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CSD-Attentäter Abdul B. wollte nach Mauretanien auswandern und sich dort wohl einem radikalen Prediger aus Berlin anschließen. Wird das westafrikanische Land zum neuen Tummelplatz für Europas Dschihadisten?
Als Abdul B., der spätere mutmaßliche Attentäter vom Berliner Christopher Street Day, im November 2025 nach Berlin zurückkehrte, warteten Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) bereits am Flughafen auf ihn. Der Islamist wurde festgenommen und kam in Untersuchungshaft.
Mit einem Polizeibeamten unterhielt sich B. auf dem Weg ins Gefängnis. Der Ermittler wollte wissen, warum B. denn in den Libanon gereist sei – und kurz zuvor sogar nach Mauretanien. Um Urlaub zu machen, soll Abdul B. geantwortet haben. Der Strand und das Wetter seien dort so gut. Und: „Wissen Sie, wenn man an einer Schule den Islam lernen will, dann geht man nach Mauretanien. Ägypten ist tot. Mauretanien ist das neue Ägypten.“
Mauretanien als Anlaufstelle für Islamisten
Das Land im Nordwesten Afrikas, südlich von Marokko gelegen, gilt hierzulande bislang nicht unbedingt als beliebtes Urlaubsziel. Es soll sich nach Erkenntnissen von Sicherheitsbehörden aber seit einiger Zeit zu einem Tummelplatz für Islamisten aus Europa entwickeln. Möglicherweise sogar zum Sprungbrett für angehende Dschihadisten, die sich Terrorgruppen in den umliegenden Kriegs- und Krisengebieten, etwa in Mali, Niger oder Burkina Faso, anschließen wollen. Auch Abdul B. sagte in seiner Vernehmung, er sei nach Mauretanien gereist, um sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) anzuschließen.
Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung (SZ) zeigen: In Mauretanien gibt es in abgelegenen Ortschaften mehrere Koranschulen und Islamzentren, in denen fundamentalistische Prediger lehren. Auch junge Muslime aus dem Westen sind ihre Schüler.
Koranschulen im Fokus der Sicherheitsbehörden
Es ist eine Entwicklung, die deutsche Sicherheitsbehörden mit Sorge beobachten. Eine Islamwissenschaftlerin kam im Oktober 2025 in einer Analyse für das LKA Berlin zu dem Schluss, dass die islamischen Bildungseinrichtungen in Mauretanien nicht nur ausländische Salafisten anzögen, sondern mutmaßlich auch Kontaktbörsen seien, um Anschluss an dschihadistische Gruppen zu finden.
Seit dem Niedergang der Terrormiliz IS im Nahen Osten sind die Ausreisen dorthin von Dschihadisten aus Europa stark zurückgegangen. Nur noch vereinzelt zieht es Personen aus der islamistischen Szene in frühere Zielländer wie Syrien, Irak oder Pakistan. Doch andere Destinationen entfalten neue Anziehungskraft, darunter insbesondere afrikanische Länder, in denen der IS Terrorcamps unterhält.
Gescheiterter Ausreiseversuch
Für Abdul B. endete der Trip nach Mauretanien am 16. Mai 2025 wohl schon kurz nach seiner Ankunft am Flughafen von Nouakchott. Mauretanische Grenzbeamte griffen den jungen Berliner auf und schickten ihn wieder nach Hause. Der Staatsschutz des LKA erfuhr erst später vom Mauretanien-Trip. Das Bundeskriminalamt konnte mithilfe von Passagierdaten die Reisewege rekonstruieren.
Seinen Eltern hinterließ B. damals eine Art Abschiedsbrief, der nicht unbedingt darauf hindeutete, dass er eine Rückreise anstrebte: „Vergebt mir für meine Fehler. Ich liebe euch. Mama du bist die beste Mutter“, schrieb Abdul B. nach Recherchen von WDR, NDR und SZ in krakeliger Schrift auf eine Karte.
Erkenntnissen des LKA zufolge plante Abdul B. offenbar, in Mauretanien eine Koranschule in Umm al-Qura zu besuchen. Der kleine Ort liegt rund 60 Kilometer östlich der Hauptstadt, mitten in der Wüste. In Sozialen Netzwerken finden sich Videos, aufgenommen von Islamschülern aus Europa und den USA, die vom einfachen Leben und der Abgeschiedenheit schwärmen und Glaubensbrüder dazu aufrufen, ebenfalls auszuwandern.
