In sozialen Netzwerken kursiert eine schlichte Textgrafik: sieben bekannte deutsche Politikerinnen und Politiker, daneben Banken, Unternehmen, die Freimaurer oder das World Economic Forum. Dazwischen steht jeweils ein Gleichheitszeichen.
Wir haben alle Angaben der Grafik einzeln geprüft. Das Ergebnis ist ungewöhnlich: Ein großer Teil davon hat einen realen Hintergrund. Und trotzdem stimmt die Botschaft nicht, die die Grafik transportiert.
Was die Prüfung ergeben hat
Die Angaben der Grafik, einzeln geprüft.
Gerhard Schröder = Rothschild, Gazprom
Teilweise richtigReale wirtschaftliche Verbindungen, aber stark verkürzt.
Angela Merkel = Young Global Leader
Richtig gemeint, falsch benannt1992 im Vorgängerprogramm „Global Leaders for Tomorrow“.
Olaf Scholz = Warburg Bank
IrreführendTreffen mit einem Miteigentümer belegt, eine Zugehörigkeit zur Bank nicht.
Olaf Scholz = Freimaurer
UnbelegtÖffentliche Auftritte bei Freimaurern belegt, eine Mitgliedschaft nicht.
Friedrich Merz = BlackRock
Richtiger Hintergrund2016 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland.
Alice Weidel = Goldman Sachs
RichtigFrühere Tätigkeit, steht in ihrer eigenen Vita.
Annalena Baerbock = Young Global Leader
Richtig2020 offiziell in den Jahrgang aufgenommen.
Robert Habeck = Young Global Leader
Nicht belegtWEF-Teilnahme ja, eine YGL-Mitgliedschaft konnten wir nicht nachweisen.
Keines dieser Ergebnisse belegt die übergeordnete Botschaft, die die Zusammenstellung nahelegt: dass hinter diesen unterschiedlichen Verbindungen eine gemeinsame Macht- oder Einflussstruktur steht.
Der Trick steckt im Gleichheitszeichen
Auf den ersten Blick ist die Grafik ungewöhnlich wirkungsvoll, und das liegt nicht an erfundenen Namen. Viele der genannten Beziehungen existierten tatsächlich. Genau daraus bezieht sie ihre Glaubwürdigkeit.
Das Problem steckt im kleinsten Zeichen der ganzen Grafik.
Was dasteht – und was belegt ist
Dasselbe Zeichen für sehr unterschiedliche Sachverhalte.
In der Grafik
Friedrich Merz = BlackRock
Belegt ist: Merz war von 2016 bis März 2020 Aufsichtsratsvorsitzender der BlackRock Asset Management Deutschland AG. Nicht des US-Konzerns, und seit 2020 nicht mehr.
In der Grafik
Olaf Scholz = Warburg Bank
Belegt ist: Scholz traf als Hamburger Bürgermeister mehrfach einen Miteigentümer der Bank. Eine Anstellung, Beteiligung oder sonstige Zugehörigkeit zur Bank ist nicht belegt.
In der Grafik
Olaf Scholz = Freimaurer
Belegt ist: zwei Grußworte bei Jubiläumsempfängen im Hamburger Rathaus. Eine Mitgliedschaft ist daraus nicht ableitbar.
Ein Unternehmensmandat, ein Termin und ein Grußwort bekommen dasselbe Zeichen. Danach sehen sie gleich aus.
Berufliche Tätigkeiten, politische Kontakte und die Teilnahme an einem internationalen Netzwerk landen so auf einer Ebene. Die Grafik liefert reale Puzzleteile und setzt sie zu einem Bild zusammen, für das sie keinen Beleg liefert.
Die Einzelprüfungen
Gerhard Schröder, Rothschild und Gazprom
Hier hat die Grafik einen tatsächlichen Hintergrund. Im März 2006 wurde bekannt, dass der frühere Bundeskanzler dem Europa-Beirat der Investmentbank Rothschild beitreten sollte; er sollte die Bank vor allem bei Aktivitäten in Mittel- und Osteuropa, Russland, der Türkei, im Nahen Osten und in China unterstützen. „Schröder = Rothschild Investment“ beschreibt das trotzdem nicht präzise: Er war weder Eigentümer noch leitete er die Bank, belegt ist eine Tätigkeit als Mitglied des europäischen Beirats.
