Deutschlands Nationalmannschaft kommt gegen die Elfenbeinküste mit einem blauen Auge davon. Vor allem Yan Diomandé stellt die DFB-Elf vor große Probleme. Der Leipziger zeigt, warum er als eines der begehrtesten Talente Europas gilt – obwohl er nicht einmal sein bestes Spiel macht.
Ein Haken, ein Antritt, weg ist er. Yan Diomandé lässt Joshua Kimmich auf der linken Seite stehen und sorgt mit seiner Hereingabe für Chaos im deutschen Strafraum. Wenige Sekunden später erzielt Franck Kessié die Führung für die Elfenbeinküste.
Es ist eine der Schlüsselszenen eines Abends, an dem der 19-jährige Leipziger immer wieder zeigt, warum Europas Topklubs Schlange stehen – und warum auf die DFB-Elf noch ein Grundproblem zukommen könnte. Am Ende gewinnt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft die Partie zwar noch mit 2:1, doch vor allem in der ersten Halbzeit drückt Diomandé dem Spiel seinen Stempel auf.
Amiri schwärmt vom „Killer vor dem Tor“
Dabei war die deutsche Mannschaft gewarnt. Kimmich wusste genau, was kommt – und konnte es trotzdem nicht verhindern. Wenige Tage zuvor hatte der Kapitän im DFB-Quartier in Winston-Salem noch vor genau jenen Qualitäten gewarnt, die wenig später zum ivorischen Führungstreffer führen sollten: Tempo, Dribbelstärke und die Fähigkeit des Leipzigers, Gegenspieler im Eins-gegen-Eins stehenzulassen.
Auch die übrigen Lobeshymnen aus dem deutschen Lager kamen schon weit vor dem Anpfiff. Nagelsmann verwies auf die Gefahr, die von Diomandé ausgehe. Teamkollege Jonathan Tah wurde noch konkreter: Der Leipziger sei „ein überragender Spieler“, verfüge über „viel Talent und Potenzial“ und sei „sehr unangenehm“ als Gegenspieler. Gegen Deutschland lieferte der 19-Jährige anschließend den passenden Beweis.
Kimmich machtlos
Trotz seines Blicks in die Glaskugel noch unter der Woche fand der Kapitän über weite Strecken der ersten Halbzeit keinen Zugriff auf den Leipziger. Immer wieder suchte Diomandé das direkte Duell auf dem Flügel, immer wieder setzte er sich mit Tempo, Körpertäuschungen oder seinem explosiven Antritt durch.
Die Elfenbeinküste erkannte das schnell. Ein Großteil ihrer Angriffe lief über Diomandés Seite. Nach gut einer halben Stunde waren bereits acht Offensivaktionen über den Flügelspieler eingeleitet worden.
Kimmich war vor allem in der ersten Halbzeit dadurch nahezu ausschließlich mit Defensivarbeit beschäftigt und konnte sich selbst kaum ins Offensivspiel einschalten. Dem deutschen Spiel merkte man das an, Kimmich fehlte im Aufbau. Selbst als der Ball tief in der gegnerischen Hälfte liegt, erinnert Jonathan Tah seinen Nebenmann Kimmich: Vergiss den Diomandé nicht.
Die nächste große Bundesliga-Attraktion
Dass Flügelstürmer inzwischen zu den spannendsten Spielern der Bundesliga zählt, überrascht längst niemanden mehr. Nach seinem Wechsel von Leganés nach Leipzig gelang ihm der Durchbruch auf höchstem Niveau. Zwölf Tore erzielte er in seiner ersten Bundesliga-Saison, seine Mischung aus Dynamik, Dribbelstärke und körperlicher Robustheit machte ihn zu einem der aufregendsten Flügelspieler Europas.
Die Folge: Liverpool soll den Angreifer als langfristigen Nachfolger von Mohamed Salah im Blick haben, auch Paris Saint-Germain wird immer wieder mit ihm in Verbindung gebracht. Die diskutierten Ablösesummen bewegen sich bereits im Bereich von 100 Millionen Euro.
