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Auch Warschau senkte Steuern: Polnischer Billig-Sprit lockt Deutsche trotz Grenzkontrollen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerNovember 1, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Auch Warschau senkte SteuernPolnischer Billig-Sprit lockt Deutsche trotz Grenzkontrollen

01.11.2026, 11:46 Uhr

Von Tomasz Kurianowicz
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Wie viel Zeit die Menschen mit Grenzkontrollen auf sich nehmen, um in Polen zu tanken, wird nirgends erfasst. (Foto: picture alliance/dpa)

Deutschland und Polen führen beide an ihrer gemeinsamen Grenze Kontrollen durch. Gleichzeitig deckelt Warschau die Spritpreise: Wer in Polen volltankt, spart rund 30 Euro. Die deutschen Autofahrer zieht es somit weiter zu ihren Nachbarn.

Lubieszyn hat weniger als hundert Einwohner, aber fünf Tankstellen. Das polnische Dorf liegt direkt an der Grenze zu Vorpommern und lebt von Kunden mit deutschen Kennzeichen. „Lubieszyn ist zu einer einzigen großen Zapfsäule für die ganze Region geworden“, sagte ein Anwohner im Frühjahr der polnischen Nachrichtenagentur PAP. Seit dem 3. Oktober deckelt Polen die Spritpreise wieder. Für deutsche Autofahrer lohnt sich der Weg über die Grenze.

Und die Grenzkontrollen? Almut Undisz leitet ein Theater im Oderbruch und fährt regelmäßig bei Hohenwutzen über die Oder. Die meisten Autofahrer störten die Kontrollen kaum, sagt sie ntv.de. Kontrolliert werde eher vereinzelt, nachts gar nicht.

Am 27. Oktober kostete ein Liter Super E10 laut ADAC im Bundesschnitt 2,084 Euro, Diesel 2,289 Euro. In Polen galt am 29. Oktober ein Höchstpreis von umgerechnet etwa 1,48 Euro für Superbenzin und rund 1,86 Euro für Diesel. Bei Benzin beträgt der Unterschied rund 60 Cent pro Liter, bei Diesel gut 40 Cent. Wer 50 Liter Benzin tankt, spart in Polen also rund 30 Euro.

Dahinter steckt die Politik auf beiden Seiten. Deutschland senkte zum 1. Oktober die Energiesteuer um gut 14 Cent je Liter, eine Reaktion auf den Ölpreisschock durch den Iran-Krieg. Polen geht weiter: Das Programm „Ceny Paliwa Niżej“ („Niedrigere Spritpreise“) senkt die Mehrwertsteuer auf Kraftstoff von 23 auf 8 Prozent, kappt die Verbrauchsteuer und schreibt den Tankstellen täglich Höchstpreise vor. Beide Programme laufen bis zum 31. Dezember.

Den Kraftstoff darf man im Tank und bis zu 20 Liter im Reservekanister steuerfrei nach Deutschland mitnehmen. Der Zoll kontrolliert das stichprobenartig. „Der deutsche Kunde tankt immer in den Kanister und nimmt ihn mit“, berichtete die Leiterin einer Tankstelle in Zgorzelec.

Zwei Kontrollen für Weg zur Zapfsäule

Wer zum Tanken nach Polen fährt, muss mit Kontrollen auf beiden Seiten rechnen. Deutschland kontrolliert an der Grenze seit Oktober 2023 und hat die Maßnahmen bis zum 15. März kommenden Jahres verlängert. Polen zog im Juli 2025 nach, als Antwort auf Berlin. Seine Kontrollen laufen bis zum 30. März 2027.

Bei Hohenwutzen fällt das kaum ins Gewicht. Anders an den großen Grenzübergängen. Über die A12 bei Frankfurt (Oder) rollen jährlich rund vier Millionen Lkw. Rund 14.000 Menschen aus Polen pendeln täglich zur Arbeit nach Brandenburg, allein bei Tesla arbeiten etwa 2000 Polen. „Ein Lkw, der dies- oder jenseits der Grenze warten muss, verzögert gegebenenfalls seine Ankunft in Rotterdam oder Vilnius“, schreibt die IHK Ostbrandenburg auf Anfrage von ntv.de. „Die Folgen der Staus pflanzen sich also quer durch die EU fort.“

2024 sah Słubices Bürgermeisterin Marzena Słodownik ihre Stadt gar „im Zustand vor dem Herzinfarkt“. Seit die Spuren auf der A12 neu aufgeteilt wurden, hat sich die Lage laut IHK gebessert, Staus gibt es aber weiterhin. Die Kammer warnt zudem vor Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt: Wer aus Polen zur Arbeit nach Deutschland pendelt und regelmäßig an der Grenze wartet, sucht sich womöglich einen Job in der Heimat. „Die Löhne in Westpolen wachsen. Die Wirtschaft brummt.“

Wie lange Autofahrer und Lkw tatsächlich an der Grenze warten, weiß niemand genau. „Eine belastbare systematische Erfassung von Wartezeiten erfolgt bei der Bundespolizei nicht“, teilt die Bundespolizeidirektion Berlin mit. Auch der polnische Grenzschutz führt keine entsprechende Statistik. Für Staus macht die Bundespolizei vor allem Baustellen, das Sonntagsfahrverbot für Lkw und eine nicht angepasste Infrastruktur verantwortlich. Ihr Fazit: „Die Freizügigkeit und der freie Warenverkehr werden nicht eingeschränkt.“ Die IHK sieht das anders: Der freie Waren- und Personenverkehr sei „seit drei Jahren nicht gegeben“.

