27.06.2026 | 01:49 Uhr
Die Franzosen polieren gegen eine norwegische B-Elf ihre Offensivmaschine, dem Torwart der Skandinavier fliegen die Bälle nur so um die Ohren. Währenddessen rudern auf den Rängen nicht nur die Wikinger. Der designierte Achtelfinalgegner der Deutschen ist in Topform.
Nach 22 Sekunden weiß die Welt, was die Franzosen an diesem Nachmittag vorhaben. Da stürmt Ousmane Dembélé über den Flügel, zieht kurz nach innen und feuert von halbrechts einen Kanonenschuss an die Unterkante der Latte. Die Norweger sind anscheinend gar nicht richtig auf dem Platz. Kein Wunder, wird beim Blick auf die Aufstellung deutlich, hat Nationaltrainer Stale Solbakken doch zehn Spieler von der Anfangself des zweiten Gruppenspiels auf die Bank gesetzt. Belastungssteuerung statt Gruppensieg.
Damit ist klar: Frankreich wird Deutschlands Achtelfinalgegner, sollte die DFB-Elf es erreichen. Julian Nagelsmann kann sich schonmal vorsorglich in die Eistonne setzen. Diese Équipe Tricolore ist eine furchterregende Offensivmaschine, der praktisch jederzeit alles zuzutrauen ist und ständig seine Positionen wechseln kann. Die Partie im Stadion der New England Patriots bringt zudem ein zweites französisches Tormonster hervor, das an Kylian Mbappés Seite stürmt: Dembélé. Der wird innerhalb von 25 Minuten so leichtfüßig einen lupenreinen Hattrick erzielen, als würde er das jeden Tag mit verbundenen Augen machen.
Ehrentreffer: Aasgaard lässt Norwegen kurzzeitig hoffen
Dampf, Dampf, und nochmal Dampf, die Franzosen zeigen den Norwegern insbesondere in deren Defensive die Grenzen auf. Die beiden Flügelspieler stehen zu Beginn auf den gegenüberliegenden Seitenlinien, es sieht zeitweise so aus, als spielten sie eine Formation mit vier nominellen Stürmern. Entsprechend bekommen die Skandinavier auch überhaupt keinen Zugriff, stehen bei den konstanten Angriffen viel zu weit weg, die Franzosen können sich ein ums andere Mal die Kugel unbedrängt so zurechtlegen, dass Schlussmann Egil Selvik die Raketen nur so um die Ohren fliegen.
Goldene Generation aus dem Norden
Norwegen ist mit einer potenziellen goldenen Generation und dem Superstürmer Haaland unberechenbar. Doch das vermeintliche Duell Mbappé gegen Erling Haaland fällt aus. „Wir haben nach dem Spiel gegen Senegal eine Bilanz gezogen, und viele Spieler waren sehr beeinträchtigt“, wird Stale Solbakken nach der 1:4-Niederlage sagen. „Wir hatten das kürzeste Ruhefenster“, sagt der Trainer, der in Deutschland aus seiner Zeit beim 1. FC Köln bekannt ist: „Die Ärzte haben das entschieden.“
Dembélé schnürt magischen Dreierpack gegen Wikinger

Vor Anpfiff gibt es eine – größtenteils tatsächlich stille – Schweigeminute im Stadion für die Erdbebenopfer in Venezuela. Die Kräfteverhältnisse auf dem Rasen sind ziemlich klar, aber auf den Rängen sieht es anders aus. Die Franzosen sind beim „Dezibel-Test“ vor der Partie hörbar zahlreicher, aber danach die Fanblöcke der Norweger eindeutig stimmgewaltiger. Die Équipe Tricolore muss heute auf Cheftrainer Didier Deschamps verzichten, dessen Mutter verstorben ist – und der deshalb zur Beerdigung nach Frankreich gereist ist. Guy Stephan ist deshalb der Verantwortliche an der Seitenlinie; was aus der Ferne leicht verwirrt, denn sowohl er, als auch Stale Solbakken zeigen Glatze.
Frankreich drängt Norwegen hinten rein, die Wikinger können sich kaum befreien. In der 7. Minute bekommt Dembélé erneut auf dem rechten Flügel die Kugel, kein Norweger kann ihn stellen, er macht zwei kurze Haken und schickt aus 16 Metern einen Strahl in die lange Ecke. In der 14. Minute haben plötzlich die Norweger eine Möglichkeit, aber das irritiert Bayerns Michael Olise, der sich vorwiegend in der Mitte hinter den Spitzen bewegt, und dessen Kollegen kein bisschen.
