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Aberwitzige Energie-Bürokratie: „Der Netzbetreiber sagt: Für die Leitung muss ich erst die Vogelwelt kartieren“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 28, 2026Keine Kommentare10 Minuten Lesezeit
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Aberwitzige Energie-Bürokratie„Der Netzbetreiber sagt: Für die Leitung muss ich erst die Vogelwelt kartieren“

28.06.2026, 10:11 Uhr Interview: Christian Herrmann und Clara Pfeffer
Windkraftanlagen-stehen-bei-sonnigem-Wetter-hinter-bluehendem-Raps-auf-einem-Feld-im-Landkreis-Vechta
Windkraftanlagen stehen auf einem Feld im Landkreis Vechta. (Foto: picture alliance/dpa)

Bakum ist eine kleine CDU-Gemeinde in Niedersachsen und Vorreiter bei der Energiewende: „Wir sind Strom-autark“, sagt Bürgermeister Tobias Averbeck im Interview. Anwohner steigen auf E-Autos um, weil sie immer häufiger kostenlos „tanken“ können. Spediteure wollen nachziehen. Andere Unternehmen liebäugeln mit der günstigen Energie der selbst ernannten Energiegemeinde. Doch die deutsche Bürokratie bremst Bakum aus: „Wir hätten genug Strom“, sagt Bürgermeister Averbeck. „Aber der Netzausbau hinkt dermaßen hinterher. Der Netzbetreiber kann schlicht keine Leistung bereitstellen.“ Die Lösung wäre offenbar simpel. Große Stromtrassen können Averbeck zufolge unkompliziert mit einer weiteren Leitung ausgestattet werden und anschließend doppelt so viel Strom transportieren. Die Behörden jedoch verlangen dafür jedoch so viele Gutachten wie für einen komplett neuen Strommast, obwohl das zusätzliche Leiterseil „keinerlei Auswirkungen außer mehr warme Vogelfüße hat“. Die Bundespolitik ignoriert das Problem. Sie möchte diesen Missstand in Person von Kanzler Merz und Energieministerin Reiche sogar zur neuen Richtgeschwindigkeit der Energiewende erklären. Parteikollege Averbeck schüttelt mit dem Kopf: „Wir verbieten ja auch nicht die Pkw-Zulassung, nur weil Stau ist.“

ntv.de: Bakum bezeichnet sich selbst als „Energiegemeinde“. Wie kommt’s?

Tobias Averbeck: Wir sind eine Strom-autarke Gemeinde. Alle Verbräuche kommen aus erneuerbaren Quellen und werden vollständig vor Ort produziert. Bei einem sogenannten Energiespaziergang bringen wir Ihnen das gerne näher.

Ein Energiespaziergang? Was zeigen Sie dort?

Vor allen Dingen fünf Gebäude, die wir stromtechnisch zusammengeschlossen haben. Die hatten fünf einzelne Netzanschlüsse. Die haben wir zu einem großen zusammengeführt. Jetzt versorgen wir sie mit drei PV-Anlagen und einem Speicher größtenteils selbst. Den überschüssigen Strom schicken wir auch nicht ins Netz, sondern verkaufen ihn zu einem moderaten Preis an unserer eigenen Ladesäule für Elektroautos.

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Tobias Averbeck wurde 2013 erstmals zum Bürgermeister der Gemeinde Bakum gewählt. Bei der Kommunalwahl 2021 wurde der CDU-Politiker im Amt bestätigt. (Foto: Gemeinde Bakum)

Ihre Anwohner haben bereits die passenden Autos dafür?

Tatsächlich stellen viele Verwaltungsmitarbeiter gerade ihren Fuhrpark um, weil sie festgestellt haben: Sie benötigen nicht mal eine eigene PV-Anlage, um zu profitieren. Die Tarife sind für alle interessant, denn in diesem Jahr war das Laden bereits zweimal kostenlos: Als die Börsenstrompreise extrem negativ waren, habe ich die PV-Anlagen ausgestellt und den Ladestrompreis auf null gesetzt, denn in diesem Moment hat das Energieverbrauchen Geld gebracht. Davon sollten diejenigen profitieren, die den Strom benötigen.

Es gab hoffentlich keinen Streit um die Ladesäule?

Tatsächlich gab es leichte Diskussion um die beiden Stecker (lacht). Aber nicht unter Einheimischen. Wir sind eine Autobahnkommune. Es sind nur drei Kilometer zum nächsten Anschlussknoten. Es kommen durchaus Durchreisende vorbei und streiten um die Stecker.

