Seit einigen Jahren erstarkt in der ölreichen Provinz Alberta im Westen Kanadas eine Separatistenbewegung – unterstützt auch von US-Präsident Trump. Heute wird über ein mögliches Unabhängigkeitsreferendum abgestimmt.
Kanadas Premierminister Mark Carney ist nicht zu beneiden. Seit mehr als einem Jahr kämpft er gegen die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump und verteidigt sein Land gegen Trumps Annexionsgelüste. Auch wenn Carney die Mehrheit der Kanadier hinter sich weiß, die durch Trumps Zölle verursachten wirtschaftlichen Probleme sorgen für ein Erstarken separatistischer Kräfte.
In der französischsprachigen Provinz Québec eroberte kürzlich erstmals seit 2014 wieder die separatistische Parti Québécois die Macht. Sie strebt ein erneutes Unabhängigkeitsreferendum in der Provinz an, sobald Trump nicht mehr im Weißen Haus ist.
Junge Separatistenbewegung in wirtschaftsstarker Region
Während die Separatisten in Québec traditionell stark sind, ist die Abspaltungsbewegung in Alberta relativ jung. Und anders als Quebec ist das ölreiche Alberta mit seinen Großstädten Calgary und Edmonton wirtschaftlich sehr erfolgreich, wie Darrell Bricker, Chef des Meinungsforschungsinstituts Ipsos in Toronto, erklärt. „Alberta hat die am schnellsten wachsende Bevölkerung in Kanada und ist Motor des kanadischen Wirtschaftswachstums“, sagt Bricker.
Erst die Einschränkungen während der Corona-Zeit sowie die Umwelt- und Klimapolitik des früheren Premierministers Justin Trudeau hätten zu einem Erstarken der Separatisten geführt, erklärt Meinungsforscher Bricker. Die jüngsten Umfragen zeigen, dass sich bei der Volksabstimmung heute etwa jeder vierte Stimmberechtigte für ein Unabhängigkeitsreferendum aussprechen wird.
Das sind erstaunlich viele, wenn man bedenkt, dass sowohl Kanadas Premierminister Carney als auch die konservative Regierungschefin der Provinz Alberta, Danielle Smith, eine Abspaltung entschieden ablehnen. Die konservative Regierungschefin nutzt die Volksabstimmung jedoch als Druckmittel gegenüber Carney, damit seine Regierung mehr für Alberta tut.
Carney warnt vor Brexit-Lehren
Dies erinnert viele in Kanada an den früheren britischen Regierungschef David Cameron und sein Brexit-Referendum. Weshalb Mark Carney, damals Chef der Bank of England, die Separatisten vor „einer gefährlichen Illusion“ warnte: „Ich habe aus nächster Nähe erlebt, dass sich viele Briten damals eine bessere Verhandlungsposition gegenüber Brüssel erhofft hatten. Jetzt, zehn Jahre später, versuchen sie mühsam, das wieder rückgängig zu machen, was sie damals tatsächlich bekommen haben.“
Unterstützung erhielt die Abspaltungsbewegung in den Sozialen Medien durch russische Einflussnahme und noch direkter durch US-Präsident Trump und die MAGA-Bewegung. Dreimal wurden die Anführer der Separatisten im Weißen Haus und im US-Außenministerium empfangen.
Versprechen gegen die Abspaltung
Carney, der selbst aus Alberta stammt, ging in den vergangenen Wochen in die Gegenoffensive. Während sein Amtsvorgänger Trudeau neue Investitionen in die Öl- und Gasindustrie aus Klimaschutzgründen ablehnte, versprach Carney den Bau einer neuen Öl-Pipeline von Alberta an den Pazifik, eine Hochgeschwindigkeitszugstrecke zwischen Calgary und Edmonton und den Bau Tausender neuer Wohnungen.
Nichts von dem werde gelingen, „wenn wir gespalten sind“, so Carney. „Große Dinge kann man nicht über Trennlinien aufbauen. Wir müssen stark sein und gemeinsam sind wir stärker.“
Auch wenn das Ergebnis der Volksabstimmung heute rechtlich nicht bindend ist – Carney muss sich sorgen, dass die Fliehkräfte in seinem Land größer werden.