Mbappé hat freie Schussbahn, trifft aber den Torwart. Norwegens Fans halten von den Rängen dagegen, aber es gibt keine Ruhe. Dann kommt Dembélé, diesmal zentral vor den Strafraum, kein Gegenspieler ist schnell genug, um ihn aufzuhalten, wieder schlägt der Ball links in der Ecke ein, diesmal mehr geschlenzt.
Kurze Hoffnung bei den Ruderern
Direkt nach dem Mittelanstoß kommt Hoffnung bei den Norwegern auf, Thelo Aasgaard macht eine kurze Körpertäuschung am Strafraum, erwischt Frankreichs Torhüter auf dem falschen Fuß, der Flachschuss geht links unten ins Netz. Aber auch das ist nur ein kurzes Aufflackern, die Franzosen scheinen aus allen Lagen gefährlich aufs Tor schießen zu können; immer ist jemand in Position, es gibt Doppelpässe, viel Raum und Drang nach vorn.
Dann hebt sich der dritte Vorhang für Dembélé. Wieder legt er sich den Ball auf links, er ist bereits im Sechszehner, täuscht an, wieder in die linke Ecke geschlenzt: 3:1. Ein lupenreiner Hattrick in weniger als einer halben Stunde – aus dem Tormonster-Trio Mbappé, Haaland und Lionel Messi ist ein Quartett geworden.
In der Pause schalten die Franzosen, wie sichtbar werden wird, merklich einen Gang zurück. In der 48. Minute wirbelt der norwegische Oscar Bobb durch ihren Strafraum, bis ihm ein Franzose den Gefallen tut und ihn legt. Jørgen Strand Larsen schießt schwach in die rechte Ecke, Mike Maignan hält spielend leicht. Doch kein Anschlusstreffer, aber die Norweger versuchen mehr Offensive. In der 65. gehen die Schlüsselspieler Dembélé und Olise vom Feld, das Publikum erhebt sich; kurz danach erneut die Chance für die Norweger, aber Maignan taucht stark ab und hält.
Halbe Kraft reicht für die B-Elf
Frankreich spielt in der zweiten Hälfte nur noch mit halber Kraft, aber Norwegen kann es nicht ausnutzen. Da helfen auch die rudernden Fanblöcke nicht; oder die Jubelstürme direkt im Anschluss. Irgendwann fängt der in der gegenüberliegenden Kurve, wesentlich kleinere Fanblock der Franzosen mit eigenen Ruder- und Jubeleinlagen an. Was den Norwegern gefehlt hat, wird deutlich, als der Leipziger Antonio Nusa eingewechselt wird und Tanzeinlagen mit den Franzosen zeigt. Aber es ist viel zu spät, in der Nachspielzeit erhöht die Équipe Tricolore durch Desiré Doué – per Kopf auf 4:1.
Nach Abpfiff feiern die Fans beider Mannschaften. Die Franzosen wegen neun Punkten aus drei Spielen und einer überzeugenden Gruppenphase, Norwegen bei der ersten WM-Teilnahme seit 28 Jahren wegen eines souveränen Einzugs in die K.o.-Phase. Deutschland ist für Frankreichs Trainer Guy Stephan nur indirekt ein Thema. Man müsse im weiteren Turnierverlauf „ausgeglichener“ agieren, da viel härtere Gegner als eine norwegische B-Elf auf sie zukämen. Damit sind auch die Deutschen gemeint.
„Wir hätten mehr Tore erzielen können, aber dann haben wir aufgehört, zu laufen“, kritisiert Stephan. Zufrieden sei er trotzdem; neun Punkte nach drei Spielen hätten er und Didier vor ein paar Monaten sofort unterschrieben. Der Anspruch der Franzosen ist hoch. Ob er die Mannschaft als stärker einschätzte als 2022, als man im Finale an Argentinien scheiterte? „Das ist voreilig, darüber zu reden, mehr als die Hälfte unserer Spieler hat nie eine WM gespielt“, so Stephan. Frankreich habe eine Mannschaft, „die glänzen kann“. Das wird womöglich auch die DFB-Elf am 4. Juli zu spüren bekommen.
Verwendete Quelle: ntv.de
