Singapur, Japan, SüdkoreaMerz bekommt Orchidee, aber er will so viel mehr

In Singapur, Japan und Südkorea wirbt Bundeskanzler Merz für mehr Zusammenarbeit. Er stößt auf offene Ohren, nicht nur weil die Länder Trump-Leidensgenossen sind.
Der Start in diese Reise war schon mal nach dem Geschmack von Friedrich Merz. Sie beginnt zu Wochenbeginn in Singapur mit Orchideen-Diplomatie. An diesem Morgen wird die lila-zimt-braune Pflanze ganz offiziell nach dem Bundeskanzler benannt: „Vanda Friedrich Merz“. Die Orchidee ist die Nationalpflanze Singapurs. Es hat Tradition, dass hochrangige Gäste dort geehrt werden, indem eine Orchideensorte nach ihnen benannt wird.
Angela Merkel hat eine, Olaf Scholz auch und jetzt eben auch Friedrich Merz. Und der sieht sehr zufrieden aus, als er das Namensschild in den Übertopf steckt. Der Bundeskanzler bedankt sich überschwänglich, spricht von einer „großen Ehre“. Vielleicht war’s ein gutes Omen.
Denn seine bisher längste Auslandsreise nach Singapur, Japan und Korea läuft ziemlich harmonisch. Merz hat eine große Wirtschaftsdelegation dabei: CEOs großer Konzerne wie der Telekom, Airbus, Siemens. Aber auch Mittelständler und Start-Ups sind an Bord.
Denn Merz ist nicht aus botanischen Gründen um die halbe Welt gereist – aber und auch nicht nur, um Geschäfte einzufädeln. In früheren Zeiten wäre das der Hauptzweck eines solchen Trips gewesen.
Doch die Welt hat sich verändert. „Wir sind Zeugen, wie eine neue Weltordnung entsteht“, sagt Merz in einer programmatischen Rede am staatlichen Yusof-Ishak-Institut in Singapur. Was er damit meint: Die USA, Russland und China, Trump, Putin und Xi scheren sich nicht um kleinere Länder, machen Großmachtpolitik. Grönland, Ukraine, Taiwan sind nur drei Schlagworte.
Auf der Suche nach neuen Partnern
Zusammen sind die kleineren Länder stark, das ist Merz‘ Botschaft. In seiner Rede wirbt Merz für eine engere Zusammenarbeit nicht nur mit dem wohlhabenden Stadtstaat, sondern auch mit Japan und Südkorea. Diese seien drei der wichtigsten Partner der Region für Deutschland, ebenso wie Indien, Indonesien und Vietnam. Bei KI und Robotik, bei Rohstoffen und Verteidigung solle man enger zusammenarbeiten. Deutschland sucht neue Partner – politisch, wirtschaftlich, militärisch.
Aber es geht um mehr. Darum, sich Partner mit den gleichen Werten und Interessen zu suchen wie Rechtsstaatlichkeit, regelbasierter Handel, Völkerrecht. Das ist ein weltweites Projekt – während Merz durch Ostasien reist, ist EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Montreal, um die Beziehungen zu Kanada zu vertiefen. Dessen Premier Mark Carney hatte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eindringlich für eine Allianz der Mittelmächte geworben. Auch das Freihandelsabkommen der EU mit dem Südamerika-Block Mercosur gehört zu dieser Strategie. Mehr Freihandel will Merz auch mit den Staaten des Indo-Pazifiks. Beide Seiten würden mehr als ein Drittel des Welthandels vereinen.
Dabei haben Singapur, Japan und Südkorea eines gemeinsam: Sie sind nicht China. Das Verhältnis zu dem Land sei „nuancierter“ geworden, sagt Merz sehr diplomatisch. Die deutsche China-Politik sei erwachsen geworden. Im Klartext: China wird mehr und mehr zum Gegner. Merz will zwar keine Entkopplung von China, aber Abhängigkeiten reduzieren, etwa bei den Lieferketten. China ist ein wichtiger Lieferant von seltenen Erden, unerlässlich für die Chip-Industrie, aber auch von Medikamenten.
