Ein viraler Beitrag verbindet Coca-Cola und Pepsi mit einem milliardenschweren Microsoft-Deal, mit Nanotechnologie und mit einer angeblichen „Transhumanismus-Agenda“. Als Belege dienen eine wissenschaftliche Studie, Patente und Aussagen über Funkfrequenzen. Einige dieser Quellen existieren tatsächlich.
Bemerkenswert ist der Beitrag aber aus einem anderen Grund: Bild und Begleittext erzählen nicht dieselbe Geschichte.
Bild und Begleittext erzählen nicht ganz dieselbe Geschichte
Auf der Grafik klingt die Sache eindeutig: Nanotechnologie sei in Coca-Cola und Pepsi gefunden worden, und zwar nach einem 1,1-Milliarden-Dollar-Deal mit Microsoft. Direkt darunter folgt die noch größere Schlussfolgerung, die „Transhumanismus-Agenda“ sei in unser Essen eingedrungen.
Der dazugehörige Beitrag formuliert wesentlich vorsichtiger. Dort heißt es zunächst korrekt, Nanopartikel in Coca-Cola und Pepsi seien wissenschaftlich untersucht und ihre Verteilung im Körper in Tierversuchen betrachtet worden. Danach wird der Vertrag zwischen Coca-Cola und Microsoft erwähnt. Und dann folgt ein bemerkenswerter Satz.
Zwei Ebenen, zwei Aussagen
Dieselbe Veröffentlichung, ein deutlicher Unterschied im Ton.
Auf dem Bild
„Die Transhumanismus-Agenda ist in unser Essen eingedrungen.“
Nanotechnologie sei in Coca-Cola und Pepsi gefunden worden – nach dem Microsoft-Deal. Der Zusammenhang wird als Tatsache dargestellt.
Im Text darunter
„Hat das eine mit dem anderen zu tun? Dafür gibt es keinen Beweis.“
Später außerdem: Nicht jedes Patent beweise eine Anwendung, und eine zeitliche Überschneidung beweise keinen Zusammenhang. Beides stimmt.
Die Beweislücke wird eingeräumt – und anschließend mit Fragen wieder aufgefüllt.
Denn nach diesem Eingeständnis beginnt eine Reihe von Fragen: Warum erforsche man Nanopartikel, die biologische Barrieren überwinden können? Warum gebe es Patente für Biosensoren und Wirkstofftransporte? Warum habe Yuval Noah Harari von Überwachung „unter der Haut“ gesprochen? Jede dieser Fragen ließe sich einzeln untersuchen. Nebeneinandergestellt erzeugen sie jedoch genau den Eindruck, den der Text kurz zuvor verneint hat: dass es doch eine Verbindung zwischen Nanopartikeln, Microsoft, Überwachung und einer technologischen Veränderung des Menschen gebe.
Das ist ein häufiges Muster. Eine weitreichende Behauptung muss gar nicht ausgesprochen werden – es reicht, reale Informationen nebeneinanderzulegen und danach Fragen zu stellen. Das Bild liefert die Zuspitzung, der Text zieht sich auf „Ich stelle doch nur Fragen“ zurück. Und die Kette endet nicht bei der Aufforderung, Quellen zu prüfen: Zweimal werden Leserinnen und Leser gebeten, „DETOX“ zu kommentieren, um einen eigenen Ansatz zu Ernährung, Darmgesundheit und „natürlichen Supplementen“ zu erhalten.
Was stimmt also tatsächlich? Dafür müssen wir die einzelnen Bausteine wieder auseinandernehmen, die der Beitrag zusammengefügt hat. Der einfachste Anfang ist der Kalender.
Der wichtigste Faktencheck steht im Kalender
Die Studie, die als Beleg für Nanopartikel in Coca-Cola und Pepsi gezeigt wird, ist real. Sie trägt den Titel „Fluorescent nanoparticles present in Coca-Cola and Pepsi-Cola: physiochemical properties, cytotoxicity, biodistribution and digestion studies“ und wurde am 20. Dezember 2017 online veröffentlicht, die gedruckte Ausgabe erschien Anfang 2018. Die Forschenden berichteten über fluoreszierende Partikel von ungefähr fünf Nanometern Größe in untersuchten Coca-Cola- und Pepsi-Proben.
Der angeblich damit zusammenhängende Microsoft-Vertrag wurde am 23. April 2024 bekanntgegeben.
Die Ursache kommt sechs Jahre nach dem Beweis
Die Bausteine der Erzählung existieren tatsächlich – nur passen sie weder zeitlich noch inhaltlich so zusammen, wie behauptet.