Die Verbindung zu Gazprom war sogar enger, als die Bezeichnung „Nord-Stream-Kontakt“ vermuten lässt. Gazprom hielt 51 Prozent an dem damaligen Gemeinschaftsunternehmen – BASF und E.ON je 24,5 Prozent. Bei der ersten offiziellen Sitzung des Gesellschafterausschusses am 30. März 2006 verfügte Gazprom über vier der acht Sitze und wurde dort unter anderem durch Gerhard Schröder vertreten. Der Ausschuss wählte Schröder anschließend einstimmig zu seinem Vorsitzenden. Später übernahm Schröder auch bei Nord Stream 2 eine führende Funktion. Ein Angestellter oder Aufsichtsrat des Gazprom-Konzerns war er dadurch allerdings nicht: Für den Aufsichtsrat wurde er 2022 zwar nominiert, den Posten übernahm er nicht.
Angela Merkel und das WEF-Nachwuchsprogramm
Auch hier gibt es einen echten Kern, nur stimmt die Bezeichnung nicht. Das World Economic Forum gründete 1992 die Gemeinschaft „Global Leaders for Tomorrow“ und wählte dafür nach eigener Dokumentation 200 jüngere Führungspersönlichkeiten aus. Unter den ausdrücklich genannten Personen steht Angela Merkel, damals Bundesministerin für Frauen und Jugend.
Das heutige Forum of Young Global Leaders existierte zu diesem Zeitpunkt noch nicht – das WEF schreibt selbst, dass die frühere Gruppe später neu organisiert wurde. Die Aussage der Grafik ist damit richtig gemeint, aber falsch benannt. Und aus einer Teilnahme an einem Nachwuchsnetzwerk folgt ohnehin nicht, dass dieses Netzwerk später politische Entscheidungen gesteuert hätte.
Olaf Scholz und die Warburg Bank
Hinter dem knappen Hinweis steckt eine reale und ausführlich untersuchte Affäre. Als Erster Bürgermeister Hamburgs traf Scholz den Warburg-Miteigentümer Christian Olearius mehrfach; Recherchen von NDR und „Zeit“ auf Grundlage von Olearius‘ Tagebuchaufzeichnungen belegten mindestens drei Treffen in den Jahren 2016 und 2017, bei einem davon war laut Tagesschau auch Max Warburg anwesend. Scholz bestätigte die Treffen später. Der Hintergrund war brisant, weil die Bank in Cum-Ex-Geschäfte verwickelt war und erhebliche Steuerrückforderungen drohten. Genau deshalb wurde untersucht, ob es politische Einflussnahme auf die Hamburger Finanzverwaltung gegeben hatte.
Scholz hat eine solche Einflussnahme stets zurückgewiesen und erklärte im Hamburger Untersuchungsausschuss ausdrücklich, er habe auf das Steuerverfahren keinen Einfluss genommen. Von einer Warburg-Affäre und von belegten Kontakten zu sprechen, ist also berechtigt. „Scholz = Warburg Bank“ geht darüber hinaus und lässt offen, ob eine Beschäftigung oder eine Abhängigkeit gemeint sein soll. Dafür gibt es keinen Beleg.

Olaf Scholz als Freimaurer
Hier ist die Lage eindeutiger. Es existiert Material, das als vermeintlicher Beleg herumgereicht wird: Am 28. September 2012 empfing Scholz als Bürgermeister Vertreter anlässlich von „275 Jahre Freimaurer“ im Hamburger Rathaus und sprach anerkennend über Werte und Geschichte der Freimaurerei; fünf Jahre später hielt er ein weiteres Grußwort bei einem Senatsempfang zu „300 Jahre Freimaurerei“. Beide Reden sind öffentlich dokumentiert.
