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Startseite»Nachrichten»Bots überrollen den Gasmarkt: „Ob die Gerüchte überhaupt Sinn ergeben, ist für den Algorithmus total egal“
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Bots überrollen den Gasmarkt: „Ob die Gerüchte überhaupt Sinn ergeben, ist für den Algorithmus total egal“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 12, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Bots überrollen den Gasmarkt„Ob die Gerüchte überhaupt Sinn ergeben, ist für den Algorithmus total egal“

12.06.2026, 19:29 Uhr

Interview: Max Borowski
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Die Zahl der Gebote pro Tag am Gasmarkt an der Börse hat sich durch die Bots zeitweise fast verhundertfacht. (Foto: picture alliance / SVEN SIMON)

Im Zuge des Iran-Kriegs ist der Börsenpreis für Gas nicht nur stark gestiegen, sondern schwankt auch heftig. Dahinter steckten Algorithmen, die automatisch auf Grundlage von Social-Media-Informationen handeln, erklärt Energieexperte Tobias Federico von der Energiemarktberatung Montel im Gespräch mit ntv.de. Die Kosten dafür tragen auch die Endverbraucher.

ntv.de: Was passiert gerade am Gasmarkt? Inwiefern sehen Sie Preisschwankungen, die über das zu erwartende Maß in Krisenzeiten hinausgehen?

Tobias Federico: Wir müssen zwei Dinge unterscheiden: eine Art Normalbetrieb und Sondersituationen wie jetzt natürlich durch die Iran-Krise. Prinzipiell haben wir in allen Bereichen mittlerweile sogenanntes Algotrading: Handel wird nicht nur durch menschliche Marktteilnehmer betrieben, sondern Computer platzieren Gebote und Angebote, aus denen dann Transaktionen werden auf Basis von mathematischen Formeln. Im Ölmarkt wissen wir das schon länger. Für den Gasmarkt haben wir das jetzt von den Regulierungsbehörden bestätigt bekommen, und auf dem Strommarkt gibt es das auch.

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Tobias Federico ist Chefanalyst des Energiemarkt-Beratungsunternehmens Montel. (Foto: Steffen Jaenicke)

Was ist neu jetzt im Zuge der Iran-Krise?

Das Spannende ist, womit diese Modelle gefüttert werden. Die Algorithmen können mit sogenannten Fundamentaldaten gespeist werden, Wettervorhersagen beispielsweise. Wird es nächste Woche kalt, dürfte offensichtlich die Gasnachfrage steigen und der Preis anziehen. Im Verlauf der aktuellen Krise haben wir aber bemerkt, dass die Preise insbesondere auf dem Gasmarkt immer wieder erratisch reagieren. Wir sehen Schwankungen von zehn Prozent und mehr, die nicht mit solchen fundamentalen Entwicklungen erklärbar sind. Auffällig ist der Zusammenhang mit Social-Media-Posts – unter anderem von Donald Trump. Diese Algorithmen werden direkt durch soziale Netzwerke gefüttert.

Ist das ein neues Ausmaß oder handeln die gleichen Bots, die es schon länger gibt, nun einfach auf neuer, problematischer Informationslage?

Das Ausmaß, das der Handel dieser Algorithmen inzwischen hat, ist schwer nachzuvollziehen. Es gibt keine offiziellen Zahlen. Man hört, dass sich die Zahl der Gebote auf dem Gasmarkt, die an unterschiedlichen Börsen platziert werden, im Durchschnitt mehr als verzehnfacht, zeitweise während des Iran-Kriegs sogar fast verhundertfacht hat. Das dürfte auf diese Bots zurückzuführen sein. Tatsächlich problematisch wird das aber erst dadurch, dass dieser extrem beschleunigte, automatisierte Handel weniger auf fundamentalen Daten, sondern vermehrt auf Gerüchten beruht. Diese Kombination führt zu den erhöhten Preisschwankungen.

Warum sind diese Schwankungen an der Börse aus ökonomischer Sicht überhaupt problematisch? 

Das ist tatsächlich relevant für die Realwirtschaft, weil der Erdgasbezug vieler Versorgungsunternehmen über die Börse fixiert wird. Denen tut es weh, wenn durch solche Preisschwankungen die Preise nach oben gehen. Aber auch Unternehmen, die überhaupt kein Gas an der Börse handeln, sind betroffen. Denn der Börsenpreis gilt als Referenz für bilaterale Verträge zwischen Gaslieferanten und Käufern. Dadurch entsteht diese Brücke vom rein technischen Handel zur physischen Lieferung.

Heißt das, die Kosten, die durch diese Schwankungen verursacht werden, werden am Ende zu den Privat- und Geschäftskunden weitergereicht?