„Ihr müsst verstehen: Die Brüder und Schwestern sind hierhergekommen, um der Fitna (übersetzt: Versuchungen, Prüfungen) der modernen Welt zu entkommen“, sagt ein englischsprachiger YouTuber in einem Video. „Das Leben hier kann ganz schön hart sein, speziell für Leute, die westliche Standards gewohnt sind. Aufgrund der wenigen Ablenkungen ist dies ein idealer Ort, um nach Wissen zu streben.“
Der Prediger in Mauretanien
Abdul B.s Auswanderungspläne hatten offenbar mit seinem religiösen Mentor zu tun: Der deutsch-ägyptische Prediger Amir Abo A., geboren 1996 in Berlin, lebt seit Ende 2024 in Mauretanien. Zuvor war er laut Verfassungsschutz eine wichtige Figur in der radikalislamischen Szene in Berlin, predigte unter anderem in einer einschlägig bekannten Moschee im Ortsteil Neukölln.
A. führe seine Anhänger über Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube an die salafistische Ideologie heran und radikalisiere sie, heißt es in einem Bericht der Berliner Senatsverwaltung.
Amir Abo A. alias „Amir al-Kinani“ soll, so der Verfassungsschutz, für den Verein „Deutschsprachige Muslimische Gemeinschaft (DMG) e.V.“ aktiv gewesen sein, der der Bewegung der Muslimbruderschaft zugerechnet wurde. Der Verein mit Sitz in Braunschweig wurde im Juni 2024 vom niedersächsischen Innenministerium verboten.
Damals kam es auch zu Durchsuchungen bei Amir Abo A. in Berlin. Kurz darauf, im September 2024, soll sich A. aus Deutschland abgemeldet haben und nach Mauretanien ausgewandert sein.
Chats mit Amir Abo A.
Für den späteren CSD-Attentäter Abdul B. war der Prediger wohl eine enge Bezugsperson, wie das LKA in diesem Frühjahr in einem Bericht feststellte. 2024 unternahmen beide eine gemeinsame Pilgerreise nach Saudi-Arabien. Aufnahmen zeigen den jungen Berliner lächelnd an der Seite des Predigers vor einer Berglandschaft und auf dem Boden einer Moschee sitzend.
Bevor Abdul B. seine Reise nach Mauretanien antrat, chattete er nach Erkenntnissen des LKA intensiv mit dem Prediger A. Beide schickten sich Sprachnachrichten. A. war zunächst misstrauisch, weil B. ihn unter einer neuen Telefonnummer kontaktiert hatte. Man müsse da vorsichtig sein, so der Prediger, denn es könne schließlich auch die Polizei sein.
Abdul B. wollte wissen, ob der Prediger ihm bei der Wohnungssuche in Mauretanien helfen könne und wie die Lebensbedingungen vor Ort seien. Wohnungen seien günstig zu bekommen, so Amir Abo A., umgerechnet nur 100 bis 140 Euro betrage die Monatsmiete. Man könne aber auch kostenlos in einem Gästehaus für Koranschüler, einer „Mahdara“, wohnen. „Einfach machen, einfach buchen, Visa, komm, fertig“, so der Berliner Prediger in einer Sprachnachricht an B.
Amir Abo A. reagierte bislang auf eine Anfrage von WDR, NDR und SZ nicht.
Treueschwur an den IS
Zu seinem Scheich, seinem religiösen Führer, nach Mauretanien schaffte es Abdul B. nicht. Und auch nicht zu den IS-Terroristen in Syrien. Wieder zu Hause in Berlin, gab er sich große Mühe, seine Pläne zu leugnen – und seine Beziehung zu Amir Abo A. Es gebe keine Prediger, denen er folge – weder in Deutschland noch sonst wo auf der Welt, soll B. dem Polizisten kurz nach der Festnahme am Berliner Flughafen gesagt haben.
Er lerne den Islam ganz allein. Auch die Vorwürfe im Haftbefehl wegen mutmaßlicher Ausreiseversuche zum IS könne er sich nicht erklären. Der IS existiere doch gar nicht mehr. Nach dem Anschlag am vergangenen Samstag fanden Ermittler auf seinem Handy ein Video. Es ist rund eineinhalb Minuten lang, aufgenommen wohl kurz vor seiner Tat. Darin ist Abdul B. vermummt zu sehen: Er schwört dem IS die Treue.
