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Startseite»Politik»Ausstellung in Düsseldorf: De Saint Phalle und die Kraft weiblicher Lebensfreude
Politik

Ausstellung in Düsseldorf: De Saint Phalle und die Kraft weiblicher Lebensfreude

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 10, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 10.09.2026 • 15:44 Uhr

Rund, bunt und riesengroß – an den überdimensionierten Frauenfiguren von Niki de Saint Phalle kommt niemand vorbei. Eine Ausstellung in Düsseldorf zeigt ab heute auch die düstere Seite ihres Werks.

Sophie, Charlotte und Caroline heißen sie: Die drei „Nanas“ von Niki de Saint Phalle sind ein Wahrzeichen der Stadt Hannover. Sie strotzen nur so vor Lust und Lebensfreude und thronen rund, bunt und überlebensgroß am Leibnizufer, bemalt mit leuchtenden Mustern, tanzend oder auf dem Kopf stehend.

Als sie 1974 aufgestellt wurden, lösten die Großskulpturen Proteste aus. Zu wenig entsprachen die runden Figuren dem damaligen Ideal weiblicher Körper. Sie wurden als „unförmige Knödel“ und „ekelhafte Scheußlichkeit“ bezeichnet – zur Freude von de Saint Phalle, denn genau das hatte sie im Sinn.

Die selbstbewusste Weiblichkeit ihrer Plastiken sollte konfrontieren, gesellschaftlich etablierte Rollenbilder hinterfragen, und so ließ sie die überdimensionierten Frauen bewusst im öffentlichen Raum platzieren. Heute ist Hannover stolz auf seine „Nanas“ – und Niki de Saint Phalle die einzige Ehrenbürgerin der Stadt. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

„Nanas“ rücken Weiblichkeit in den Vordergrund

„Nana“ kommt aus dem Französischen und bezeichnet eine selbstbewusste, weiblich-erotische Frau. Unter dem Motto „Alle Macht den Nanas“ machte Niki de Saint Phalle diese farbenfrohen Skulpturen zu ihrem Markenzeichen.

Die erste entstand Mitte der 1960er-Jahre in Paris, die größte kurz darauf in Zusammenarbeit mit dem Künstler Jean Tinguely in Stockholm: 29 Meter lang, auf dem Rücken liegend. Ein monumentaler Frauenkörper, begehbar durch die Vagina. Im Inneren ein Kino, eine mechanische Gebärmutter, eine Liebesnische im Bein und eine Milchbar in der Brust.

„Niki de Saint Phalle wollte Rollenverhältnisse verändern und die weiblichen Themen in den Vordergrund stellen“, sagt Heike van den Valentyn, Kuratorin der Ausstellung „Dream Machine“ im Düsseldorfer Kunstpalast. Sie läuft bis zum 7. Februar 2027. Der männlich geprägten Kunstszene der 1960er setzte de Saint Phalle Frauenthemen wie Schwangerschaft, Geburt und die Ambivalenzen der Mutterschaft entgegen.

Themen, die heute nicht minder aktuell sind, findet van den Valentyn, mit einem Unterschied: „In ihren Anliegen nahm man de Saint Phalle zu ihrer Zeit teilweise nicht so ernst. Heutzutage sieht man die große Relevanz ihrer Themen“, so die Kuratorin im Gespräch mit dem WDR.

Bilderstrecke

Niki de Saint Phalle: Ausstellung „Dream Machine“

Die Künstlerin, die auf ihre Werke schießt

Dabei war die Kunst von Niki de Saint Phalle nicht immer so bunt und fröhlich. Zuerst war da die reine Wut. Die Künstlerin verarbeitete sie in ihren „Schießbildern“. Mit dem Gewehr in der Hand zielte sie auf ihre eigenen Kunstwerke, traf und ließ sie bluten. An den Gemälden lief gelbe, rote oder violette Farbe herab.

„Das Gewehr zu benutzen ist ein männlich besetzter Akt. Im Akt des Zerstörens schafft sie etwas Neues“, sagt Kuratorin van den Valentyn. Diese Ambivalenz ziehe sich durch das Werk der Künstlerin.

