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„Deutschland, stabil?“: Was ist gerecht? Einfache Frage, schwierige Antwort

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 25, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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„Deutschland, stabil?“Was ist gerecht? Einfache Frage, schwierige Antwort

25.06.2026, 20:43 Uhr

Von Christopher Wittich
Die-deutsch-oesterreichische-Millionaerserbin-und-Sozialaktivistin-Marlene-Engelhorn-haelt-ein-Plakat-mit-der-Aufschrift-Tax-the-rich-Besteuert-die-Reichen-auf-einer-Demonstration-vor-dem-jaehrlichen-Treffen-des-Weltwirtschaftsforums-WEF-in-Davos-Schweiz-Millionaere-und-Milliardaere-haben-auf-dem-Weltwirtschaftsforum-in-Davos-hoehere-Steuern-fuer-Superreiche-wie-sie-selbst-gefordert-Rund-370-Unterzeichner-warnten-in-einem-offenen-Brief-an-die-Staats-und-Regierungschefs-dass-extremer-Reichtum-eine-Gefahr-fuer-die-Demokratie-sei-weil-er-oft-mit-politischem-Einfluss-einhergehe
Reiche besteuern, fordert die deutsch-österreichische Millionärserbin und Sozialaktivistin Marlene Engelhorn. (Foto: picture alliance/dpa/KEYSTONE)

Wie verhält es sich mit der Chancengleichheit in Deutschland? Dieser Frage ist die RTL-Reportage-Reihe „Deutschland, stabil?“ nachgegangen und hat dazu drei junge Menschen getroffen, deren Situation nicht unterschiedlicher sein könnte.

Wir leben in einem sehr wohlhabenden Land. Die Bundesrepublik gehört zu den führenden Exportnationen der Welt, die Arbeitslosenquote zählt zu den niedrigsten in Europa und unser Bildungsstand liegt deutlich über dem globalen Durchschnitt. Aber geht es bei uns gerecht zu? In der neuen Folge der RTL-Reportage-Reihe „Deutschland, stabil?“ sind wir genau dieser Frage nachgegangen.

Can Günaydi ist mit einer alleinerziehenden Mutter und zwei Schwestern in Armut aufgewachsen. Leere Mägen hatten sie nie, aber „Klassenfahrt, neue Schuhe, Ausflüge, Kindergeburtstage, auf die man nicht gegangen ist, weil man kein Geschenk hatte“ – Dinge, die nicht drin waren und an die er zurückdenkt, wenn er über seine Kindheit spricht. Traurig werde er dabei aber nicht, erzählt uns der 30-Jährige. Seine Mutter habe schließlich immer versucht, ihnen das Leben so angenehm wie möglich zu machen.

In kaum einem anderen Industrieland prägt die soziale Herkunft die Chancen auf Bildung, Beruf und Lebensstandard so stark wie in Deutschland. Eine Studie des Ifo Instituts zeigt: Wer aus einer eher armen Familie kommt, bleibt eher arm. Wer aus einer eher reichen Familie kommt, bleibt eher wohlhabend. Wissenschaftler nennen es soziale Mobilität, doch die ist in Deutschland nicht sehr hoch, wie eben diese Studie zeigt. Heute arbeitet Can Günaydi als Influencer und Grafikdesigner. Seine Startchancen vergleicht er mit einem Rennen: „Manchmal fühlt es sich für mich so an, als wäre ich bei einem Wettlauf und vor dem Startschuss sagt man: ‚Can geh‘ mal 50 Meter zurück und jetzt ist es ein faires Rennen.'“

„Ich bin quasi über der Ziellinie geboren“

Marlene Engelhorn blickt auf ein solches Rennen ganz anders: „Ich bin quasi über der Ziellinie geboren.“ Die 34-Jährige ist eine der berühmtesten Millionenerben im deutschsprachigen Raum. Sie hat die deutsche und die österreichische Staatsbürgerschaft und hat von ihrer Großmutter „Traudl“ Engelhorn-Vechiatto ein zweistelliges Millionenerbe erhalten. Das Geld wollte Marlene Engelhorn nie für sich, sondern möglichst sinnvoll loswerden.

Über einen Bürgerrat hat sie deshalb 25 Millionen Euro verteilen lassen, an wohltätige Organisationen. Das sei der möglichst demokratische Weg gewesen, sagt sie. Engelhorn sieht sich als Frau mit Privilegien qua Geburt, nicht durch eigene Leistung. Aufgewachsen ist sie in einer Villa mit einem Speiseaufzug. Davon erzählt sie häufig, weil es „so fremd ist von der Lebensrealität von 99 Prozent der Menschen auf diesem Planeten“. Als sie mit sechs Jahren einen Freund besuchte, habe sie festgestellt, „der wohnt an einem Ort, da fährt man mit der U-Bahn hin“, ein Fortbewegungsmittel, das sie damals nicht kannte.

Marlene Engelhorn ist nicht nur wegen ihres Erbes bekannt. Sie ist wohl die bekannteste Akteurin der Initiative Taxmenow, die sich für mehr Steuergerechtigkeit einsetzt. Die Deutsch-Österreicherin fordert eine Vermögenssteuer, die in Deutschland 1996 abgeschafft wurde, und eine höhere Erbschaftssteuer, um die in ihren Augen ungleiche Verteilung von Reichtum zu ändern. „Idealerweise ist Umverteilung nicht freiwillig, sondern etwas, was zu den Pflichten einer demokratischen Gesellschaft gehört, dass alle machen müssen in unterschiedlicher Höhe, je nachdem, was sie zur Verfügung haben.“

Bei hohen Einkommen gilt Derartiges schon. Die obersten 10 Prozent bringen laut dem Institut der deutschen Wirtschaft mehr als die Hälfte der Steuern in diesem Bereich ein. Ob sich etwas in Sachen Vermögens- und Erbschaftsbesteuerung ändert, um so zu mehr Gerechtigkeit zu kommen? Engelhorn sagt: „Die Hoffnung, dass wir es hinbekommen, ist absolut ungetrübt. Die Frage ist, ob ich es erlebe.“

Soziale Mobilität ist auch möglich

Darüber würde sich auch Tim Gieroska freuen. Als wir ihn in Aachen treffen, erzählt er uns davon, dass er am Monatsende jeden Cent umdrehen muss. Dass seine Kommilitonen einfach Geld von ihren Eltern bekommen und er mit Nebenjob und Studium 14 Stunden Tage hat, empfindet er als ungerecht. Auch wenn er glücklich ist, überhaupt als Erster in seiner Familie die Chance zu haben, zu studieren. Aber die geringe soziale Mobilität mache ihm wenig Hoffnung, dass er sich irgendwann keine Sorgen mehr um Geld machen muss.

Can Günaydi hat aktuell keine Geldsorgen mehr, sagt er. Als reich würde er sich trotzdem nicht bezeichnen. Er verdient sein Geld als Grafiker und mit dem Auftritt auf seinen Social-Media-Kanälen. Wie viel Geld dabei rumkommt, sagt er nicht. Aber er könne sich und seiner Familie „schöne Dinge“ kaufen. Er wünscht sich, dass niemand so arm aufwachsen muss wie er. Gleichzeitig bringt sein Fall Hoffnung, dass entgegen der Statistik soziale Mobilität möglich ist.

Quelle: ntv.de

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