Belastbare Zahlen darüber, wie viele Deutsche zum Tanken nach Polen fahren, liegen ebenfalls nicht vor. Als Polen 2022 schon einmal die Steuern auf Sprit senkte, meldete der Zentralverband des Tankstellengewerbes bei Pächtern im Grenzgebiet Umsatzeinbußen von bis zu 50 Prozent.

Rund 1200 Personen an der Grenze zurückgewiesen

Marek Poznański, der das Containerterminal in Frankfurt (Oder) leitet, mag über die Grenzkontrollen nicht mehr reden. Am Telefon klingt er resigniert. Er habe sich schon zu oft beschwert, ohne dass sich etwas geändert habe. Beide Länder hielten an den Kontrollen fest, weil sie sich politisch gut verkaufen ließen, kritisiert Poznański. Die Regierungen könnten damit zeigen, dass sie gegen illegale Migration vorgingen. Ob die Maßnahmen tatsächlich wirkten und welche Folgen sie für die Wirtschaft hätten, spiele offenbar eine untergeordnete Rolle.

Was bringen die Kontrollen? Die Bundespolizeiinspektion Frankfurt (Oder) hat von Januar bis August 1223 Menschen zurückgewiesen. Wie viele sie dafür insgesamt kontrollierte, teilt sie nicht mit. Acht Schleuser stellte sie in diesem Zeitraum fest. Fahndungstreffer zu Haftbefehlen verzeichnete sie dagegen allein bis Juli 336. Wie wirksam die Kontrollen Schleusungen verhindern, lässt sich daraus nicht ableiten. Das Bundesinnenministerium erklärt dennoch, die Schleusungskriminalität werde „entscheidend bekämpft“.

Der polnische Grenzschutz bewertet seine Zahlen ebenfalls als Erfolg. Seit Juli 2025 hat er an der Grenze zu Brandenburg und Sachsen knapp 1,2 Millionen Menschen überprüft. Nur einem von gut 1300 verweigerte er die Einreise, meist wegen fehlender Papiere. Festgenommen wurden zehn Menschen, die illegale Migration unterstützt oder organisiert haben sollen. „Die statistischen Daten sprechen für die Wirksamkeit der Kontrollen“, schreibt ein Sprecher auf Anfrage von ntv.de.

Tatsächlich hat sich die Zahl unerlaubter Einreisen über die polnische Grenze von 2024 auf 2025 halbiert und ist seither weiter gesunken. Berlin führt den Rückgang auf seine Politik zurück. Ob das an den Kontrollen liegt, kann man bezweifeln. Die EU-Kommission hielt die Begründung der Verlängerungen im Juni jedenfalls für unzureichend.

Hohe Kosten für Grenzkontrollen

Für sämtliche deutschen Landgrenzen beziffert die Bundesregierung die Mehrkosten der Kontrollen von September 2024 bis Juni 2026 auf rund 195 Millionen Euro. Wie hoch der Anteil an der Grenze zu Polen ist, geht aus dieser Zahl nicht hervor. Ein Ende? Nicht in Sicht. Die Kontrollen seien nötig, „bis das kürzlich in Kraft getretene Gemeinsame Europäische Asylsystem seine Wirkung nachhaltig entfaltet“, schreibt das Bundesinnenministerium. Erst dann „kann über ein Ende der Binnengrenzkontrollen befunden werden“. Polens Premier Donald Tusk macht das Ende der polnischen Kontrollen von Berlin abhängig. Wann es kommt, steht in den Sternen. Marek Poznański geht von weiteren Jahren aus.

Fest steht: Die Maßnahmen kosten Geld, das an anderer Stelle fehlt. Und der Finanzbedarf wächst. Polen etwa gibt Millionen aus, um die Spritpreise niedrig zu halten. Allein für einen zweiwöchigen Preisdeckel im August stellte der Staat laut „Wirtschaftswoche“ rund 116 Millionen Euro bereit. Damit subventioniert der polnische Fiskus auch jeden Liter, den Autofahrer aus Pasewalk oder Görlitz jenseits der Grenze tanken.

Für Warschau könnte der Tanktourismus selbst zum Problem werden. Energieminister Miłosz Motyka drohte bereits im Frühjahr damit, das Tanken für Ausländer notfalls einzuschränken – regional oder landesweit. Doch das EU-Recht verbietet eine solche Ungleichbehandlung.

So kontrollieren Deutschland und Polen weiterhin beide ihre gemeinsame Grenze, während beide Regierungen zugleich Kraftstoff verbilligen und damit für Deutsche Anreize schaffen, sie zu überqueren. Wer in Polen tankt, spart viel Geld. Wie viel Zeit er dafür an der Grenze verliert, kann ihm keine der beiden Regierungen sagen.

Quelle: ntv.de

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