21.06.2026 | 07:54 Uhr
Die gelbe Welle aus Ecuador erwartet ein Schützenfest gegen Fußballzwerg Curacao. Doch es kommt anders. Torwart Eloy Room wird zum Superhelden und tanzt mit der niederländischen Königin. Ecuador bleibt nur noch Deutschland.
Der erste Pass ist genau das, was sich die gelb gekleideten Invasoren so sehr erhofft hatten – eine offensive, schnörkellose Vorstellung von La Tri: schnell, direkt in die Spitze, der alternde Stürmerstar Enner Valencia setzt sich souverän durch, kreuzt und legt den Ball auf den starken Fuß, zieht aus zehn Metern ab. Dann beginnt das Elend. Und eine kleine Heldenreise, die sich auf einer Karibikinsel vor Venezuela noch in Jahrzehnten erzählt werden wird. Und WM-Geschichte mitschreibt. Aber der Reihe nach.
Ecuador kam mit dem Ziel in die Vereinigten Staaten, die beste Endrunde ihrer Verbandsgeschichte zu liefern. Im ersten Spiel gegen die Elfenbeinküste verloren die Südamerikaner (0:1), die sich hinter Weltmeister Argentinien dank ihrer Defensivstärke als Zweite qualifiziert hatten, knapp – auch, weil sie ihre eigenen Chancen nicht nutzten. Das akustisch dominante, elektrisierende ecuadorianische Publikum sah kein Tor der eigenen Elf, aber die würde es dann eben gegen Curacao geben, und ein bereits qualifiziertes Deutschland mit einer B-Elf zum Steigbügelhalter in die K.-o.-Runde.
Curaçao-Keeper macht Deutschland zum Gruppensieger
Doch nun sieht alles anders aus und Ecuador steht kurz vor dem WM-Abgrund – denn Eloy Room taucht in jener 2. Minute blitzschnell ab, hält den Schuss sensationell. „Das hat den Ton für das ganze Spiel gesetzt“, würde er diese Parade später zu seiner wichtigsten küren. Es war die erste von 15, die die ecuadorianische Offensive hart verzweifeln ließ. Damit schrammte er denkbar knapp am bisherigen Rekord vorbei, der seit 2014 bei 16 steht. „Ich glaube, Tim Howard hat vor dem Fernseher geschwitzt“, lachte Room an seinem Pokal als Mann des Spiels vorbei an die zwei Handvoll Journalisten, die bei der Pressekonferenz waren. Ein „Trost“ für Room: 15 Paraden in der regulären Spielzeit hatte noch niemand geschafft. Rekordmann Howard durfte dank Verlängerung damals eben 120 Minuten lang spielen.
Alles vorbereitet, nichts funktioniert
Geschichte schreiben wollte eigentlich Ecuador. „Soñar, trascender, y hacer historia“ – träumen, über sich hinauswachsen und Geschichte schreiben ist auf den Trikotnacken der Spieler und auf vielen der mindestens 60.000 ecuadorianischen Fans zu lesen. Die hatten Kansas City, in der Mitte der Vereinigten Staaten gelegen, aus allen Himmelsrichtungen invasiert und waren wie eine gelbe Welle ins Arrowhead Stadion gerollt. Sogar die dortigen Sitze sind in Rot und Gelb und damit zwei der drei Nationalfarben Ecuadors gehalten.
In einem der Busse vom Fanfest zum Stadion machte einer das Handy laut, Deutschland lag gegen die Elfenbeinküste zurück. Bange Blicke, denn es wäre schlecht für Ecuador, wenn die DFB-Elf gegen sie noch nicht für die K.-o.-Runde qualifiziert wäre und deshalb ernst macht. Aber ein Unentschieden dürfte ja reichen, da die Punkte gegen Curacao fest eingeplant sind.
Doch in der ersten Halbzeit entwickelt sich ein offener Schlagabtausch, bei dem La Tri zwar technisch beschlagener daherkommen, aber die Mannschaften gleichwertig agieren. Mehrfach scheitert das Team von der Karibikinsel, die zum Königreich der Niederlande gehört, vor dem Tor an ihren Nerven.