Dann ist es höchste Zeit, eine zweite Ladesäule zu bauen.

Wirtschaftlich ist das keine Frage. Wir haben in diesem Jahr allein seit Pfingsten mehr Kilowattstunden über diese beiden Stecker verladen als im kompletten letzten Jahr. Leider gibt unser Stromanschluss keine zweite Ladesäule her. Für zusätzliche Stecker müssten wir die Leistung herunterregeln, aber dann macht das Laden keinen Spaß mehr. Durchreisende wünschen sich ja eher einen schnellen Tankstopp.

Die langfristige Perspektive ist das aber nicht, oder? Die ein oder andere Anwohnerin möchte bestimmt auch ein E-Auto kaufen.

Natürlich nicht. Die eine Ladesäule ist eine ideale Ergänzung zu unserem eigenen Versorgungssystem. Als Autobahnkommune planen wir über unsere Energiegenossenschaft oder gemeinsam mit Wirtschaftspartnern bereits weitere Ladesäulen an der Autobahn – auch für Lkw. Wir haben einige Spediteure, die mit ihrem Fuhrpark ebenfalls in die elektrische Planung gehen wollen. Dafür hätten wir genug Strom, aber leider reichen die Kabel nicht.

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Im Zentrum von Bakum wird auf vielen Dächern Strom erzeugt. (Foto: Gemeinde Bakum)

Für den Netzausbau sind Netzbetreiber verantwortlich. Auf der Verteilnetzebene gibt es gut 850 verschiedene. Häufig heißt es: Das sind zu viele, das ist zu kleinteilig. Die haben zu wenige Mitarbeiter. Speziell den Kleinen fehlt häufig das Geld, aber auch Fachwissen.

Diese Probleme sind überall gleich. Wir als Kommune sind wie viele andere in Deutschland mittelbar an unserem Netzbetreiber beteiligt und haben einen guten Dialog. Natürlich gibt es gewisse Reibungen, über die man reden muss. Letztlich hat aber alles geklappt, was wir für die Bürgerinnen und Bürger umsetzen wollten. Deutlich stärker klemmt es, wenn wir versuchen, Energie möglichst gewinnbringend für die Wirtschaft bereitzustellen. Das hat aber weniger mit unserem Verteilnetz als mit dem Übertragungsnetz zu tun. Der Netzausbau auf der 110-Kilovolt-Ebene hinkt dermaßen hinterher, dass die Avacon uns schlicht und ergreifend keine Leistung bereitstellen kann. Das betrifft also nicht die „letzte Meile“ in Bakum oder im Landkreis Vechta, sondern den gesamten Nordwesten.

Was ist die Ursache für die Verzögerung?

Bürokratie. Das plakativste Beispiel sind die Leiterseile an einem 110-KV-Mast: Die Bestandsleitung wurde vor 60 Jahren verbaut und funktioniert tadellos. Man könnte unproblematisch ein zweites Leiterseil anbringen und die doppelte Menge Strom transportieren. Die deutsche Bürokratie sagt: Dafür ist ein neues Planfeststellungsverfahren notwendig.

Das sind die locker durchhängenden Seile zwischen den großen Strommasten?

Genau. Die sind alle an ein separates Planfeststellungsverfahren gekoppelt. Jedes Einzelne dauert drei bis vier Jahre, weil für das Umweltrecht sämtliche Gutachten erforderlich sind. Ich kann nachvollziehen, dass man genau hinschauen sollte, bevor man eine Stromleitung in die freie Landschaft zieht. Es macht im Planungsrecht aber keinen Unterschied, ob ich eine neue Leitung baue oder eine Bestandsleitung ertüchtige. Dieses Problem wurde lange Zeit nicht erkannt, liegt aber mittlerweile auf dem Tisch. Viele Stellen, auch wir als kleines Bakum, haben uns beschwert und gesagt: Es kann nicht sein, dass die Energiewende scheitert, weil die Bundesregierung möchte, dass wir den Zubau von Erneuerbaren auf Grundlage solcher Regelungen mit dem Netzausbau „synchronisieren“. Wir verbieten ja auch nicht die Pkw-Zulassung, nur weil Stau ist.

Die Netzstabilität spielt bei der Ertüchtigung der Stromleitung keine Rolle?

