Durch Ragebait in die Hass-FalleScrollen bis zum Koller – wie Big Tech mit User-Wut Geld macht
Soziale Medien werden von sogenanntem Ragebait-Content förmlich überschwemmt. Dessen Zweck: User provozieren und möglichst starke Reaktionen auslösen. Dahinter verbirgt sich nicht bloß irgendein neuer Internettrend, sondern ein gefährliches Geschäftsmodell, warnen Experten.
Seit ein paar Tagen steht das Jugendwort 2026 fest: Ragebait. Wörtlich übersetzt bedeutet es so viel wie Wut-Köder. Und genau darum geht es auch bei dieser Art von Social-Media-Inhalten: Menschen im Internet aufbringen, sie wütend machen – und sie so möglichst lange online aktiv halten.
„Ragebait führt dazu, dass die Leute mehr Zeit auf den Plattformen verbringen“, sagt der Medienwissenschaftler Martin Andree im Gespräch mit ntv.de. „Sie reagieren auf negative Inhalte, beleidigen einander, antworten dann wiederum darauf und gelangen dadurch in eine Art Hamsterrad, aus dem sie nur schwer wieder herauskommen.“ Es handelt sich also nicht einfach um den nächsten Jugendtrend. Längst hat sich das gezielte Posten von Aufregern zu einem Modell entwickelt, aus dem Big-Tech-Firmen wie Meta, Tiktok oder X ebenso wie Populisten weltweit Profit schlagen.
„Was stark polarisiert, erhält auch viel Aufmerksamkeit“, erklärt Andree. Und da die in der Aufmerksamkeitsökonomie des 21. Jahrhunderts Geld wert ist, ist es nicht verwunderlich, „dass die Plattformen negative Inhalte aktiv nach vorn schieben“. Genau das ist dem Wissenschaftler wichtig zu betonen: „Die Leute suchen sich diese Inhalte nicht selbst aus. Sie bekommen sie in ihren Feeds einfach vorgesetzt. Die Verbraucher- und Nutzerautonomie wurde weitgehend abgeschafft.“
Süßgebäck mit Schweinemett
Wie genau dieser Ragebait aussieht, der den Userinnen und Userinnen vorgesetzt wird, ist ganz unterschiedlich. Er reicht von nicht wirksamen Fake-Haushaltstipps und bewusst provozierenden Aussagen in Kommentarspalten bis zu absurden Kochrezepten, etwa für den „Mettliner“ – einen mit Schweinemett, Zwiebeln und Marmelade gefüllten Berliner. (Allein die Diskussion darüber, ob das Schmalzgebäck nun Berliner, Pfannkuchen, Krapfen oder wie auch immer heißt, hätte wohl auch schon Ragebait-Potenzial.)
Doch Ragebait beinhaltet neben Ekel- und Nerv-Videos auch das Verbreiten von Falschinformationen und teils strafbaren Inhalten wie etwa Diskriminierung, Verleumdung oder Holocaustleugnung, so Andree. „Und die Plattformen dürfen damit ihr Geld verdienen.“ Dass das für die Internetfirmen keine Konsequenzen hat, liegt laut dem Wissenschaftler an einem „regulatorischen Fehler“.
Soziale Netzwerke wie Instagram werden nämlich nicht wie klassische Medien reguliert, sondern als sogenannte „Intermediäre“, also als eine Art Vermittler – „obwohl sie wie redaktionelle Medien Inhalte anbieten und diese auch auf dieselbe Weise monetarisieren“, schreibt Andree in der Fachzeitschrift „Medienwirtschaft“. „Die frühen digitalen Inhalteanbieter wollten die Vorteile genießen, ohne die mit dem Erlösmodell typischerweise verbundenen Mühen und Kosten zu tragen.“ Also hätten sie einfach vorgegeben, keine Medien zu sein.
„Stellen Sie sich vor, man würde es einer Supermarktkette erlauben, seinen Kunden Crack zu verkaufen“, sagt der Medienwissenschaftler gegenüber ntv.de. „Und gegen Kritik wehrt sich das Unternehmen mit dem Argument, dass es die Droge nur verkauft und nicht selbst angemischt hat. Im übertragenen Sinn ist es genau das, was wir den Plattformen erlauben.“
Macht Social Media süchtig?
