Das Wichtigste in Kürze
Worum geht es?
Wer Medien grundsätzlich misstraut, prüft andere Quellen deshalb noch lange nicht gründlich. Mimikama erklärt am Demogeld-Fake und an Argumentationsmustern, wo berechtigter Zweifel in unbelegte Gewissheit kippen kann.
Was haben wir herausgefunden?
Der gefälschte Behördenbrief liefert keinen Beleg für bezahlten Protest. Eine neue fög-Studie zeigt zudem: Journalistisch geprägte Nachrichtennutzung und das Erkennen manipulativer Argumente hängen mit geringerer Zustimmung zu Verschwörungsaussagen zusammen. Eine Ursache-Wirkung-Beziehung belegt sie nicht.
Was bedeutet das?
Auch die bevorzugte Erklärung muss an Belegen scheitern dürfen. Wer jeden Gegenbeweis zum Teil einer Vertuschung erklärt, entzieht die eigene Überzeugung der Prüfung.
Einem Zeitungsbericht jedes ungenaue Wort vorhalten und einem anonymen Screenshot eine ganze Geschichte abnehmen: Wer so prüft, hat zwei verschiedene Maßstäbe. Beim ungeliebten Medium muss alles lückenlos belegt sein. Beim passenden Posting reicht ein „Das habe ich mir schon gedacht“. Als Mimikama halten wir diese Ungleichbehandlung für eine zentrale Frage der Medienkompetenz. Wie streng prüfen wir eine Behauptung, wenn sie genau das bestätigt, was wir ohnehin vermuten?
Ein erfundenes Amt, eine echte Adresse
Ein aktueller Fall macht das Problem greifbar. Am 29. Oktober haben wir ein gefälschtes Schreiben zu angeblichem Demogeld geprüft. Darin kündigt ein erfundenes „Bundesamt für Gesellschaftlichen Zusammenhalt und Demokratieförderung“ an, das Teilnahmegeld für Demonstrationen am 31. Oktober werde auf 50 Euro gekürzt. Adresse und Telefonnummer gehören tatsächlich zum Bundesinnenministerium. Sie machen den erfundenen Absender aber nicht echt.
Schon das Wort „gekürzt“ setzt etwas voraus, das erst belegt werden müsste: eine bisherige Auszahlung. Wer nur darüber streitet, ob 50 Euro angemessen wären, hat diese Voraussetzung bereits übernommen. Unser Faktencheck belegt die Fälschung. Warum einzelne Menschen sie geteilt oder geglaubt haben, lässt sich daraus nicht ablesen.
Der eigene Prüfmaßstab lässt sich trotzdem daran testen: Würdest du einen vergleichbaren Brief auch akzeptieren, wenn er deine politische Seite belasten würde? Würdest du dann nach der Originalveröffentlichung suchen und wissen wollen, ob es die angebliche Behörde überhaupt gibt? Genau diese Prüfung verdient auch die Geschichte, die dir gerade gut ins Bild passt.
Wenn die Antwort schon vor der Recherche feststeht
Der Verschwörungsforscher Michael Butter beschreibt in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung ein entsprechendes Vorgehen: Zuerst werden vermeintlich Schuldige bestimmt, danach passende Belege gesucht. Widersprechendes wird dabei ausgeblendet. Eine Frage nach möglichen Nutznießern kann durchaus sinnvoll sein. Dass jemand von einem Ereignis profitiert, beweist jedoch noch nicht, dass er es verursacht hat.
Das ist auch für den Umgang mit dem Feed relevant. Wer nach der Herkunft eines Behördenbriefs sucht, kann zu einem anderen Ergebnis kommen als erwartet. Wer ausschließlich Material dafür sammelt, dass Demonstrationen gekauft seien, lässt die Ausgangsbehauptung möglicherweise ungeprüft. Die Suche sieht dann nach Recherche aus, obwohl die Antwort schon feststeht. Das beschreibt einen möglichen Fehler beim Prüfen, keine aus dem Demogeld-Fall abgeleitete Diagnose seiner Verbreiter.
Wenn sogar der Gegenbeweis als Bestätigung gilt
Besonders deutlich wird die Abschottung an einem ausgedachten Beispiel: Jemand behauptet, eine Regierung verheimliche einen Skandal. Als ein Medium darüber berichtet, gilt der Bericht als Bestätigung. Bleibt die Berichterstattung aus, soll das Vertuschung beweisen. Ein Dementi wird als erwartbare Lüge abgetan. Unter diesen Bedingungen kann jede Reaktion für dieselbe Geschichte verwendet werden.
Butter weist auf eine wichtige Unterscheidung hin: Verschwörungsbehauptungen lassen sich durchaus widerlegen. Überzeugte Anhänger können Gegenbeweise allerdings ignorieren oder zu vermeintlichen Bestätigungen umdeuten. Ein widerlegter Vorwurf wird dadurch nicht wieder richtig. Er wird gegen die Anerkennung seiner Widerlegung abgeschirmt.
Was die neue Schweizer Studie dazu beiträgt
Eine am 26. Oktober vorgestellte Untersuchung des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich liefert dazu einen aktuellen Befund. Menschen mit stärker journalistisch geprägter Nachrichtennutzung stimmten den getesteten Verschwörungsaussagen seltener zu. Auch das bessere Erkennen manipulativer Argumentationsmuster hing mit geringerer Zustimmung zusammen.
Befragt wurden vom 7. bis 10. Juli 2026 insgesamt 1.222 Personen zwischen 18 und 79 Jahren mit Internetzugang in der Deutschschweiz und der französischsprachigen Schweiz, ausgewählt nach Quoten. Die einmalige Befragung belegt keine kausale Schutzwirkung. Sie erlaubt weder eine pauschale Übertragung auf alle Schweizer noch auf den gesamten deutschsprachigen Raum.
Unsere redaktionelle Schlussfolgerung daraus lautet: Medienkompetenz sollte auch bedeuten, die eigene Begründung prüfen zu können. Der Satz „Ich hinterfrage alles“ sagt zunächst wenig darüber aus, ob jemand einen passenden Einzelbeleg von einer belastbaren Erklärung unterscheiden kann.
Medienkritik braucht keine Ersatzgläubigkeit
Berechtigte Medienkritik bleibt notwendig. Ein falsch wiedergegebenes Zitat gehört korrigiert, auch wenn es aus einer angesehenen Redaktion kommt. Daraus folgt jedoch kein Freibrief für jede Quelle, die sich als Gegenstimme präsentiert. Ein alternativer Kanal muss seine Tatsachenbehauptungen ebenso belegen. Das Versprechen, unabhängig zu sein, kann diese Arbeit nicht ersetzen.
Diesen Maßstab schulden auch wir unseren Lesern. Ein Mimikama-Logo macht eine Aussage nicht wahr; die verlinkten Belege müssen sie tragen. Du darfst ihnen nachgehen und uns auf Fehler hinweisen. Ebenso muss eine unbelegte Behauptung offenbleiben dürfen, wenn die verfügbaren Informationen für ein Urteil nicht ausreichen. Niemand muss sofort wissen, was passiert ist.
Schwieriger wird es bei der eigenen Lieblingsgeschichte. Kannst du benennen, welcher Befund gegen sie sprechen würde? Wenn dir darauf ausschließlich neue Gründe einfallen, weshalb jeder mögliche Gegenbeweis gefälscht sein müsse, lohnt es sich, die Behauptung noch einmal von vorn zu prüfen. Misstrauen allein ist noch keine Medienkompetenz.
fög / Universität Zürich
26. Oktober 2026
fög / Universität Zürich
2026
Michael Butter / Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung
27. August 2021
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