Nein. Technisch ist das umsetzbar und auch zwingend erforderlich. Allein in der Region Nordkreis Vechta befinden sich aktuell 75 Megawattstunden in der Zubau-Pipeline. Das ist eine ganze Menge, gibt das 110-KV-Netz aber nicht mehr her. Der Netzbetreiber sagt: Tut mir leid. Ich würde gern eine neue Leitung bauen oder eine Bestandsleitung vergrößern, aber für die Baugenehmigung muss ich jetzt erstmal die Vogelwelt kartieren.

Würde denn tatsächlich jemand klagen, wenn man einfach so ein neues Leiterseil installiert?

Wir als kleines Bakum finden auf dem ganz großen Radar nicht statt und tun, was sinnvoll ist. Das ist bei einem Netzbetreiber auf der 110-KV-Ebene anders. Der verbaut mehrere Millionen Euro. Diese Investition muss er absichern. Das kann ich nachvollziehen. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist, dass das Problem seit mehreren Jahren bekannt ist und bisher keine Regierung – egal welcher Couleur – gesagt hat: Das muss ohne Planstellungsverfahren gehen. Das zusätzliche Leiterseil sorgt für mehr warme Vogelfüße. Ansonsten hat das keine Auswirkungen auf die Umwelt.

Beim Bau von Windkraftanlagen oder der Instandhaltung der Autobahnen wurden die Verfahren beschleunigt, weil sie von überragendem öffentlichem Interesse sind. Wünschen Sie sich das für den Netzausbau auch?

Uns und den Netzbetreibern hilft jede Planungserleichterung. Das Stromnetz ist genauso wichtig wie Verteidigungsinfrastruktur. Die größte Planungserleichterung ist aber der Planungsverzicht. Die Übertragungsnetzbetreiber sollen für ein zusätzliches Leiterseil gar nicht überlegen müssen, ob sie eine Baugenehmigung benötigen. Das ist einfach Unsinn. Es wird doch nichts hinzugebaut. Bei diesen Leitungen muss gesagt werden: Wir brauchen sie. Machen wir. Punkt. Das würde dem Netzausbau und damit der Energiewende ein Wahnsinnstempo verleihen. Immerhin wird derzeit mit unserem Netzbetreiber und dem Ministerpräsidenten in Hannover eruiert, was zu tun ist; was Land und Bund beisteuern können und müssen.

Das erste Jahr der schwarz-roten Bundesregierung lief nicht so toll. Sind Sie zuversichtlich, dass es besser wird?

Als Bürgermeister bin ich grundsätzlich Optimist. Sonst kann man diesen Job nicht machen. Ich hoffe, dass die Gesetzesideen, die aktuell diskutiert werden, an der einen oder anderen Stelle nachgearbeitet werden. Das ist erforderlich. Es geht auch deshalb nicht voran, weil sie Unzulänglichkeiten aufweisen.

In einer neuen Umfrage haben 75 Prozent der Befragten gesagt: Katherina Reiche ist eine Fehlbesetzung. Selbst zwei Drittel der Unions-Anhänger sind unzufrieden mit ihrer Arbeit. Brauchen wir eine neue Wirtschafts- und Energieministerin?

Wir brauchen auf jeden Fall einen Kurswechsel in der Sachlichkeit und Fachlichkeit. Es wird sehr auf Engpässe im Stromnetz geachtet und zu wenig auf Chancen, die sich aus den Erneuerbaren ergeben – auch auf kommunaler Ebene. Wir möchten die Energie, die vor Ort produziert wird, möglichst gewinnbringend einsetzen, um Wachstum und Wirtschaftskraft zu generieren. Das funktioniert. Nur deshalb siedelt sich gerade ein Recyclingunternehmen bei uns an. Das möchte aus Elektrokomponenten Edelmetalle und seltene Erden zurückgewinnen. Tolle Story. Deshalb fragen wir uns: Wie können wir mehr Energie bekommen?

Das hören wir häufiger. Warum wird das auf Bundesebene nicht wahrgenommen?