Selbstermächtigung durch Kunst

Niki de Saint Phalle wurde 1930 im noblen Neuilly-sur-Seine bei Paris geboren und wuchs in New York in einem streng katholischen Milieu auf. Schon früh rebellierte sie gegen das gesellschaftliche Idealbild des braven Mädchens, das ihr Leben auf die Heirat ausrichtet. Sie setzte ihre eigenen freiheitlichen Ideen dagegen und lehnte sich damit gegen ihr Elternhaus auf.

1994 berichtete de Saint Phalle in ihrer Autobiographie, dass ihr Vater sie seit ihrem elften Lebensjahr sexuell missbraucht habe. Als junge Frau verbrachte sie deshalb einige Zeit in der Psychiatrie, unter strenger Aufsicht – bis hin zu Elektroschocks. Doch bald entdeckte sie einen Ausweg: ihre Fähigkeit, Wut und Ohnmacht in Kunst zu verwandeln.

„Ich umarmte die Kunst als Erlösung und Notwendigkeit“, sagte die Künstlerin später. Doch ihre Kunst sollte nicht nur die eigenen Kindheitserfahrungen behandeln, sondern auch positive Wirkung auf andere Frauen entfalten: „Sie wollte positive Wege aufzeigen, die eine Kraft entwickeln, die es ermöglicht, mit diesen Erlebnissen umzugehen“, erzählt Heike van den Valentyn. Dahinter stünden eine künstlerische Selbstermächtigung und Solidarität mit denjenigen, die nicht so sichtbar seien.

Parallelen zu Künstlerinnen der Moderne wie Yayoi Kusama

Diese künstlerische Selbstermächtigung teilt de Saint Phalle mit anderen feministischen Künstlerinnen der Nachkriegsmoderne. Mit der im August verstorbenen japanischen Künstlerin Yayoi Kusama verbindet sie, dass beide traumatische Erlebnisse aufarbeiten. Während Kusama zeitlebens ihre psychische Erkrankung verarbeitete, kämpfte de Saint Phalle gegen die Rollenbilder, die ihr bereits als junges Mädchen aufgezwungen worden waren. „Die beiden Künstlerinnen verbindet aber auch ihre große Sichtbarkeit“, sagt van den Valentyn. „Und natürlich die intensive Farbigkeit.“

Niki de Saint Phalle hatte bald genug von ihren destruktiven Schießbildern. Stattdessen entdeckte sie eine subversive und schier grenzenlose Freiheit in etwas ganz anderem: Freude! Da war sie, die Geburtsstunde der „Nana“.

Die Ausstellung „Dream Machine“ mit Kunst der französisch-schweizerischen Malerin Niki de Saint Phalle läuft bis zum 7. Februar 2027 in Düsseldorf.

Die subversive Kraft der Freude

Freude wurde de Saint Phalles neues, radikales Mittel. Die Formen wurden runder, die Farben bunter und die Künstlerin stellte überrascht fest, dass sie mit einem positiven Weltbild ebenso gut provozieren konnte wie mit einem Gewehr.

De Saint Phalle wollte, dass das Publikum ihre Kunst nicht nur betrachtet, sondern sie berührt und benutzt. Besonders am Herzen lagen ihr dabei die Kinder, sagt Heike van den Valentyn. „Sie hat viele Arbeiten für Kinder gemacht, ob das jetzt Spielorte sind mit einer Rutsche oder die Nana-Ballons. Die haben wir auch hier in der Ausstellung.“

Es sei wichtig, Menschen möglichst früh mit den Werken Niki de Saint Phalles in Berührung zu bringen, um ein Bewusstsein für die dahinterliegenden Ideen zu wecken: „Ihre Themen sind leider nicht vom Tisch. Sie wiederholen sich in den Generationen“, sagt die Düsseldorfer Kuratorin. „Je länger ihr Werk wirkt, desto aktueller wird es.“

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Dr. Heinrich Krämer
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