Die Fans fangen an zu pfeifen
Da ist etwa Tahith Chong, der beim englischen Zweitligisten Sheffield United unter Vertrag ist – und der wegen seiner Carlos-Valderrama-Gedächtnisfrisur, aber insbesondere wegen seinen unberechenbaren, flüssigen Bewegungen auszumachen ist, und die kreativen Fäden zieht. Nachdem klar wird, dass ihre Gegner nicht gekommen sind, um sich noch einmal sieben Gegentore wie von Deutschland abzuholen, versuchen es die Ecuadorianer mit ineffizientem Ballbesitzfußball. Das Publikum wird stummer.
In der 36. Minute ist von den Tribünen erstmals Unmut ob des behäbigen Aufbauspiels zu hören. Sogar Paris St. Germains Pacho spielt völlig unbedrängt aus der eigenen Hälfte einen Pass in die Füße von Chong, den ein Mannschaftskollege wiederum mit einem Foul stoppt. Es geht mit 0:0 in die Pause. Die blauen Flecken auf den Tribünen feiern.
Plötzlich verkehrte Welt
Für die Südamerikaner wird die zweite Halbzeit zur verkehrten Welt. Sie als Defensivspezialisten und Favoriten sind zum Toreschießen verdammt. Sie dominieren, beißen sich aber die Zähne aus. Irgendwann flimmert der Ballbesitz über die Leinwände: 20 Prozent für Curacao. Welle auf Welle rollt auf Rooms Tor zu. Das Publikum bleibt meist seltsam apathisch, als würde es spüren: Wir können noch ewig weiterspielen, ein Treffer wird uns nicht gelingen. Im Gegenzug auf einen gefährlichen Kopfball fängt sich La Tri in der 60. Minute fast einen Treffer.
In dieser Phase der Partie avanciert der 37-jährige Room, der jeden Schuss und Kopfball sicher abwehrt, zum besten Mann auf dem Feld. Er spielt sonst in der zweiten Liga der USA. Seine Mannschaft steht im kompakten Block im Strafraum, ihr legendärer holländischer Trainer Dick Advocaat an der Seitenlinie. Die Sensation des WM-Neulings rückt näher, Schuss um Schuss, Dribbling um Dribbling, gehaltener um gehaltener Ball.
Historisches bahnt sich in Kansas an. So kommt es auch, der Inselstaat gewinnt die Abwehrschlacht. Die drei winzigen Blocks mit blau gekleideten Fans rasten aus, auf der Pressetribüne hüpfen die Journalisten des Inselstaats, die südamerikanischen sind entsetzt. Ecuadors Fans sind enttäuscht, Tränen fließen. „Wir sind mit viel Hoffnungen hier hingekommen“, sagt einer von ihnen frustriert. Zum Spiel gegen Deutschland wird er trotzdem fahren.
„Wir haben noch 100 Minuten“
Das ecuadorianische Team formt direkt nach Abpfiff einen Spielerkreis. Sie sind noch nicht ausgeschieden, haben noch eine Chance: das Alles-oder-nichts-Spiel gegen Deutschland am Donnerstag (22 Uhr). „Man muss weiter glauben“, meint der Cheftrainer Sebastián Beccacece. Er nimmt die Verantwortung auf sich, verteidigt seine Mannschaft. „Ist dieses Auto an die Wand gefahren?“, fragt jemand. Nein, antwortet er. „Wir haben noch 100 Minuten vor uns.“ Aber wirklich überzeugend klingt das nicht. „Warum sollten wir ausgerechnet gegen Deutschland treffen, wenn wir es nicht einmal in den ersten zwei Partien geschafft haben?“, fragt jemand.
Die Stimmung bei Advocaat und Room ist hingegen schlicht blendend. Die Trainerlegende zeigt sich stolz. „Deutschland war über unserem Niveau. Aber heute haben wir uns verteidigt und gekämpft wie Löwen.“ Mit dem Team in der Kabine feierten auch der niederländische König, die Königin und ihre Tochter, so Advocaat. „Maxima hat mich geküsst“ berichtet der Torwart selig lächelnd: „Es war außergewöhnlich. Wir haben in der Umkleide getanzt und die königliche Familie hat mit uns getanzt.“ Es wird nicht der letzte Freudenausbruch gewesen sein. „Wir schlafen nicht in Curacao, wir feiern die ganze Woche!“, kündigt ein Reporter aus der Karibik an. Die erste WM, der erste Punkt, neue Helden – sie haben einige Gründe dafür.
Verwendete Quelle: ntv.de
