Eine für alleOhne Kerosin nach Kreta?

Katherina Reiches Beschwörungsformel „Ist doch von allem noch genug da“ wirkt unglaubwürdig, wenn die nächste Meldung heißt: „Touristen müssen sich auf knappes Kerosin und hohe Ticketpreise einstellen“. Was denn nun? Der Sommer steht vor der Tür und riecht irgendwie nach Corona.
So – Sommerkleidchen, Sonnencreme und -brille, das ist meist eigentlich alles, was wir brauchen, wenn es in den heiß ersehnten Sommerurlaub geht. Wir ärgern uns über Verspätungen beim Abflug, wir fürchten Streiks beim Bodenpersonal und den Piloten, und wir erinnern uns an die Zeit, in der wir gar nicht fliegen konnten. Nicht durften. Corona.
Jetzt droht eine andere Gefahr neben der für viele existierenden Flugangst: Angst, gar nicht fliegen zu können. Denn wir Flugtouristen – so Sie denn nicht zu denen gehören, die diese Art zu reisen eh ablehnen – müssen sich im bevorstehenden Sommer auf weiter steigende Ticketpreise einstellen oder gar nicht erst startende Flugzeuge. Und wer bisher bei Hormus eher an Hummus gedacht hat, der weiß jetzt, dass dieses Nadelöhr der Casus Knacksus ist, an dem Ihre Träume von Urlaub unter Palmen scheitern könnten. Denn wenn es auf der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Transportrouten für Öl weltweit, zu Engpässen oder politischen Spannungen kommt, steigen die Preise für Rohöl – und damit auch für Kerosin. Die Fluggesellschaften werden die steigenden Kosten zumindest teilweise an Reisende weitergeben.
Und selbst bei einer baldigen Öffnung der Straße von Hormus würde es nach Schätzungen der Allianz-Trade drei bis sechs Monate dauern, bis Förderung und Raffinerieauslastung im Mittleren Osten wieder weitgehend normalisiert sind. Da Deutschland neben Großbritannien zu den größten Importeuren von Kerosin gehört, munkelt man bereits von Flugstopps in anderen Ländern, die zum Tanken eingelegt werden müssen. Keine besonders sonnigen Aussichten.
Sagen wir mal so: Die Krisenregion Nahost als Reiseziel entfällt, aus Gründen, doch werden auch Reisen nach Asien und Australien wegen der fehlenden Umsteigekapazitäten am Persischen Golf deutlich teurer. Auch für die im Übrigen, die dort jetzt nicht hinfliegen, sondern von dort zurückkommen wollen.
Und wat is mit Malle?
Wohl dem, der sich ein Ferienhäuschen zugelegt hat, das nicht mit dem Flugzeug erreicht werden muss. Sicher, Bahnfahren geht, meistens, aber Schiffe und Fähren müssen auch tanken. Dieses flotte, fahrlässige Fliegen von vor Corona, das ist vorbei. Profitieren könnten süd- und südwesteuropäische Ziele wie Spanien, Portugal, Italien und Griechenland, wenn anderweitige Pläne aufgegeben werden müssen. „Buchungsdaten deuten aktuell auf einen Nachfrageanstieg von 32 Prozent im Jahresvergleich für Spanien und von rund 20 Prozent für Italien, Griechenland und Portugal hin“, verkündet Allianz-Trade, gibt jedoch zu bedenken, dass einigen Menschen angesichts steigender Energiepreise, Inflation und schwacher Konsumstimmung grundsätzlich die Reiselust verdorben ist.
Der deutsche Inlandstourismus werde jedoch nicht automatisch von einem Schub profitieren, ahnt man. Wird sich der Markt wieder erholen? Sollten wir intensiver an Elektroflugzeugen arbeiten? Sollten wir unser Zuhause mehr schätzen lernen? Die Uckermark, die Eifel, die Alpen, die Ostsee und die Lüneburger Heide? Das werden wir sehen.
Wenn Sie heute nun doch noch schnell einen Flug buchen wollen, machen Sie es mit der Kreditkarte. Da ist die Wahrscheinlichkeit, sein Geld zurückzubekommen, am höchsten. Hundertprozentige Sicherheit wird es nicht geben, aber wo gibt es die schon im Leben? Wer jetzt einen günstigen Flug bei Lufthansa bucht, kann ihn trotzdem gestrichen bekommen. Wer jetzt bei Ryanair schaut, sollte das nicht zu weit im Voraus tun, wer weiß, wie lange die noch an Ihrem Flughafen abheben? Hauptstädter wissen ein Lied davon zu singen.
Verstehen Sie mich nicht falsch – die Zeiten, wo wir eben mal schnell für zwei Tage nach Mallorca geflogen sind, zum Christmas-Shopping nach New York, für einen Nachmittag in der Sylter Sansibar oder geschäftlich – morgens hin, abends zurück – nach München, die sind größtenteils vorbei. Und das ist in vielerlei Hinsicht auch gut so. Wir sollten uns was Neues überlegen – die schnelle Ex-und-Hopp-Gesellschaft muss sich weiterentwickeln und gleichzeitig besinnen. Doch worauf? Darüber können wir heute am Sonntag ja mal in Ruhe nachdenken.
