Nach dem Fährunglück vor der Küste Nordzyperns gibt es Vorwürfe gegen die Crew: Der Kapitän soll von Bord geflüchtet sein, Fluchtwege waren wohl teils versperrt. Die Bergung des Schiffdatenschreibers soll Aufklärung bringen.
Mindestens acht Tote, noch immer mehrere Vermisste – und eine fahrlässig handelnde Besatzung? Nach dem tödlichen Fährunglück vor der nordzyprischen Küste haben einige gerettete Passagiere schwere Vorwürfe gegen die Crew erhoben.
Als sich das Unglück anbahnte, soll der Kapitän von Bord geflüchtet sein. Außerdem hätten einige der rund 260 Schiffspassagiere von verschlossenen Türen und Fluchtwegen berichtet, sagte der türkisch-zyprische Verkehrsminister Erhan Arikli der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu. Alle Vorwürfe würden intensiv geprüft.
Der Kapitän und sieben Crewmitglieder wurden am Sonntagabend festgenommen.
Augenzeugen berichten von chaotischen Zuständen
Die Express-Fähre „Filo Jet“ war am Sonntagmittag kurz nach dem Auslaufen aus der Hafenstadt Kyrenia auf dem Weg ins türkische Mersin gekentert. Aus noch ungeklärten Gründen drang Wasser ein, der Katamaran lief voll, kippte zur Seite – und sank schließlich wenige Kilometer vor der Küste. Mindestens acht Menschen starben, Taucher schätzen die Zahl der Vermissten auf 18 oder 19.
Bei der Rettungsaktion spielten sich dramatische Szenen ab. Menschen in Rettungswesten klammerten sich an den über Wasser treibenden Teil der havarierten Fähre und warteten auf Rettung, während über ihnen ein Helikopter kreiste.
Augenzeugen berichteten von weiteren chaotischen Zuständen an Bord: Passagiere im unteren Deck des zweistöckigen Schiffes hätten panisch versucht, die Scheiben einzuschlagen, um nach draußen zu gelangen. Letztlich konnten die meisten der 259 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder gerettet werden.
Hoffen auf Aufklärung durch Schiffsdatenschreiber
Die Regierung der nur von der Türkei anerkannten Republik Nordzypern kündigte an, die Hintergründe lückenlos aufzuklären und alle Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. „Selbst die geringste Fahrlässigkeit wird ans Licht kommen“, versprach Ministerpräsident Ünal Üstel.
Das in mehr als 500 Meter Tiefe liegende Wrack soll durchsucht werden. Man hoffe, dabei auch den Schiffsdatenschreiber zu finden, der Aufschluss über den genauen Grund und Hergang des Unglücks geben könnte, sagte Verkehrsminister Arikli dem Sender BRT. Nach seinen Worten hatte die Fähre erst vor rund zwei Monaten eine Inspektion durchlaufen.
Neben den Ermittlungen der Polizei werde es eine separate Untersuchung zu dem Unglück geben. Alle Ergebnisse bezüglich Betriebserlaubnis und Seetauglichkeit der Fähre sowie Sicherheitsvorkehrungen an Bord würden anschließend öffentlich gemacht.