Für Aufsehen sorgte aber nicht nur der Sport, sondern der Mensch. In einem emotionaler Brief, den der Leipziger auf der Plattform „The Players‘ Tribune“ veröffentlichte. Darin sprach er erstmals ausführlich über den Tod seiner jüngeren Schwester Roxanne. Die damals 15-Jährige starb vor zwei Jahren in Abidjan, nachdem ihr bei einer Feier etwas in ihr Getränk gemischt worden war.
Diomandé schilderte darin den Moment, als ihn die Nachricht erreichte. „Deine Schwester ist weg. Sie ist gestorben“, habe man ihm am Telefon gesagt. Bis heute habe er keine Antworten darauf gefunden, warum seine Schwester sterben musste. „Vielleicht war es Eifersucht. Vielleicht hätte ich sie beschützen können. Ich weiß es nicht“, schrieb der Nationalspieler. Besonders bewegend sind die Zeilen, in denen er die Folgen des Verlusts beschreibt. „Früher hatte ich Gefühle. Jetzt fühle ich nichts mehr. Es ist, als wäre ich nicht einmal ein Mensch. Seit du gestorben bist, bin ich leer.“
Auch Tah hatte den Brief gelesen. Die Zeilen seien „sehr bewegend“ gewesen, sagte der Nationalspieler vor der Partie. Jeder, der mentale Rückschläge erlebe, brauche Rückhalt und Unterstützung. Er finde es deshalb wichtig, dass Diomandé seine Geschichte teile und den Mut habe, „seine menschliche Seite zu zeigen“.
Auf dem Platz versucht der Leipziger, den Schmerz in Antrieb umzuwandeln. An seine Schwester gerichtet schrieb er: „Ich möchte, dass du weißt, dass ich dafür sorgen werde, dass du weiterlebst. Ich werde dafür sorgen, dass jeder deinen Namen kennt. Die ganze Welt. Alles, was ich auf einem Fußballplatz mache, ist für dich.“
Sein Versprechen an seine Schwester löste er bereits bei seinem WM-Debüt gegen Ecuador ein. Dort wirbelte er die gegnerische Abwehr gehörig durcheinander. Mit seinen Dribblings brachte er selbst Arsenal-Profi Piero Hincapié immer wieder in Schwierigkeiten und zwang den Gegner zu taktischen Umstellungen. Einen Treffer erzielte der Flügelspieler zwar nicht, dennoch hatte er entscheidenden Anteil am Erfolg der Elfenbeinküste. Gegen Deutschland bestätigte er seinen starken ersten Eindruck.
Nicht einmal am Limit
Aus Sicht der DFB-Elf war das aber besorgniserregend. Denn so auffällig Diomandé vor allem vor der Pause auch war: Es war keineswegs ein perfektes Spiel des 19-Jährigen. Vor allem nach der Pause trat er nur noch selten in Erscheinung, bekam kaum noch Bälle und war kein großer Faktor mehr.
Und trotzdem blieb Diomandé gefährlich, gewann weiterhin wichtige Duelle. Die ganz großen Momente der ersten Halbzeit konnte er jedoch nicht mehr wiederholen. Gegen Spielende brauchte Kimmich dann auch noch mal die Hilfe von Antonio Rüdiger, der dem geschlagenen Kapitän im Sprint helfen musste.
Genau das dürfte Deutschland fast beunruhigen. Denn selbst an einem Abend, an dem nicht jede Aktion gelingt und nicht jede Entscheidung sitzt, war Diomandé der Spieler, der der DFB-Elf die größten Probleme bereitete. Und ein strukturelles Problem aufzeigte: Besonders, weil Kimmich konstant mit der Abwehrarbeit in der ersten Hälfte beschäftigt war, fehlte er im Spielaufbau. Da muss sich Bundestrainer Julian Nagelsmann etwas einfallen lassen.
Verwendete Quelle: ntv.de
