Die japanische Fußball-Nationalmannschaft zerlegt Tunesien und macht Lust auf mehr. Besiegen die Blue Samurai bei dieser Weltmeisterschaft ihren Turnier-Fluch?
Japan fliegen bei dieser Fußball-WM wieder viele Fußball-Herzen zu. Da sind zum einen die Fans, die stimmungstechnisch ganz weit vorne sind und mit Dauergesang echtes WM-Feeling erzeugen. Und natürlich hinterher wieder viral gehen, weil sie die Tribünen blitzeblank aufräumen und sauber machen. Wobei es dafür auch eine Ansage der japanischen Frauen in Richtung Männer gab, Stichwort: Doppelmoral. Selbst die Mannschaft lässt wie gewohnt in der Kabine alles sauber zurück. Das kann man nur gut finden.
Auch auf dem Rasen unternimmt die Mannschaft von Coach Hajime Moriyasu alles dafür, weitere Sympathien einzusammeln. Nach dem kämpferischen und taktisch starken 2:2 (Comeback nach zweimaligem Rückstand) zum Auftakt gegen die Niederlande spielten sich die Japaner gegen Tunesien so richtig in WM-Form. Mit erfrischendem Offensivfußball, Pressing, Pass-Stafetten bestätigten sie fulminant den nicht ganz geheimen Ruf, beim WM-Turnier ziemlich weit kommen zu können.
Tunesien – Japan 0:4 (0:2)
Tore: 0:1 Kamada (4.), 0:2 Ueda (31.), 0:3 J. Ito (69.), 0:4 Ueda (83.)
Tunesien: Dahmen – Talbi, Rekik, Bronn (46. Ben Hmida) – Valery, Tounekti (64. Chaouat), Skhiri (90. Khedira), Abdi (90. Achouri) – Saad (46. Gharbi), Hannibal – Ben Slimane; – Trainer: Renard
Japan: Z. Suzuki – Tomiyasu (78. Seku), Itakura, H. Ito – Doan (74. Sugawara), Sano, Kamada (74. J. Suzuki), Nakamura (78. Y. Suzuki) – Tanaka, J. Ito – Ueda (84. Goto); – Trainer: Moriyasu
Schiedsrichter: Istvan Kovacs (Rumänien)
Gelbe Karten: –
Zuschauer: 51.243 in Monterrey/Mexiko
Die Blue Samurai führten im mexikanischen Monterrey die desolaten Tunesier mit 4:0 regelrecht vor. Für die Nordafrikaner gab es unter dem flugs eingeflogenen Neu-Trainer Hervé Renard – Vorgänger Sabri Lamouchi war nach dem 1:5 zum WM-Auftakt gegen Schweden entlassen worden – die nächste Niederlage und damit das vorzeitige Turnier-Aus. Die Rettungsaktion mit dem Feuerwehrmann ist grandios gescheitert. Tunesien hatte gegen die starken Japaner keine Chance, zeigte aber auch erstaunlich wenig Gegenwehr.
Japan spielt Tunesien rund
Den Auftakt der japanischen Festspiele machte der ehemalige Frankfurter Daichi Kamada, der mit seinem zweiten Schuss im Turnier seinen zweiten Treffer erzielte. Im Spiel gegen die Niederlande jubelte er in den letzten Minuten der Partie, nun schon nach gut drei Minuten. Die japanische Auswahl übernahm sofort die Kontrolle und gab sie nie wieder her. Die Blue Samurai legten durch ihre Tempovorstöße und Ballkontrolle den Würgegriff um Tunesien. Immer wieder strahlten die Blauen Gefahr aus, der niederländische Torschützenkönig Ayase Ueda von Feyenoord Rotterdam schraubte die Führung nach einer halben Stunde auf 2:0.
Nach dem Seitenwechsel ließen die Japaner nicht locker und legten sich die Nordafrikaner immer wieder zurecht. Junya Ito vollendete einen sehenswerten Angriff nach starker Vorarbeit von Ueda zum 3:0. Der erstaunliche, weil sehr platzierte Kopfballtreffer von Stürmer Ueda machte den Deckel drauf.
Japan präsentierte sich – wenn auch gegen einen schwachen Gegner- taktisch hervorragend. Hohe Passquoten, effektives Pressing, schnelle Tempovorstöße machen sie zu einem der bislang ansehnlichsten und interessantesten Teams der WM. So spielt ein echter Herausforderer und Mitfavorit. Historisch war es auch noch. Das 4:0 bedeutete den höchsten japanischen Sieg bei einer WM. Und: Vier Tore sind zuvor noch nie einem asiatischen Team bei einer WM gelungen.
WM-Fluch bald gebannt?
Wie geht’s weiter? In der Gruppe F liegt Japan nach dem deutlichen Sieg hauchdünn „nur“ auf Platz zwei hinter den Niederlanden, die ihrerseits 5:1 gegen Schweden gewannen. Weil Oranje bislang ein Tor mehr erzielt hat (zunächst zählt der direkte Vergleich), thronen sie an der Spitze der Gruppe. Nur bei einer Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen Schweden und einem Sieg oder einem Unentschieden der Niederlande gegen Tunesien ist Japan Gruppendritter. Im Sechzehntelfinale gibt es für die beiden Bestplatzierten der Gruppe ein Duell mit einem Team aus der Gruppe C um Marokko und Brasilien. Dann wartet wohl der nächste dicke Brocken.
Plötzlich strömen alle Japaner auf die Kreuzung
Bislang ist Japan bei einer Weltmeisterschaft noch nie über das Achtelfinale hinausgekommen. Das könnte sich in diesem Jahr ändern. Die Partien vor der WM geben Anlass zur Hoffnung. Da gewann Nippon fünfmal in Folge, es gab unter anderem einen Heimsieg gegen Brasilien und Auswärtssiege in England und Schottland.
Es wäre die Konsequenz einer stetigen Entwicklung. Japans Trainer Moriyasu ist seit 2018 im Amt und hat dem Team klare Strukturen gegeben. Die Mannschaft besteht aus vielen Stützen, die aus der Bundesliga bekannt sind. In der Abwehr hält der ehemalige Gladbacher Ko Itakura gemeinsam mit Bayern-Profi Hiroki Ito den Laden zusammen. Im Mittelfeld ordnet und dirigiert Kamada das Spiel, offensiv wirbelt unter anderem der Frankfurter Ritsu Doan. Japan ist ein unangenehmer Gegner in einer K.-o.-Runde. Egal, gegen wen es geht. Um nur die ganz kleinen Brötchen zu backen, ist Coach Moriyasu jedenfalls nicht nach Nordamerika geflogen. Das große Ziel gab er schon vor der Weltmeisterschaft bekannt: „Ich denke, es ist okay, uns den WM-Titel als Ziel zu setzen“, sagte er.
Verwendete Quelle: ntv.de
