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Experte zu Drohnenabschuss: „Das Risiko ist enorm, dass die Nato-Flugabwehr überfordert wäre“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 15, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Experte zu Drohnenabschuss„Das Risiko ist enorm, dass die Nato-Flugabwehr überfordert wäre“

15.09.2026, 18:33 Uhr Ein Interview von Frauke Niemeyer
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Ein Kampfflugzeug vom Typ F-16 der belgischen Luftwaffe bei einer Flugvorführung. (Foto: IMAGO/Björn Trotzki)

Die Nato hat über Litauen eine russische Drohne abgeschossen. Aber was, wenn der Kreml 100 Drohnen schickt? Der ukrainische Experte Zvenyhorodskyj sähe das Bündnis bald an seine Grenzen stoßen.

ntv.de: Herr Zvenyhorodskyj, der litauische Regierungschef hat die Nato dafür gelobt, mit Kampfjets die russische Drohne vom Himmel geholt zu haben. Wäre aber nicht eine Drohne über die Grenze aus Belarus gekommen, sondern 100 – wie hätte die Nato dann ausgesehen?

Pavlo Zvenyhorodskyj: Würden die Russen Dutzende, vielleicht Hunderte Drohnen am Tag in Richtung eines Nato-Mitgliedstaates schicken – wie sie es gegen die Ukraine bereits tun -, dann wären die Raketenbestände im Bündnis vermutlich sehr schnell erschöpft. Das Risiko wäre enorm hoch, dass die bewährten Flugabwehrsysteme, die Nato-Länder nutzen, sehr bald überfordert wären. Darum bereitet mir diese eine Drohne schon Sorgen.

Wenn die Nato-Staaten gleich mehrere Abfangjäger aufsteigen lassen, um eine einzelne Drohne abzuwehren, ist schwer vorstellbar, dass man gegen 100 Drohnen überhaupt genug Jets zur Verfügung hätte.

Ich denke, Litauen und seine Verbündeten wollten in diesem Fall sicherstellen, alle möglichen Ressourcen einzusetzen, um zu beweisen, dass sie die eindringende Drohne abfangen können. Das ist ja auch gelungen, aber die Methode ist keine adäquate Antwort auf die laufende Drohnen-Kampagne Russlands im europäischen Luftraum.

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Pavlo Zvenyhorodskyi forscht als leitender Analyst beim US-Thinktank Carnegie Endowment for International Peace zu neuen Technologien im Krieg in der Ukraine, sowie dem KI-Wettbewerb zwischen den USA und China.

Sie ordnen den gestrigen Vorfall in eine ganze Drohnen-Kampagne ein?

Ja, sie begann im September des vergangenen Jahres mit etwa zwei Dutzend russischen Drohnen, die in den polnischen Luftraum eindrangen, woraufhin vier Flughäfen schließen mussten. In den Folgemonaten wurde eine Vielzahl von Drohnen über einem Dutzend weiterer europäischer Länder gesichtet, darunter starke Ukraine-Unterstützer wie Deutschland. Sie flogen über Militärbasen, Schiffswerften, Flughäfen und haben den Betrieb dort erheblich gestört.

Kamen alle aus Russland?

Laut einer Studie des International Institute for Strategic Studies wurden nicht alle diese Drohnen von Russland gesteuert, aber die meisten waren vermutlich Teil einer vom Kreml organisierten gezielten Kampagne. Im Juli schossen rumänische F-16 Kampfjets an drei Tagen drei vermutlich russische Drohnen über Rumänien ab – wie Deutschland ist Rumänien ein starker Partner der Ukraine.

Nehmen wir mal die F-16: Da kostet eine Flugstunde laut US Air Force bis zu 9000 Dollar – nur für Sprit, Wartung und Ersatzteile. Sobald sie eine Rakete abfeuert, kommen etwa 100.000 Dollar oben drauf.

Wenn diese Abfangrakete dann eine Drohne für 30.000, maximal 50.000 Dollar abwehrt, ist das wirtschaftlich untragbar. In der Abwehr russischer Drohnen verlässt sich die Nato derzeit auf Altsysteme. Der Kampfjet ist ein komplexes, sehr teures System. Die richtige Antwort auf billige Angriffs-Drohnen wären aber billige Systeme, wie etwa Abfang-Drohnen.

An welcher Stelle entscheidet sich, ob die Drohne attackieren oder verteidigen wird? Sind das völlig unterschiedliche Systeme?

