Das Datum des Erdüberlastungstags wird jährlich vom internationalen Thinktank Global Footprint Network berechnet – und sorgt für Schlagzeilen. Doch wie belastbar ist diese Kennzahl, und wo liegen ihre Grenzen?
Das Bild vom Erdüberlastungstag ist sehr anschaulich. Bei einer Umfrage im Stuttgarter Rosensteinpark können viele Menschen mit dem Begriff etwas anfangen. Es gehe um den Tag, „an dem wir die Ressourcen dieser Erde verbraucht haben“, sagt eine Passantin. Andere sind alarmiert: „Irgendwann wird der Tag immer früher kommen“, „Wir bräuchten mehrere Erden“ – die Botschaft kommt also an.
Die Menschheit lebt ökologisch „auf Pump“
Für ihren Konsum in diesem Jahr bräuchte die Weltbevölkerung rechnerisch nicht nur eine Erde, sondern noch fast eine Dreiviertel Erde zusätzlich – konservativ geschätzt. Wenn alle so leben würden wie die Menschen in Deutschland, wären sogar knapp drei Planeten nötig. So stellt es die internationale Denkfabrik Global Footprint Network dar.
Einer ihrer Gründer ist der Nachhaltigkeitsfachmann Mathis Wackernagel. Er vergleicht den Erdüberlastungstag mit dem Kontostand: „Wieviel verdiene ich? Wieviel gebe ich aus? Und bis wann habe ich mein Geld fürs Jahr aufgebraucht? Das ist nützlich zu wissen“, sagt Wackernagel. Kinder verstünden das Konzept „besonders gut, Minister weniger“.
So wird der Raubbau an der Natur gemessen
Für ihre globale Buchhaltung rechnen die Forschenden nicht mit Euro oder Dollar, sondern mit einem standardisierten Flächenmaß, den „globalen Hektar“.
Die Wissenschaftler nutzen UN-Daten, um zu ermitteln: Wieviel Fläche braucht die Weltbevölkerung in diesem Jahr für Ackerbau, Viehweiden, Fischerei, Waldprodukte, für Siedlungen und für die langfristige Bindung ihrer CO2-Emissionen auf der einen Seite – und wieviel produktive Fläche steht tatsächlich zur Verfügung? Das Ergebnis: die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich.
Setzt man Angebot und Nachfrage ins Verhältnis und multipliziert das Ganze mit 365 Tagen, erhält man die Zahl der Tage im Jahr, nach denen die Menschheit ihr ökologisches Konto überzieht – daraus lässt sich für das Jahr 2026 dann der 30. Juli ableiten.
Belastung durch Klimagase übersetzt in Fläche
Am stärksten zu Buche schlägt in dieser Rechnung unser Ausstoß des Klimagases CO2. Um ihn in ein Flächenmaß zu übersetzen, schätzen die Fachleute, wie viel Waldfläche nötig wäre, um das CO2 aufzunehmen, das nicht ohnehin von den Ozeanen geschluckt wird. Genau hier setzt Kritik an.
Der Klima-Ökonom Hubertus Bardt, Geschäftsführer am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, bemängelt: „Es werden verschiedene Dinge zusammengepackt, die eigentlich sehr unterschiedlich sind. Dann wird die Botschaft abgeleitet: Wir verbrauchen mehr Erden als wir haben. Und natürlich verbrauchen wir nicht mehr Erden“, sagt Bardt. „Das ist kein Flächenproblem, das wir mit CO2 haben, sondern das ist ein Problem des CO2 in der Atmosphäre.“
CO2-Emissionen dominieren die Bilanz
Kritiker monieren auch immer wieder die Berechnungsmethode: Wenn man bei der Berechnung des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit die CO2-Emissionen wegließe, gäbe es derzeit gar keinen Erdüberlastungstag. Dann würden für den globalen Verbrauch an natürlichen Ressourcen „nur“ rund 0,7 Erden benötigt.
Das führt zu dem Eindruck, ohne Klimagase gäbe es keinen Raubbau, die Welt wäre in Ordnung. So ist das von den Erfindern des ökologischen Fußabdrucks aber nicht gemeint. Mathis Wackernagel betont, selbst ein Verbrauch von rechnerisch rund 0,7 Erden sei ein Problem. Denn auf dem Planeten lebten schließlich nicht nur Menschen: „Ökologen haben zum Beispiel vorgeschlagen, dass die Hälfte der Kapazität der Erde nicht genutzt werden soll, wenn wir die Artenvielfalt einigermaßen stabil halten wollen.“
Grenzen des Indikators
Fachartikel kritisieren den Erdüberlastungstag und den ihm zugrunde liegenden ökologischen Fußabdruck als grobe, stark vereinfachende Kennzahlen. Zum Teil werde mit fragwürdigen Annahmen gearbeitet.
Wackernagel räumt ein, dass der Erdüberlastungstag einen Teil der Zerstörung nicht erfasst. Beispielsweise würden Umweltschäden wie Bodenerosion oder die Übernutzung von Grundwasser nicht abgebildet. Es fehlten verlässliche Daten dazu, aus welchen Quellen welche Mengen von dem besonders klimaschädlichen Gas Methan freigesetzt werden. Unklar seien auch die genauen Folgen von Waldbränden. Wahrscheinlich, so Wackernagel, werde der Raubbau an der Natur unterschätzt.
Es gibt Lösungen zur Entlastung des Planeten
Für Mathis Wackernagel ist entscheidend: Der ökologische Überlastung wird enden – die Frage sei nur, wie – „by design or by disaster“, durch Planung oder durch Katastrophen. Ein klarer Blick auf den Raubbau müsse nicht lähmen, im Gegenteil: „Wenn wir das wissen, dann können wir uns darauf vorbereiten. Das ist eigentlich ein Weg aus der Hilflosigkeit. Wir könnten, wenn wir wollen.“
Im Netz informiert die Umweltorganisation Global Footprint Network über viele Möglichkeiten, das Datum des Erdüberlastungstags im Jahr nach hinten zu schieben. Da geht es zum Beispiel um mehr erneuerbare Energien, um Naturschutz, Aufforstung, gute öffentliche Verkehrsmittel oder um eine fleischärmere Ernährung.