Das kann ich nicht sagen. Die Industrie- und Handelskammern und die Wirtschaftsverbände stecken das sicherlich durch, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass die Realität nicht immer auf der ministeriellen Ebene ankommt. Fakt ist, dass sich bei uns vor Ort immer mehr Firmen und Betriebe mit Dingen wie Kreislaufwirtschaft oder einer elektrifizierten Logistik beschäftigen – natürlich auch getrieben von den hohen Spritpreisen der vergangenen Monate. In vielen Bereichen wird es auf Basis der Erneuerbaren erheblich günstiger und sicherer, wenn man sich internationale Turbulenzen anschaut. Speziell, wenn sie möglichst stark vor Ort genutzt werden. Wir versuchen derzeit, eine Windenergieanlage in einem Gewerbegebiet zu bauen. Der Strom würde sofort verbraucht, es gäbe keinerlei Netzprobleme. Besser geht es nicht. Sie können sich nicht vorstellen, wie kompliziert das planungsrechtlich ist …

Schwieriger als ein Leiterseil?

Es ist dasselbe Spiel (lacht). Wir müssen den Bebauungsplan ändern, Beteiligungsrunden noch und nöcher fahren und Landschaftsbildanalysen aufzeigen, weil kein 20 Meter langes Hallengebäude, sondern eine 260 Meter hohe Windenergieanlage entsteht. Unglaublich.

Proteste aus der Bevölkerung sind gar kein Thema mehr?

Wir haben von 2011 bis 2022 einen Windpark entwickelt. Es sollten acht Anlagen entstehen, drei sind es geworden. Warum? Weil 24 Anlieger geklagt haben. Der NABU Niedersachsen hat ein Erneuerbare-Energien-Projekt kaputtgemacht. Es gab Bürgerproteste. Das war nicht lustig. Offenbar fehlte damals die Glaubwürdigkeit, dass Windkraft uns wirtschaftlich helfen wird. Diese Situation hat sich um 180 Grad gedreht. Wir haben über drei Jahre 280 Hektar Windvorrangflächen ausgewiesen. In der gesamten Zeit gab es drei bis fünf kritische Stellungnahmen. Vom NABU-Kreisverband Vechta gar keine.

Haben sich die damaligen Gegner bei Ihnen für die Klagen entschuldigt?

Nein. Einige sind immer noch strikt gegen Windenergie, aber das ist etwas Persönliches. Die größere Zahl sagt: Alles gut, weitermachen. Auch, weil wir als neuen Hebel Beteiligungsgesetze des Landes Niedersachsen haben und die Bürger an den Projekten beteiligt werden können. In dieser Hinsicht ist unglaublich viel passiert. Das hat enorm aufs Akzeptanz-Konto eingezahlt. Der Ukraine-Krieg hat das Thema auf eine ganz andere Eben gehoben.

Sie haben zusammen mit 600 anderen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern an der Befragung „Kommunale Energiepolitik“ teilgenommen. Dort wurde erfragt, was gut und was schlecht läuft und wie die Akzeptanz der Energiewende ist. Bakum wurden als Vorreiter vorgestellt. Bei Ihnen ist alles im Lot?

Ja. Die Menschen sind stolz auf ihre Gemeinde und auf das, was wir hier tun. Bei Themen wie Energy Sharing haben wir mit 40 Bürgerinnen und Bürgern gesagt: Lasst uns das einfach ausprobieren. Die Möglichkeit, mitmachen zu können, hat wirklich einen unglaublichen Wandel ausgelöst. Der eine oder die andere war deshalb inzwischen auch im Fernsehen oder im Radio. Das stiftet Identität. Ich möchte an dieser Stelle auch ein großes Dankeschön an unsere Gemeinde loswerden: Hier wird nicht gegeneinander gearbeitet, sondern miteinander.

Zahlt es auch aufs Parteikonto ein? In ihrer Gemeinde wählen 76 Prozent der Menschen CDU. Auf Bundesebene schaut die Union eher kritisch auf erneuerbare Energien.

Das ärgert mich. Erneuerbare Energien haben etwas sehr Konservatives, aber auf Bundesebene scheint es zu wenige Leute zu geben, die das genauso sehen und Mitstreiter sein wollen. Dieses Thema haben wir uns einfach von einer anderen Partei wegnehmen lassen und das kriegen wir auch nicht mehr zurück. Deswegen ist es für die Union auch so schwer, Energiegesetze vorzuschlagen. Wenn gesagt wird, man wolle etwas „systemisch zusammenbringen“, können alle anderen immer sagen: Jetzt wollen sie wieder ausbremsen.

Sie sehen keine Chance, dass sich die Union das Thema zurückholt?

Das geht nur, wenn es Köpfe gibt, denen man glaubt, dass sie es wirklich so meinen, weil sie das bereits umgesetzt haben.

Mit Tobias Averbeck sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ anhören.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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