Sorgen bei den Gastgebern
Deutschland und Frankreich wollen dafür sorgen, dass sich die EU gegen unfaire Handelspraktiken wehren kann. In Singapur behauptet Merz, das sei gegen kein bestimmtes Land gerichtet – aber in Europa dürften alle China im Sinn haben.
In Singapur, Japan und Südkorea ist man sich da nicht so sicher. Merz wird in allen drei Ländern genau darauf angesprochen. „Es geht ganz offensichtlich die Sorge um, dass wir in eine Phase des Protektionismus einsteigen“, erklärte er. „Das werden wir noch mal besprechen müssen“, sagte er mit Blick auf die EU-interne Debatte. Die drei Länder fordern, von den Abwehrmaßnahmen der EU verschont zu werden.
Doch diese Kritik stört die Harmonie kaum. Man freut sich über das große Interesse der Deutschen. Dem Land, das doch so lange den Fokus vor allem auf China gerichtet hatte. Außerdem sind Japan und Südkorea Trump-Leidensgenossen. Die beiden Länder sind ebenfalls eng mit den USA verbündet – und ebenso Opfer der Attacken des US-Präsidenten, der erst neulich wieder von Nordkoreas Diktator Kim Jong Un geschwärmt hat.
In Japan geht Merz in die Charmeoffensive. Mindestens drei Mal betont er, dass Japan und Deutschland zwar mehrere tausend Kilometer voneinander entfernt seien, aber gefühlt sei man doch Nachbarn. Das kommt an bei Japans Premierministerin Sanae Takaichi. Ihr eilt der Ruf einer knallharten Frau voraus. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Merz lächelt sie dann durchgehend.
Baumkuchen als Nachtisch
Beim abendlichen Dinner servieren die japanischen Gastgeber Baumkuchen zum Nachtisch. Der stehe dort für ein langes Leben und die Unendlichkeit der Beziehung, heißt es von deutscher Seite. Es sei der Baumkuchen gewesen, den die deutsche Delegation als Gastgeschenk mitgebracht habe.
Deutschland und Japan verbindet viel. Nicht nur ähnliche Probleme wie eine alternde Bevölkerung, Fachkräftemangel und eine Wirtschaft, die vor allem auf den Export ausgelegt ist. Beide Länder teilen auch die Sorge vor China und Russland. Hinzukommt, dass Japan für Deutschland auch mit Blick auf die Ukraine ein wichtiger Partner ist – es liefert finanzielle und humanitäre Hilfe und unterstützt Sanktionen gegen Russland.
Auch in Seoul unterbreitet Merz sein Angebot einer vertieften Zusammenarbeit. „Wir brauchen mehr denn je ein starkes Netz von Partnern, die wichtige Interessen und gemeinsame Werte miteinander teilen“, sagte er nach einem Treffen mit Südkoreas Präsidenten Lee Jae Myung. „Das gilt sicherheitspolitisch, das gilt wirtschaftlich und das gilt geopolitisch. Wir heben deshalb heute unsere Beziehungen auf die Ebene einer vertieften strategischen Partnerschaft.“ Als Beispiele wurden KI und Rüstung genannt.
„In einer Welt, die immer stärker von Großmachtpolitik geprägt ist, braucht es ein dichtes Netz an Partnerschaften und an Ländern, die eng zusammenarbeiten“, sagte Merz in einer Rede vor Vertretern der deutschen und der koreanischen Wirtschaft. „Nur so können wir unsere Freiheit, unsere Souveränität, unsere Sicherheit und unseren Wohlstand langfristig verteidigen.“ Womit er Sinn und Zweck der Reise ziemlich genau auf den Punkt gebracht hatte.