Dass der Drogen-Vergleich nicht komplett an den Haaren herbeigezogen ist, zeigt der im August beendete Suchtprozess gegen Meta. 29 US-Bundesstaaten hatten den Mutterkonzern von Instagram und Facebook vor einem kalifornischen Gericht wegen angeblicher Suchtgefahren seiner Plattformen verklagt.
Das Unternehmen von Mark Zuckerberg erzielte schließlich einen Vergleich und willigte in die Zahlung von 16,7 Milliarden US-Dollar (14,3 Milliarden Euro) ein. Meta erklärte sich zudem zu Änderungen an seinen Online-Netzwerken bereit, um Kinder und Jugendliche besser vor Risiken zu schützen.
In den USA sind derweil aber zahlreiche weitere Klagen wegen mutmaßlicher Social-Media-Sucht anhängig. Die Betroffenen berichten unter anderem von Depressionen, Panikattacken, Angststörungen und Suizidgedanken.
Demokratie-Zerfall Made in Silicon Valley
Zu den mentalen Schäden für User kommen laut Andree „gravierende gesellschaftliche und politische Folgen“, die durch Ragebait-Inhalte auf Social Media verstärkt werden. „Eigentlich friedliche Leute werden in der digitalen Welt zu Monstern gemacht und gegeneinander aufgehetzt.“ Die Effekte davon ließen sich etwa an den jüngsten Landtagswahl-Ergebnissen ablesen: „Die politischen Ränder werden stärker, während die demokratische Mitte immer weiter abgeschafft wird.“
Laut einer Studie der Universität Potsdam und der Bertelsmann-Stiftung werden Videos von Randparteien deutlich häufiger in sozialen Medien angezeigt als die von Mitte-Parteien. Demnach postete die SPD während des Bundestagswahlkampfs 2025 mit einem Anteil von 24,1 Prozent zwar die meisten Videos, wurde in den untersuchten Feeds aber nur mit einem Anteil von 14,1 Prozent vorgeschlagen. Die AfD postete 21,5 Prozent der Partei-Videos und wurde jungen Nutzern zu 37,4 Prozent angezeigt.
„Wir haben es mit Akteuren zu tun, die momentan unsere demokratische Öffentlichkeit übernehmen“, so Andree. „Akteure, die mit der AfD politisch quasi verbündet sind und die in Deutschland und Europa einen Systemwechsel anstreben.“ Als die in Teilen gesichert rechtsextreme Partei die Wahl in Sachsen-Anhalt gewann, gehörten US-Präsident Trump und Tesla-Chef Musk zu den ersten Gratulanten. Trump feierte „eine wirklich große Nacht“ und die AfD „im Aufwind“. Auch Musk freute sich und schrieb: „Gut gemacht!“
Die autoritäre Allianz aus Tech-Milliardären und dem MAGA-Lager haben laut Andree längst die digitale Sphäre in Deutschland übernommen. „Die USA nutzen diese Plattformen, um ihre geopolitische Vorherrschaft auszubauen.“ Ist der demokratische Zerfall in Deutschland und der Welt also Made in Silicon Valley? Der Medienwissenschaftler ist überzeugt: „Ja.“
Mit Tech-Bros im Hassstrudel
Um der Zorn-Spirale aus Mett-Gebäck, Hasskommentaren und rechten Tech-Bros ein Ende zu setzen, brauche es „eigentlich nur zwei Schritte“, sagt Andree. Erstens müsse das „Intermediärs“-Privileg für Social-Media-Plattformen aufgehoben werden. „Wer Inhalte zu Geld macht, muss für diese Inhalte haften. Das ist eigentlich logisch, aber eben nicht die Praxis.“
Zweitens müsse die Monopolstellung der Tech-Giganten aufgelöst und der Wettbewerb erleichtert werden. „Denken Sie an die Deutsche Telekom: Früher hatte sie ein Monopol. Heute können Kunden unter Dutzenden Angeboten wählen. Auch das ist ein regulatorischer Prozess.“
Das Problem sei also „eigentlich lösbar“, sagt Andree. „Aber wir trauen uns nicht, weil wir natürlich wissen, dass wir dann Ärger mit Trump bekommen.“ Doch die Angst müsse überwunden werden. „Sonst werden wir unsere Demokratie verlieren.“
