Charakter und DrohkulisseKapitän Robert Andrich zerlegt Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen verliert das bislang wichtigste Ligaspiel der Saison beim VfB Stuttgart. Die Königsklasse scheint vor dem Finale gegen den HSV weit entfernt. Der Kapitän schlägt Alarm.
Der gleiche Patrik Schick, der vor einer Woche nach einem Dreierpack noch die Muskeln spielen ließ, stand ratlos und mit ernüchterter Miene vor den eigenen Fans. Und wurde damit zu einem sehr passenden Symbol der Bundesliga-Saison von Bayer Leverkusen. Es gab rauschhafte Fußball-Feste wie beim 4:1 gegen RB Leipzig, aber auch zu oft patzte der Klub wie beim 1:3 beim VfB Stuttgart an diesem Samstag.
Kapitän Robert Andrich fand deutliche Worte. „Mit der Platzierung geht’s mir beschissen. Wenn ich Spiele wie heute anschaue, dann muss man sagen, dass wir es auch nicht verdient haben, so ehrlich müssen wir mit uns sein.“ Der Werkself droht nur zwei Jahre nach der sensationellen Meisterschaft das Verpassen der Champions League. Vor dem 34. Spieltag stehen Stuttgart und die TSG Hoffenheim bei 61 Punkten, Bayer nur bei 58. Die Europa League ist die Drohkulisse, die in Leverkusen niemand wollte.
Der 31 Jahre alte Nationalspieler stellte in Stuttgart die Charakterfrage. „Wir haben viele Charaktere, die ziemlich viel mit sich selbst ausmachen. Wir haben zu wenig Leute, die zusammenstehen“, kritisierte Andrich. Gerade in den schwierigen Situationen gebe es zu wenig Spieler, die vorangehen würden. Vielleicht sei er so kurz nach der Partie auch zu negativ. In der Sommerpause werde es aber schon Veränderungen geben müssen.
Stuttgart-Pleite bedroht Hjulmands Job
An der Qualität des Kaders liegt es nicht, schließlich beschäftigt Bayer auch nach dem Verkauf von Offensivstar Florian Wirtz in Schick, Alejandro Grimaldo, Aleix Garcia und Abwehrchef Edmond Tapsoba noch eine große Menge an Spitzenpersonal, das sich vor den Teams in Hoffenheim und Stuttgart gewiss nicht verstecken muss.
Eng dürfte es deshalb auch für Trainer Kasper Hjulmand werden. Der Däne hat Leverkusen nach der frühen Übernahme von Ex-Coach Erik ten Hag im Herbst zwar stabilisiert und zurück auf Kurs Richtung Europa gebracht. Doch eine Teilnahme an der Europa League entspricht weder dem internen Anspruch noch dem Budget, das man sich für den Kader leistet.
Rolfes sieht viel Luft nach oben
Sportchef Simon Rolfes sagte in Stuttgart: „Die Mannschaft muss sich definitiv in Sachen Widerstandsfähigkeit verbessern. Das musst du haben, weil du hast ja nicht nur super Spiele, in denen es easy ist.“ Zur drohenden Perspektive Europa League kommentierte der ehemalige Profi: „Auch da werden wir versuchen, in diesem Wettbewerb Erfolge zu erzielen. Von daher würden wir auch da angreifen.“
Die Rechenspiele für kommenden Samstag (15.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei ntv.de) sind eindeutig. Leverkusen muss sein Heimspiel gegen den Hamburger SV gewinnen, das ist Grundvoraussetzung. Auf Königsklassen-Platz vier geht es für die Hjulmand-Elf nur noch, wenn Stuttgart (bei Eintracht Frankfurt) und Hoffenheim (bei Borussia Mönchengladbach) ihre Spiele verlieren.
Hoeneß: „Für das Finale qualifiziert“
„Es kann alles passieren. Es geht für uns auch noch um ein bisschen Urlaubsgeld, das man verdienen kann. Wir müssen unser Spiel gewinnen und dann müssen wir beten“, sagte Andrich. Der FC Bayern, Borussia Dortmund und RB Leipzig haben ihre Champions-League-Teilnahme bereits perfekt gemacht. Eigentlich ist Leverkusen der natürliche vierte deutsche Starter, doch in diesem Mai dürfte es anders enden.
Warum, war am Samstag zu sehen. Stuttgarts Nationalstürmer Deniz Undav und sein kongenialer Partner Ermedin Demirovic, der einen überragenden Tag erwischte, führten den Pokalsieger zum verdienten Heimerfolg. „Es ging heute darum, uns zu qualifizieren für das Finale nächste Woche“, sagte Trainer Sebastian Hoeneß, dessen VfB fünf Tore vor Hoffenheim liegt. Für dieses Finale ist Leverkusen vorerst zum Statisten degradiert worden.
