analyse
Vor einem Jahr stieg weißer Rauch über dem Vatikan auf. Der neue Papst war gewählt. Seitdem steht Leo XIV. für einen vorsichtigen Reformkurs in der Kirche – und hat nach außen eine zentrale Botschaft entwickelt.
Als am Nachmittag des 8. Mai 2025 weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle aufsteigt, eilt auch der Augustiner-Pater Joseph Farrell auf den Petersplatz, wie so viele andere. Er erlebt, wie sein Mitbruder Robert Francis Prevost der Welt als neuer Papst vorgestellt wird.
Ihm sei „buchstäblich die Luft weggeblieben“, als er den Namen gehört habe, erzählt Farrell ein Jahr später. Aber schon damals hatte er eine Ahnung, warum die Kardinäle den 69-jährigen Prevost zum Papst gewählt haben. Prevost sei ein Mann, „der nicht schnell eine Entscheidung trifft, sondern ernsthaft überlegt und mit sich ringt – und der dennoch auch jemand ist, der nicht zögert, Entscheidungen zu treffen“.
Nachdenklich und doch entscheidungsstark, zurückhaltend und, wenn nötig, deutlich. So haben die Kirche und die Welt Papst Leo XIV. in diesem Jahr erlebt. Schon bei seinem ersten Auftritt am 8. Mai auf der Loggia des Petersdoms setzte der neue Papst den Ton. Leos erste Worte sind ein Friedensgruß: „Der Friede sei mit Euch.“
Unbeeindruckt von Trumps Kritik
Diese Friedensbotschaft wird zum Leitmotiv im ersten Jahr im Amt. Und sie wird zum Anlass, dass sich Donald Trump mit diesem Mann anlegt, der seit Beginn des Pontifikats seine Vision von einem „entwaffneten und entwaffnenden Frieden“ predigt.
Er sei „kein Fan“ von Leo, schimpfte der US-Präsident, nachdem der Papst mehrfach den US-amerikanischen und israelischen Krieg gegen Iran kritisiert hatte. „Kehren wir zurück zum Dialog, zu Verhandlungen“, rief der Papst Trump aus der Ferne zu. Doch der erwiderte: „I don’t like it.“ Leo sei ihm zu liberal.
Dies Woche legte Trump noch einmal nach: Leo würde es wohl in Ordnung finden, wenn Iran über eine Atomwaffe verfüge. Den Papst beeindruckt solche Kritik nicht. Auf die jüngsten Einlassungen Trumps erwiderte er am Dienstag: Die Kirche sei seit Jahren gegen jede Form von Nuklearwaffen, da gebe es keinen Zweifel. „Wenn mich jemand dafür kritisieren will, dass ich das Evangelium verkünde, möge er bei der Wahrheit bleiben“, so Leo.
Dem Papst „geht es um das Thema“
Und während Trump weiter gegen den Papst austeilt, gab es gestern Zeichen der Entspannung. Papst Leo XIV. traf sich mit dem US-Außenminister Marco Rubio in Rom. Der Vatikan sprach nach der Audienz von herzlichen Gesprächen, „das gemeinsame Engagement zur Pflege guter bilateraler Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und den Vereinigten Staaten“ sei dabei erneuert worden.
Leo hat kein Interesse an einer Fortsetzung des Wortgefechts mit Donald Trump. Er will offenbar kein Anti-Trump sein, als wäre das etwas Persönliches. Ihm geht es um das Thema: Krieg und Frieden. Der Augustiner Joseph Farrell sagt über Papst Leo, seinen Mitbruder: „Manche Menschen stumpfen ab, er nicht.“ Leo XIV. fühle diesen Schmerz unmittelbar, „wenn die Welt gespalten ist, wenn die Welt von Gewalt geprägt ist“.
„Heute“ gegen Segnung homosexueller Paare
In der Welt ist Papst Leo ein Friedensbotschafter, und in der Kirche versucht er den vorsichtigen Reformkurs seines Vorgängers Franziskus fortzusetzen. Er agiert aber diplomatischer, weckt keine großen Hoffnungen auf Reformen. So wie Ende April, beim Rückflug von seiner Afrikareise, als er gefragt wurde, was er denn davon halte, dass nun im Erzbistum München und Freising offiziell Segensfeiern für homosexuelle Paare möglich sind.
Der Vatikan habe doch deutlich gemacht, dass er mit der formalisierten Segnung von homosexuellen Paaren nicht einverstanden ist, antwortet Leo. „Heute darüber hinauszugehen, würde meiner Meinung nach mehr Uneinigkeit als Einheit stiften.“ In diese Antwort packt Leo ein wichtiges Wort: „heute“.
Auch wenn er sich von der Vorgehensweise der deutschen Bischöfe distanziert, spricht er kein definitives Urteil. In dem „heute“ könnte auch ein „vielleicht morgen“ stecken. „Wo allmählich eine Kontur deutlich wird, sagt er nicht: Das ist unabänderliche Wahrheit“, beobachtet Jeremias Schröder, Abt Primas der Benediktiner in Rom. „Da bleiben Türen offen.“
Zurückhaltend, fast schüchtern
Bei Papst Franziskus klang das manchmal anders. Der hatte zum Beispiel die Ordination von Frauen in kirchliche Ämter kategorisch ausgeschlossen: „Diese Tür ist geschlossen.“ Papst Leo XIV., der Vorsichtige, lässt die Tür einen Spalt breit offen und antwortet auf die Frage nach der Weihe von Frauen: „Ich habe momentan nicht die Absicht, die Lehre der Kirche zu diesem Thema zu ändern.“ Momentan.
Leo ist weniger spontan als Franziskus; weniger hemdsärmelig. Bei öffentlichen Terminen verlässt er sich in der Regel auf den vorbereiteten Text. Im Auftritt ist Leo zurückhaltend, wirkt fast ein bisschen schüchtern.
Die vatikanische Bildregie ist da gnadenlos. In der Nahaufnahme sieht man jeden Gesichtsmuskel und fragt sich: Ist das Rührung oder Nervosität? „Ich finde es amüsant, wie Journalisten mein Gesicht interpretieren“, sagt Leo während seiner ersten Auslandsreise in die Türkei und den Libanon zu den mitreisenden Korrespondenten. „Manchmal bekomme ich wirklich großartige Ideen von euch allen, weil ihr glaubt, meine Gedanken oder mein Gesicht lesen zu können. Aber das ist nicht der Fall – ihr habt nicht immer recht.“