2011
Das „Bill-Gates-Patent“
Priorität des Rockefeller-Patents zu Ferritin-Nanopartikeln. Gates ist weder Erfinder noch Inhaber.
2017
Die Cola-Studie
Fluoreszierende Partikel in Coca-Cola und Pepsi werden untersucht und beschrieben.
2020
Pepsi und Microsoft
Eine eigene, fünfjährige Cloud-Partnerschaft – nicht der Vertrag, um den es später geht.
2024
Der 1,1-Milliarden-Deal
Coca-Cola und Microsoft vereinbaren Cloud- und KI-Dienste. Pepsi ist nicht beteiligt.
Die Partikel wurden beschrieben, bevor es den Vertrag gab, der sie angeblich verursacht hat.
In der offiziellen Mitteilung zu diesem Vertrag geht es um Microsoft Azure, den Azure OpenAI Service und Copilot für Microsoft 365 sowie um die Digitalisierung unterschiedlicher Geschäftsbereiche. Coca-Cola verpflichtete sich, über fünf Jahre 1,1 Milliarden Dollar für Cloud-Dienste und generative KI auszugeben. Von Nanopartikeln in Getränken, Lebensmitteltechnologie oder Eingriffen in den menschlichen Körper steht dort nichts. Damit zerfällt die Behauptung, die Partikel seien wegen dieses Deals in den Getränken aufgetaucht.
Auch Pepsi gehört nicht dazu. Das Unternehmen arbeitet zwar mit Microsoft zusammen – im Juli 2020 kündigten beide eine fünfjährige Partnerschaft an, bei der Microsoft bevorzugter Cloud-Anbieter werden sollte und PepsiCo Azure, Microsoft 365 und Teams für seine IT-Infrastruktur nutzen wollte. Das ist aber eine andere Vereinbarung. Aus zwei getrennten Technologiepartnerschaften wird in der Erzählung ein gemeinsames Projekt von Coca-Cola und Pepsi zur Veränderung ihrer Getränke.

Wurden nun Nanopartikel in Cola gefunden oder nicht?
Ja – und genau das macht die Geschichte so wirkungsvoll. Die Forschenden fanden 2017 fluoreszierende Partikel von rund fünf Nanometern Größe, Analysen zeigten unter anderem Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff. Die Partikel wurden anschließend in Zellversuchen und an Mäusen untersucht.
Diese Untersuchung ist auch nicht harmlos zu reden. Die Studie berichtet, dass die isolierten Partikel im verwendeten Mausmodell nach Verabreichung im Verdauungstrakt nachweisbar waren und die Blut-Hirn-Schranke überwinden konnten. Bei der Untersuchung der akuten Toxizität nach einer einzelnen hohen Dosis berichteten die Forschenden gleichzeitig von keinen offensichtlichen Organschäden und keinen erkennbaren histopathologischen Veränderungen. Damit sind weder alle gesundheitlichen Fragen zu solchen Partikeln erledigt, noch ist die Studie bedeutungslos. Sie ist eine Untersuchung über lebensmittelbedingte fluoreszierende Nanopartikel.
Aus diesem Tierversuch lässt sich allerdings nicht ableiten, dass der normale Konsum von Coca-Cola oder Pepsi beim Menschen zu einer gesundheitsschädlichen Ablagerung solcher Partikel im Gehirn führt. Genau das wurde in dieser Studie nicht untersucht.
Was sie ebenfalls nicht zeigt, ist entscheidend: keine Mikrochips, keine Funkempfänger, keinen Beleg für irgendeine Microsoft-Technologie.
„Nanopartikel“ heißt nicht „Nanomaschine“
Hier steckt ein sprachliches Problem, das bei solchen Geschichten regelmäßig ausgenutzt wird. „Nano“ klingt nach futuristischen winzigen Maschinen, wissenschaftlich beschreibt es zunächst nur eine Größenordnung. Auch die Europäische Kommission weist darauf hin, dass Nanomaterialien in der Natur vorkommen, unbeabsichtigt durch menschliche Aktivitäten entstehen oder gezielt hergestellt werden können. Dass etwas wenige Nanometer groß ist, sagt also nichts darüber aus, ob es als technische Vorrichtung produziert wurde.
