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Aktuell fünf „Gigantensprachen“: Gab es in der Antike Zehntausende Sprachen?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 26, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Aktuell fünf „Gigantensprachen“Gab es in der Antike Zehntausende Sprachen?

Illustration im Alten Testament: „Der Turmbau zu Babel“. Demnach vertreibt Gott die Erbauer in alle Länder und gibt ihnen verschiedene Sprachen (historische Illustration von 1877). (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Sprache ist der fundamentale soziale Klebstoff der Gesellschaft. Weltweit werden rund 7500 verschiedene Sprachen genutzt. Doch die Zahl wird kleiner. In der Antike war die Sprachvielfalt bedeutend größer als heute, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Als die Menschen den Turm zu Babel bauten, so steht es in der Bibel, verständigten sie sich in einer einzigen Sprache. Von Hybris getrieben, wollten sie bis in den Himmel bauen – deswegen schickte Gott seine Strafe: die babylonische Sprachverwirrung. Aus der gemeinsamen Ursprache wurden viele Sprachen, sodass die Menschen einander nicht mehr verstanden und sich in die ganze Welt verstreuten.

Als mögliches reales Vorbild für die alttestamentarische Geschichte gilt oft der Tempelturm Etemenanki, der in das 6. Jahrhundert vor Christus datiert wird. Etwa zu jener Zeit, heißt es nun in einer Studie, könnte tatsächlich die größte Sprachenvielfalt auf der Welt geherrscht haben. Möglicherweise verständigte sich die Menschheit in einer Zeit von etwa 1000 vor Christus bis 1000 nach Christus mit Zehntausenden Sprachen.

Erst nahm die Sprachenvielfalt zu, dann wieder ab

Sogar von einem „Goldenen Zeitalter“ ist in der Studie die Rede, welche ein internationales Forschungsteam aus Spanien, den USA und Deutschland im Fachblatt „Science“ veröffentlicht hat. Denn zuvor, zu Beginn des Holozäns vor etwa 12.000 Jahren, seien noch weniger Sprachen gesprochen worden, möglicherweise 4500 bis 6200. Dann habe die Vielfalt zugenommen, weil die Bevölkerung wuchs.

Vor etwa 1000 bis 3000 Jahren sehen die Forschenden den Höhepunkt der Sprachenvielfalt – möglicherweise seien es zu diesem Zeitpunkt zehnmal so viele Sprachen gewesen wie im frühen Holozän. Das wären dann also ganz grob um die 50.000 Sprachen gewesen. Mit der zunehmenden Ausbreitung großer Staaten und Imperien habe dann der rasche Rückgang eingesetzt.

Studie ist eine grobe Rekonstruktion

Das Forschungsteam trifft seine Aussagen nicht durch das Zählen prähistorischer Sprachen, sondern mithilfe von Computermodellen. Ausgangspunkt dafür sind ethnografische Daten von 171 Jäger- und Sammlergesellschaften. Damit schätzt das Team die Verteilung von Gruppen, die jeweils eine eigene Sprache hatten, und kombinierte diese mit Schätzungen zur Weltbevölkerung.

„Eine erste Überraschung war, dass es unmittelbar vor der Einführung der Landwirtschaft weltweit vermutlich keinen außergewöhnlich großen Sprachreichtum gab. Höchstwahrscheinlich gab es sogar weniger Sprachen als heute“, erklärt Russell Gray, Direktor der Abteilung für Sprach- und Kulturevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

„Die sprachliche Vielfalt nahm dann über Jahrtausende hinweg zusammen mit der wachsenden menschlichen Bevölkerung zu“, führt er weiter aus. Denn durch die zunehmende praktizierte Landwirtschaft und technologische Innovationen hätten mehr und mehr Nahrungsmittel produziert werden können.

Dominante Sprachen setzen sich durch

Auf das „Goldene Zeitalter“ folgte demnach ein rascher Rückgang. Als frühe Imperien sich ausbreiteten, seien einst getrennt lebende Gruppen in ständigen Austausch miteinander getreten – und einige dominante Sprachen hätten sich durchgesetzt. Die Sprachen jener Gruppen, die expandierten, überlebten demnach viel häufiger, wohingegen die Sprachen der aufnehmenden Gruppen eher ausstarben.

Die Sprachen, die wir heute sehen, seien die überlebenden, sagt Erstautor Damian Blasi, der an der Catalan Institution for Research and Advanced Studies (ICREA) und der Harvard University forscht. „Aussterbeprozesse könnten die sprachliche Vielfalt viel stärker geprägt haben, als uns bisher bewusst war.“

Experte: Aussagen unsicher

Der Sprachwissenschaftler Johann-Mattis List von der Universität Passau, der an der Veröffentlichung nicht beteiligt war, gibt zu bedenken, dass solche Studien immer mit sehr vielen Unsicherheitsfaktoren behaftet seien. „Man weiß schlicht nicht, wie es war“, sagt er. Trotzdem sei es gut, dass solche Studien gemacht würden.

Erstautor Blasi antwortet darauf, die Modelle seiner Studie seien „sehr robust“ und die Annahmen „ziemlich vernünftig“ – aber wenn nächstes Jahr jemand ein noch besseres Modell präsentiere, könne es durchaus sein, dass es neue Erkenntnisse gebe. Für die Zeit vor dem Gebrauch der Schrift vor rund 6.000 Jahren gebe es keine direkten Beweise für Sprachenvielfalt. Und selbst danach noch, bis in die jüngste Vergangenheit, seien die Nachweise sehr lückenhaft.

„Gigantensprachen“ und verlorene Sprachen

Einen Schwenk macht die Studie zur aktuellen Lage: Derzeit gebe es rund 7500 Sprachen, doch nehme die sprachliche Vielfalt stark ab – während sich eine Handvoll „Gigantensprachen“ ausbreiteten, darunter Englisch, Spanisch, Mandarin, Arabisch und Hindi.

„Fast fünf Milliarden Menschen sprechen mindestens eine der zehn am häufigsten gesprochenen Sprachen, während die Hälfte aller Sprachen der Welt mittlerweile vom Aussterben bedroht ist“, schreibt das Forschungsteam. Jedes Jahr verliere die Welt etwa vier Sprachen – und damit auch das kulturelle und wissenschaftliche Wissen, das in Minderheitensprachen verankert ist.

Quelle: ntv.de, Doreen Garud, dpa

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