Energieversorger, die für große Industriekunden Energie einkaufen, reichen das eins zu eins weiter. Haushaltskunden haben in laufenden Verträgen dagegen einen fixen Preis, und der Versorger muss schauen, wie er die nötigen Mengen beschafft. Preisänderungen kann er in der Regel nur an Neukunden weiterreichen. In der Ukraine-Krise kam es dazu, dass einige Gasversorger ihre Kunden nicht mehr zu dem versprochenen Preis bedienen konnten. Diese Endkunden landeten dann bei ihrem regionalen Grundversorger, wo sie deutlich mehr fürs Gas bezahlen mussten.

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage: Wer profitiert von diesen Bots? Wenn die auf Grundlage von Gerüchten handeln, müssten sie doch Verluste machen, wenn sich die Informationen als falsch herausstellen.

Der Wahrheitsgehalt ist nicht entscheidend. Es reicht aus, dass sich das Gerücht auch bewahrheiten könnte. Das Entscheidende für den Händler ist, die Information frühzeitig aufzuschnappen und ganz früh am Markt zu agieren, eine Position aufzubauen. Das tun die Bots sehr schnell und effizient. Um den Gewinn zu realisieren, muss diese Position wieder geschlossen werden: Entweder, wenn sich das Gerücht nicht bestätigt, oder der Händler setzt ein Limit. Das heißt, sobald der Preis unter eine festgelegte Schwelle fällt, verkauft der Bot wieder. Er nimmt seinen Profit und steigt schnell wieder aus. Mit solchen einem Vorgehen kann man Gewinne erzielen – wobei es natürlich auch das Risiko gibt, einmal komplett danebenzuliegen.

In den vergangenen Monaten reagierten der Öl- und Gasmarkt teilweise heftig auf Äußerungen von US-Präsident Trump zu möglichen Durchbrüchen in Friedensverhandlungen mit dem Iran, obwohl für die meisten Beobachter klar war, dass mit großer Wahrscheinlichkeit nicht viel dahintersteckte. Steckte hinter solchen Kursbewegungen weniger die Hoffnung von Marktteilnehmern auf baldigen Frieden als vielmehr Bots, die aufgrund von Social-Media-Informationen Positionen aufbauen?

Genau! Wenn Algorithmen mit fundamentalen Daten gefüttert werden, können diese überprüft werden. Bei den Gerüchten aus sozialen Medien wird derzeit nicht mal mehr geprüft, ob sie überhaupt Sinn ergeben. Das ist total egal. Der Algorithmus nimmt diese Informationen für bare Münze und handelt entsprechend.

Zu Beginn von Trumps Präsidentschaft gab es auch am Aktienmarkt sehr starke Bewegungen, wenn er sich geäußert hat. Dann setzte sich aber die Erkenntnis durch, dass er beispielsweise Zolldrohungen oder andere Ankündigungen am Ende doch nicht umsetzt. Investoren und Händler stellten sich darauf ein und entsprechende Posts oder Äußerungen Trumps verloren am Aktienmarkt weitgehend ihre Wirkung. Ist das auch an den Energiemärkten denkbar, dass sich diese Algorithmen anpassen?

Das kann ich nicht voraussagen. Ich glaube, mit der Zeit werden sich auch die Algorithmen am Gasmarkt darauf einstellen, dass viele dieser Posts auf Social Media heiße Luft sind. Meiner Beobachtung nach waren etwa die Reaktionen am Markt auf die jüngsten Angriffe im Iran auch schon etwas geringer als bei ähnlichen Situationen vor einigen Wochen. Allerdings gibt es am Gasmarkt, im Gegensatz zum Aktienmarkt, saisonale Kräfte, die für eine zunehmende Nervosität sorgen könnten, wenn der Sommer und dann der Herbst kommt und wir die Gasspeicher füllen müssen. Wenn sich der Konflikt und damit die Knappheit beim Erdgas hinzieht, während wir wieder mehr davon brauchen – dann könnte auch der Markt wieder sensibler auf jede Äußerung des US-Präsidenten oder andere Gerüchte bei Social Media reagieren.

Wie blicken Sie auf die kommenden Monate und den nächsten Winter?

Eine physische Gasknappheit erwarte ich nicht, weil die USA zumindest für uns in Europa die nötigen Erdgasmengen liefern können. Wenn sich im Iran-Konflikt nichts bewegt, dürfte sich aber ab August der Preiswettbewerb verschärfen. Dann müssen die Gasspeicher nicht nur in Europa, sondern auch in Asien befüllt werden. Im Herbst kommen dann die ersten Kältewellen. Das werden wir bei den Preisen spüren.

Mit Tobias Federico sprach Max Borowski.

Quelle: ntv.de

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