Bei Lebensmitteln sind sogenannte Carbon Dots – sehr kleine kohlenstoffbasierte fluoreszierende Partikel – längst Forschungsgegenstand. Eine wissenschaftliche Übersicht beschreibt solche Partikel unter anderem in Kaffee, Coca-Cola und Pepsi sowie in verschiedenen verarbeiteten Lebensmitteln; als mögliche Entstehungswege nennen die Forschenden unter anderem die Verarbeitung bei hohen Temperaturen. Auch Karamell, das bei Cola-Getränken eine Rolle spielt, kann solche Carbon Dots hervorbringen. Aus „In einem Getränk befinden sich Teilchen im Nanometerbereich“ wird damit noch lange kein „Jemand hat eine Nanomaschine hineingegeben“. Das wäre ungefähr so, als würde man aus dem Wort „Kristall“ schließen, im Salzstreuer stecke elektronische Kristalltechnologie.
Drei verschiedene Dinge, ein Wort
Die virale Bilderstrecke macht an dieser Stelle einen bemerkenswerten Wechsel. Zuerst geht es um die in Cola untersuchten fluoreszierenden Partikel, wenig später sind daraus Lipid-Nanopartikel geworden, und schließlich taucht ein Patent über Ferritin-Nanopartikel auf. Das gemeinsame Wort verdeckt, dass es sich um drei völlig unterschiedliche Kategorien handelt.
Dreimal „Nanopartikel“ – dreimal etwas anderes
Alle drei kommen in der Erzählung vor. Wissenschaftlich haben sie wenig miteinander zu tun.
Fluoreszierende Lebensmittelpartikel
Kohlenstoffhaltige Teilchen, die bei der Verarbeitung entstehen können. Für eine absichtliche Zugabe als technische Nanopartikel gibt es keinen Nachweis.
Das ist der Fund aus der Cola-Studie von 2017.
Lipid-Nanopartikel
Gezielt entwickelte Trägersysteme aus ionisierbaren Lipiden, Phospholipiden, Cholesterin und PEG-Lipiden, etwa um RNA in Zellen zu transportieren.
Kommen in der Cola-Studie nicht vor.
Ferritin-Nanopartikel
Speziell präparierte Partikel, die im Labor zusammen mit eigens veränderten Zellen und Radiofrequenzfeldern eingesetzt werden.
Gegenstand des gezeigten Rockefeller-Patents.
Das „Bill-Gates-Patent“ gehört Bill Gates nicht
Eine der gezeigten Folien präsentiert den Titel „Recent Patents in Food Nanotechnology“ und erweckt den Eindruck, hier liege ein Patent von Bill Gates vor. Tatsächlich handelt es sich um einen wissenschaftlichen Übersichtsartikel aus dem Jahr 2011, in dem Edgar Pérez-Esteve, Andrea Bernardos, Ramón Martínez-Máñez und José M. Barat die Entwicklung von Patenten im Bereich der Lebensmittel-Nanotechnologie untersuchen. Der Artikel belegt, dass es in diesem Forschungsgebiet Patente gibt. Einen Plan zur heimlichen Veränderung von Coca-Cola belegt er nicht.
Auf einer weiteren Folie erscheint dann tatsächlich ein Patent: US10786570B2, „Ferritin nanoparticle compositions and methods to modulate cell activity“. Auch dieses Dokument existiert. Als Erfinder sind laut Patentdatenbank Jeffrey Friedman und Sarah Stanley eingetragen, als Inhaberin die Rockefeller University; die Priorität reicht bis zum 24. August 2011 zurück. Bill Gates, Microsoft, Coca-Cola und Pepsi tauchen weder als Inhaber noch als Erfinder auf.
Themenfremd ist das Patent allerdings nicht ausgewählt, und darin liegt der raffiniertere Teil der Erzählung. Es beschreibt Verfahren, mit denen bestimmte Zellaktivitäten mithilfe speziell präparierter Nanopartikel und Radiofrequenzfeldern beeinflusst werden können – etwa mit Eisenoxid-Nanopartikeln, temperaturabhängigen Zellkanälen und gezielt veränderten Zellen; in Experimenten ging es unter anderem um die Beeinflussung der Insulinfreisetzung. Für bestimmte Versuche werden Radiofrequenzen von 465 Kilohertz beschrieben, für andere 13,56 Megahertz. Dafür braucht es aber genau dieses experimentelle System aus dafür vorgesehenen Partikeln und entsprechend ausgestatteten Zellen. Dass kohlenstoffhaltige Partikel in einem Getränk dasselbe könnten, folgt daraus nicht.