Die Antriebssysteme über Batterien, sogar die Software in einigen Aspekten, sowie die Algorithmen sind ziemlich ähnlich. Es gibt also viele Überschneidungen, und wenn wir Produktionskapazitäten für solche Systeme aufbauen, wären viele grundlegende Faktoren und Elemente dafür gleich. Im Fokus unterscheidet es sich dann: Die Angriffs-Drohne identifiziert und attackiert ein Ziel am Boden, die Abwehr-Drohne fängt ein Ziel im Luftraum ab. Im vergangenen Jahr haben sich mehrere ukrainische Hersteller von Abfang-Drohnen und deutsche Drohnen-Produzenten darauf verständigt, ukrainische Technologien auf deutschem Boden zu produzieren. Der Ansatz ist richtig, den Wettbewerbsvorteil der Ukraine zu nutzen. Sie hat als Land im Krieg viel technisches Know-how entwickelt, doch fehlt ihr die größere und solidere deutsche Industriebasis, um die Systeme selbst zu produzieren. Mit deutschen Kapazitäten ist es viel einfacher, die Herstellung so weit hochzufahren, dass sie dem Bedarf der Ukraine gerecht wird, wie auch die deutschen Fähigkeiten stärkt.

Dennoch scheinen die Abfang-Drohnen die gemeinsam entwickelt werden, noch nicht die Marktreife erlangt zu haben. Sonst müsste die Nato Drohnen nicht mit Jets abfangen.

Europäische Länder beschaffen ihre Waffen nicht in dem Tempo, in dem sich die Kriegsführung derzeit entwickelt. Das gilt auch für Drohnen. In der Ukraine war es ebenso ein Prozess, Innovationen zu beschleunigen, Hersteller und Armee als Nutzer miteinander zu vernetzen. Der wichtigste Schritt, den die Ukraine gegangen ist: Der Staat hat gezielt in vielversprechende kleine Unternehmen der Rüstungstechnologie investiert. Damit sie ihre Entwicklung vorantreiben können, bis hin zur Produktion, solange noch keine Einnahmen fließen.

Gab es weitere Schritte, die halfen?

Die Regierung Plattformen bereitgestellt, auf denen neue Systeme getestet werden können, von den Streitkräften selbst und in möglichst authentischer Umgebung. Das war auch enorm hilfreich, und so sind enge Beziehungen entstanden, eine Art Verteidigungs-Ökosystem, in dem Produzenten eng verbunden sind mit Einheiten an der Front. Da gibt es ständig Rückmeldungen und Verbesserungen. Das passiert unter Kriegsbedingungen und ist nicht eins zu eins adaptierbar, kann aber vielleicht eine Richtung weisen.

Russland nutzt für seine Drohnen-Herstellung viele Komponenten aus China. Die Ukraine und die Nato-Staaten ebenso. Freund und Feind – alle hängen von Peking ab. Ist das so verrückt, wie es klingt?

In den ersten Kriegsjahren war die Ukraine enorm auf chinesische Komponenten angewiesen – auf kritische Mineralien als ein ganz grundlegender Bestandteil von Drohnen, aber auch auf andere Elemente wie Batterien, Sensoren und Triebwerke aus China. Kiew bemüht sich konstant und auch mit Erfolg, diesen Anteil zu reduzieren. Noch ist es aber nicht gelungen, die Lieferkette komplett im eigenen Land zu bestücken, die Abhängigkeit ist insgesamt noch immer recht hoch. Nun hat die Industriebasis der Ukraine ihre Grenzen, denken wir aber im europäischen Nato-Rahmen, dann ist das wirtschaftliche Fundament deutlich solider.

Da sehen Sie bessere Chancen, unabhängig zu werden?

Ja, im Nato-Kontext wären einfache Elemente wie Sensoren recht schnell zu ersetzen, für vorgelagerte Bestandteile wie kritische Mineralien würde der Prozess länger dauern. Aber er könnte gestartet werden. Dafür braucht es erstens politischen Willen, zweitens eine Strategie und drittens viel mehr Koordination der Lieferketten und der nationalen Verteidigungsbranchen – mit einer vollständig integrierten Ukraine in diesen Prozess.

Würde Peking morgen entscheiden, keine Drohnen-Komponenten mehr in den Westen zu exportieren, wäre dann im Oktober schon Schluss mit der Produktion?

Das wäre ein extrem großes Problem für westliche Fertigungsanlagen. Zugleich ist aber auch klar, welche erheblichen Vorteile China selbst durch den Export solcher Komponenten in europäische Länder hat. Die chinesische Wirtschaft wandelt sich gerade stark und ist sehr abhängig von Exporten, um das Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten. Die Unternehmen brauchen die Einnahmen aus dem Ausland. Aber dennoch: Derzeit erreicht kein anderes Land weltweit das technologische und industrielle Level Chinas. Hier aufzuschließen muss eine kollektive Kraftanstrengung aller westlichen Länder sein.

Mit Pavlo Zvenyhorodskyj sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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