41 Menschen kamen in der Silvesternacht durch einen Brand in einer Bar im schweizerischen Crans-Montana ums Leben. Nun wurden die Betreiber der Bar befragt. Viele Opfer und Angehörige hoffen auf Aufklärung.
Jacques und Jessica Moretti sind bereits durch einen Seiteneingang im Gebäude verschwunden, als am Morgen nach und nach die Anwältinnen und Anwälte der Opferfamilien eintreffen. Mehr als fünf Monate nach dem verheerenden Brand in ihrer Bar in Crans-Montana mit 41 Toten und 115 teils schwer verletzten jungen Menschen wollen sie heute endlich Antworten.
Er erwarte nicht viel, hoffe aber auf eine angenehme Überraschung und neue Beweise, sagt Opferanwalt Sébastien Fanti. „Dieses Pingpong, bei dem jeder dem anderen die Schuld zuschiebt, muss aufhören. Es muss jetzt geklärt werden, was wer getan oder nicht getan hat“, fordert er.
Viele Widersprüche und offene Fragen
Nach den bisherigen Vernehmungen des Betreiberpaars gibt es zahlreiche Widersprüche und offene Fragen. Woher kam der Schaumstoff, der an der Bardecke sekundenschnell in Flammen aufging? Warum waren die Notausgänge verschlossen oder blockiert? Und: Was hat Jessica Moretti beim Feuerausbruch getan, um die Gäste ihrer Bar zu retten?
Letztere Frage beschäftigt Anwalt Fabrizio Ventimiglia nach der Sichtung von Videoaufnahmen aus der Silvesternacht. Da sei zu sehen, dass Jessica Moretti als Erste aus der brennenden Bar geflüchtet sei – aber nicht, dass sie um Hilfe gebeten habe.
Für Romain Jordan, Opferanwalt aus Genf, ist die sogenannte Konfrontationsvernehmung die – so sagt er – „letzte Gelegenheit“ für das Paar, zu zeigen, dass es sich aktiv an der Aufklärung beteiligen wolle.
„Jeden Tag leben wir mit den Folgen dieser Nacht“
Zu all den nebulösen und unklaren Punkten erwarteten die Opfer Antworten, sagt Anwalt Jordan. Und neben ihm steht Laetitia Brodard. Sie hat ihren 16-jährigen Sohn Arthur bei der Katastrophe in der Silvesternacht verloren. „40 weitere Engel sind von uns gegangen“, sagt sie. Von den 115 Verletzten seien etliche noch im Krankenhaus oder auf der Intensivstation, so schwer verbrannt, dass man sie nicht mehr erkenne. „Jeden Tag leben wir mit den Folgen dieser Nacht – als Eltern, Brüder, Schwestern, Großeltern. Und wir brauchen Antworten. Fünf Monate sind vergangen und ich bin heute hier, weil ich verstehen muss, wie diese Morettis ticken“, sagt Brodard.
Auch Beschäftigte der Bar und Gemeinde sollen befragt werden
Die Vernehmung findet hinter für Medien und Öffentlichkeit verschlossenen Türen statt – in der Hoffnung, dass es endlich Fortschritte gibt in den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis.
Neben den Barbesitzern sind auch insgesamt zwölf frühere oder aktuelle Mitarbeiter und Amtsträger der Gemeinde Crans-Montana, darunter der Gemeindepräsident, im Visier der Justiz. Denn in der Bar hatte es jahrelang keinerlei Brandschutzkontrollen gegeben. Bis es zu einer Anklage und einem Gerichtsverfahren kommt, wird es laut Schweizer Strafrechtsexperten noch einige Zeit dauern. Aber, so sagt Opferanwalt Jordan in einer kurzen Verhandlungspause in Sion, nach anfänglichen Zweifeln habe er den Eindruck, dass es nun tatsächlich vorangehe. „Ich habe Vertrauen in das Verfahren. Heute habe ich hier drei Staatsanwältinnen erlebt, die präzise gut vorbereitete Fragen gestellt haben, mit denen wir der Wahrheit näher kommen. Auch die Opfer vertrauen diesem Strafverfahren.“

