesigen Raffinerien bei Sysran und Nowokuibyschewsk an der Wolga. Die im März 2025 präsentierte Langstreckendrohne vom Typ „Ljutyj“ kann die Ukraine mittlerweile offenbar in größeren Stückzahlen produzieren.

Selenskyj: „Weiten die Angriffe aus“

Mehrfach wechseln die ukrainischen Fernangriffe in diesem Frühjahr ihren Rhythmus und die Richtung: Nach den Häfen an der Ostsee, auf der Krim und am Schwarzen Meer sind unter anderem auch Rüstungsunternehmen, Munitionslager und Radaranlagen in näherer oder größerer Entfernung an der Reihe.

Blick-aus-dem-All-auf-den-Raffinerie-Standort-Kirischi-rund-100-Kilometer-suedoestlich-von-St-Petersburg-im-Nordwesten-Russlands-Ukrainische-Drohnenschlaege-zielen-auf-schwer-ersetzbare-Schluesselkomponenten-in-den-riesigen-Anlagen-Bildkollage-Archivaufnahmen
Gegen Angriffe aus der Luft schwer zu verteidigen: Der Raffinerie-Standort Kirischi, rund 100 Kilometer südöstlich von St. Petersburg im Nordwesten Russlands, hier die Situation vor den Angriffen. (Foto: Google Earth, Image © 2026 Maxar Technologies / Image © 2026 Airbus)

Präzise elektronische Aufklärung ermöglicht den vergleichsweise langsam fliegenden ukrainischen Drohnen, Lücken in der russischen Luftabwehr auszunutzen. Offene Flanken ermöglichen dann auch den Einsatz von schlagkräftigeren „Flamingo“- Marschflugkörpern ukrainischer Bauart.

In der Nacht auf den 19. April zum Beispiel wird eine Drohnenfabrik bei Taganrog an der Mündung des Don ins Schwarze Meer beschossen – knapp 130 Kilometer hinter der Front. Am 25. April wiederum melden Anwohner in Tscheljabinsk und Jekaterinburg Überflüge ukrainischer Ljutyi-Drohnen: Beide Städte liegen rund 1700 Kilometer von der Ukraine entfernt hinter dem Uralgebirge.

Der russische Luftraum scheint für ukrainische Angriffsflüge weitgehend offen. In Tscheljabinsk werden unter anderem Jagdbomber und Su-57-Kampfjets auf dem Militärflughafen Schagol attackiert, wie der ukrainische Generalstab bestätigt. In Tscheboksary in der russischen Region Tschuwaschien am Oberlauf der Wolga schlagen Anfang Mai ukrainische „Flamingos“ FP-5-Geschosse an einem Rüstungsstandort ein. Die russische Luftabwehr wirkt machtlos.

Zerstörte Raffinerien, fehlende Öl-Einnahmen

Die ukrainischen Angriffe aus der Luft treffen die russische Kriegswirtschaft tatsächlich an empfindlicher Stelle. Wichtige Raffinerien fallen aus, mehrere Schlüsselterminals sind beschädigt, zahlreiche Tanks komplett ausgebrannt, der Treibstoff fehlt an der Front. In den angegriffenen Raffinerien mangelt es an Ersatzteilen, die unter dem Druck westlicher Sanktionen nur schwer zu beschaffen sind. Mit jedem weiteren Einschlag brechen im Exportsektor weitere Kapazitäten weg.

Das Kalkül in Kiew ist nüchtern: Die Lage an der Front bleibt auch im vierten Kriegsjahr schwierig. Die ukrainischen Verteidiger stehen an mehreren Stellen wie etwa bei Kostjantyniwka, bei Lyman oder auch am Saporischschja-Abschnitt massiv unter Druck. „Die Angriffe auf russische Ölterminals stärken die ukrainische Verhandlungsposition“, fasst der Chef des Präsidialamts Kyrylo Budanow die beabsichtigte Wirkung der neuen Luftkriegsführung knapp zusammen.

Drohnen-Alarm zur Parade in Moskau?

Die Kosten des Krieges lasten schwer auf dem russischen Staatshaushalt. Der Kreml ist auf möglichst konstante Einnahmen aus dem Ölexport angewiesen. Zugleich erschüttert die Ukraine mit ihren nächtlichen Attacken das Selbstbild der russischen Propaganda: In Putins Riesenreich ist nicht mehr zu übersehen, wie sehr sich der russische Angriffskrieg von der „militärischen Spezialoperation“ zum katastrophalen Debakel entwickelt.

Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnet die ukrainischen Distanzschläge als „völlig gerechtfertigte Antworten auf den russischen Terror“. Tatsächlich nimmt die Ukraine – anders als das russische Militär – bisher ausschließlich Raffinerien, Ölhäfen und Rüstungsunternehmen ins Visier.

Und Russland droht Schlimmeres: Selenskyj spricht von einer „neuen Phase des Einsatzes ukrainischer Waffen“ und kündigt eine Ausweitung des Luftkriegs an. „Wir werden die entsprechenden Entfernungen weiter vergrößern.“ Selbst ein Überflug ukrainischer Drohnen zur Parade am 9. Mai in Moskau sei möglich.

Ziel der ukrainischen Angriffe bleibt seinen Worten zufolge jedoch die „Einschränkung des russischen Kriegspotenzials“. Es sei „offensichtlich, dass Russland seinen Krieg beenden“ müsse. „In diesem Sommer“, so Selenskyj, werde „der Moment kommen, an dem der russische Diktator Putin entscheiden wird, was er weiter tun will – den Krieg ausweiten oder den Weg der Diplomatie einschlagen.“ Selenskyj ist sich sicher: „Es ist an der Zeit, zur Diplomatie überzugehen.“

Quelle: ntv.de

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