Junge Menschen warten im Schnitt etwa 28 Wochen auf einen Therapieplatz. Gerade im ländlichen Raum fehlt es an Angeboten. Einige Apotheken wollen helfen – und werden zum „Safe Space“ für Jugendliche mit Sorgen und Nöten.
Henrik Friese sitzt auf einer Bank im brandenburgischen Fredersdorf-Vogelsdorf. Er spricht offen darüber, dass er selbst mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Leistungsdruck in der Schule, das eigene Aussehen, dazugehören wollen.
Der 18-Jährige reflektiert: „Ich habe mich in ein Bild reingezwängt, das mich eigentlich unglücklich gemacht hat.“ Seine Probleme habe er überwunden, indem er sich Hilfe von einem Therapeuten geholt habe. Dort habe er gelernt, das Handy auch mal wegzulegen, Freunde zu treffen, Poker oder Tischtennis zu spielen.
Aus eigener Erfahrung könne er sagen, dass es immer eine Hilfe sei, „wenn einen etwas beschäftigt, dass man – egal mit wem – darüber sprechen kann“. Es sei wichtig, dass einen die Person „ein bisschen auffängt und erstmal zuhört“. Sich überhaupt zu öffnen, das habe er von seiner Mutter gelernt.
„Anonym & ohne Termin“
Seine Mutter Juliane Friese betreibt eine Apotheke in Fredersdorf. Der Laden dient – nebenbei – noch als Anlaufstelle für Jugendliche mit psychischen Problemen: eine sogenannte Safe-Space-Apotheke. „Du bist lost?“, steht auf einem Plakat im Schaufenster. Und weiter: Wer beispielsweise Cybermobbing erfahre oder seelische Probleme selbst kenne, kann sich hier melden: in der Apotheke. „Anonym & ohne Termin“, verspricht die Werbung.
Henrik und seine Mutter Juliane Friese wissen, dass Anlaufstellen für Jugendliche knapp sind.
Juliane Friese beschreibt das „Safe-Space“-Angebot an Jugendliche so: „Wir verstehen uns als Lotsen. Wir geben ihnen ein Ohr, wir geben ihnen einen Raum, wir geben ihnen Zeit.“ Apotheken können aus ihrer Sicht eine Lücke schließen, die in der psychologischen Betreuung existiere. Gerade im ländlichen Raum ist es nicht einfach, eine erste Anlaufstelle zu finden.
Mehr Angststörungen und Depressionen
So gibt es im Flächenland Brandenburg gerade 27 Arztsitze für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Laut dem DAK-Kinder- und Jugend-Report steigt die Zahl von Mädchen und Jungen, die wegen Angststörungen behandelt werden. Auch Depressionen sind laut DAK auf dem Vormarsch. Und: Immer mehr junge Menschen müssen dauerhaft behandelt werden. Dies kann auch eine Folge eines zu späten Therapiebeginns sein.
Ein möglicher Grund dafür ist das Schamgefühl. Eine Apotheke könne die Hemmschwelle senken, sich Hilfe zu suchen. „Wir unterliegen der Schweigepflicht“, stellt Juliane Friese klar. „Wir können zuhören und wir können, glaube ich, Probleme frühzeitig erkennen und dann auch gegebenenfalls lenken.“ Ihre Apotheke stehe im Austausch mit Schulen, Jugendklubs und psychiatrischen Einrichtungen.
In ihrer Apotheke bietet Juliane Friese eine Anlaufstelle für Jugendliche mit Sorgen.
Juliane Friese sieht ihre Aufgabe darin, die Jugendlichen an die richtigen Anlaufstellen zu vermitteln: „Wir leiten sie weiter. Wir wollen nicht therapieren, wir wollen nicht diagnostizieren“, sagt sie. „Wir wollen sie auffangen und gegebenenfalls auf den richtigen Weg bringen.“
Bodyshaming und Mobbing, aber auch Politik sind Themen
Die „Safe-Space-Apotheken“ sind Teil der Initiative „Our Generation Z“. Die Organisation bietet auch Online-Selbsthilfegruppen an. Juliane Frieses Sohn Henrik hat sich dort schon engagiert. Die Themen, die dort auftauchen, sind die typischen Probleme Jugendlicher. „Auf jeden Fall Bodyshaming“, berichtet er. Es gehe aber auch um politische Themen wie den Krieg in Europa oder auch mal um gestiegene Spritpreise.
Henrik Friese sagt, die Gesprächsangebote in Apotheken können aus seiner Sicht „der erste Puffer vor anderen Risiken“ sein, die man „im Kopf noch mit sich trägt“. Die „Safe-Space-Apotheken“ schließen aus seiner Sicht eine große Lücke, „zwischen ‚mir geht es gerade schlecht‘ und ‚ich werde irgendwann behandelt'“, sagt er. Ihm persönlich gehe es heute gut. Demnächst beginnt er eine Ausbildung zum Hufschmied.
Mit Material von Juliane Gunser, rbb, und Sebastian Schneider, rbb