Und selbst wenn ein Patent exakt die behauptete Technologie beschriebe, wäre damit nicht bewiesen, dass sie eingesetzt wird. Patente schützen beanspruchte Verfahren; Unternehmen und Forschungseinrichtungen patentieren regelmäßig Entwicklungen, die später nur experimentell genutzt, weiterentwickelt oder nie kommerziell verwendet werden. Um zu belegen, dass Coca-Cola oder Pepsi absichtlich eine bestimmte Nanotechnologie beimischen, bräuchte es Analysen, die genau diese Technologie identifizieren, nachvollziehbare Herstellerunterlagen, regulatorische Dokumente oder unabhängig reproduzierbare Untersuchungen. Ein Screenshot mit dem Wort „Nanoparticle“ reicht dafür nicht.
Auch das Harari-Zitat belegt nichts davon
Eine weitere Folie führt den Historiker Yuval Noah Harari an. Ein Zitat über Überwachung, die „unter die Haut“ gehe, soll den Eindruck vermitteln, er habe die technische Kontrolle von Menschen bestätigt. Der Hintergrund ist real, der Zusammenhang aber verändert: Harari warnte 2020 während der Corona-Pandemie vor einer möglichen Ausweitung biometrischer Überwachung und sprach über Körpertemperatur, Blutdruck und Herzfrequenz sowie darüber, welche Gefahren entstehen, wenn Staaten oder Unternehmen immer intimere Gesundheitsdaten sammeln. Sein Text war ausdrücklich eine Warnung vor Missbrauch solcher Technologien. Über Nanopartikel in Coca-Cola, über Microsoft oder über eingebaute Funkchips sagt er nichts.
Am Ende wartet der „Detox Guide“
Aufschlussreich ist, wohin die englischsprachige Version der Geschichte ihre Leser führt. Nachdem von Nanotechnologie im Essen, von Krankheitserregern, WLAN, 5G und dem Verlust menschlicher Autonomie die Rede war, folgt die Aufforderung zu „entgiften“: Wer das Wort „GUIDE“ kommentiert, bekommt einen „Ultimate Detox Guide“ zugeschickt.
Das beweist nicht, dass jede einzelne Aussage nur zu Marketingzwecken erfunden wurde. Es zeigt aber, warum sich ein Blick auf die gesamte Kommunikationskette lohnt: Zuerst wird eine schwer überprüfbare Bedrohung beschrieben, dann wächst die Unsicherheit, und am Ende steht jemand mit dem Gegenmittel. Die wissenschaftlichen Belege für die behauptete Bedrohung werden dadurch nicht besser.
Was von der Geschichte übrig bleibt
Es bleibt eine reale Studie aus dem Jahr 2017 über sehr kleine fluoreszierende Partikel in Coca-Cola und Pepsi. Es bleibt ein realer Vertrag aus dem Jahr 2024, mit dem Coca-Cola 1,1 Milliarden Dollar in Microsoft-Cloud- und KI-Dienste investieren will. Und es existiert ein reales Patent der Rockefeller University über experimentelle Nanopartikel-Technologien zur Beeinflussung bestimmter Zellprozesse. Zwischen diesen drei Dingen lässt sich anhand der vorgelegten Quellen keine Verbindung herstellen.
Aus „Nanopartikel wurden wissenschaftlich untersucht“ wird in der viralen Erzählung „Microsoft bringt Nanotechnologie in Cola“. Aus einem Forschungsprojekt über speziell präparierte Zellen wird die Fähigkeit gewöhnlicher Lebensmittelpartikel, auf Funk zu reagieren. Aus einer Warnung vor biometrischer Überwachung wird die Bestätigung einer Transhumanismus-Verschwörung. Die Quellen sind teilweise echt. Die Geschichte, die daraus gebaut wird, ist es nicht.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen, wenn Screenshots als Beweise dienen
- Welches Datum steht drauf?Wenn der angebliche Auslöser später kommt als die angebliche Folge, ist die Geschichte erledigt.
- Ist es überall dasselbe?Ein gemeinsames Fachwort macht aus verschiedenen Dingen noch keine identische Technologie.
- Wer steht im Dokument?Bei Patenten stehen Erfinder und Inhaber drin. Oft ist es nicht der genannte Name.
The Coca-Cola Company
23. April 2024
International Journal of Molecular Sciences
2023, Band 24, Ausgabe 23, Artikel 16579
Nature Reviews Materials
2021
Nanotoxicology
Online 20. Dezember 2017, Druckausgabe 2018
Recent Patents on Food, Nutrition & Agriculture
2011
Europäische Kommission
Ohne Datumsangabe
Google Patents / Rockefeller University
Priorität 24. August 2011
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