Eine Mitgliedschaft lässt sich daraus nicht ableiten. Ein Bürgermeister spricht bei Veranstaltungen von Vereinen, Religionsgemeinschaften und Organisationen, ohne deren Mitglied zu sein. Eine belastbare Quelle, die Scholz als Mitglied einer Loge ausweist, konnten wir nicht finden. Die seriöse Bewertung lautet deshalb nicht, eine Mitgliedschaft definitiv auszuschließen – beweisen muss sie jene Seite, die sie behauptet, und die dokumentierten Reden leisten das nicht.
Friedrich Merz und BlackRock
Dieser Punkt gehört zu den eindeutigsten der Grafik. Merz stand von 2016 bis März 2020 dem Aufsichtsrat der BlackRock Asset Management Deutschland AG vor; ein Geschäftsbericht von BlackRock führt ihn als Vorsitzenden und vermerkt das Ende seiner Tätigkeit am 27. März 2020. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung nennt die Position in ihrer Merz-Biografie.
Wichtig bleibt der Zeitbezug: Merz war für BlackRock Deutschland tätig, seit März 2020 nicht mehr, und er war weder Chef noch Eigentümer des US-Konzerns. Dass heutige politische Entscheidungen deshalb von BlackRock gesteuert würden, folgt daraus ebenfalls nicht – das müsste separat belegt werden.
Alice Weidel, Goldman Sachs – und der Zusatz „WEF Sponsor“
Die Tätigkeit lässt sich problemlos bestätigen, sogar anhand von Weidels eigener Website: Dort heißt es, dass sie vor ihrer politischen Laufbahn unter anderem für Goldman Sachs und Allianz Global Investors tätig war; andere biografische Quellen präzisieren, dass sie nach dem Studium als Analystin bei Goldman Sachs in Frankfurt arbeitete.
Interessant ist der Zusatz. Goldman Sachs arbeitet tatsächlich mit dem World Economic Forum zusammen und wird dort als Strategic Partner geführt, auch unter den Partnern des Jahrestreffens 2026 – „Sponsor“ ist also zumindest unpräzise. Entscheidender ist aber: Aus diesen beiden Fakten entsteht keine persönliche WEF-Verbindung Weidels. Sie arbeitete bei Goldman Sachs, Goldman Sachs ist WEF-Partner – daraus folgt logisch nicht, dass sie Teil eines WEF-Netzwerks gewesen wäre. Das ist ein klassischer Fall von Kontaktschuld: Zwei reale Informationen werden hintereinandergelegt, bis sie wie eine dritte aussehen, die niemand belegt hat.
Annalena Baerbock
Hier ist die Grafik schlicht richtig. Das World Economic Forum veröffentlichte am 11. März 2020 seinen neuen Jahrgang der Young Global Leaders; in der offiziellen Liste des Jahrgangs 2020 steht Annalena Baerbock. Ihr Team bestätigte die Teilnahme später gegenüber Abgeordnetenwatch, sie nahm die Nominierung im Frühjahr 2020 an.
Auffällig ist allerdings die mangelnde Sorgfalt der Grafik: Baerbocks Vorname wird dort falsch als „Anna Lena“ geschrieben. Das beweist nichts über den übrigen Inhalt, ist aber ein Hinweis darauf, dass hier keine sorgfältig belegte Recherche vorliegt.
Robert Habeck
Dass Habeck beim World Economic Forum aufgetreten ist, lässt sich leicht belegen: Das WEF führt eine eigene Personenseite zu ihm, und als Wirtschaftsminister nahm er an Veranstaltungen teil. Zum Young Global Leader macht ihn das nicht.
In den von uns geprüften offiziellen WEF-Unterlagen und verfügbaren Listen konnten wir Robert Habeck nicht als Young Global Leader finden. Dass das WEF andere Politiker in seinen Programmen ausdrücklich so kennzeichnet – im Programm des Jahrestreffens 2023 etwa den belgischen Ministerpräsidenten Alexander De Croo, während Habeck im selben Abschnitt nur als Vizekanzler und Wirtschaftsminister geführt wird –, stützt diese Einschätzung zusätzlich. Ein alleiniger Beweis wäre dieser Umstand jedoch nicht. Die Behauptung ist nach verfügbarer Quellenlage unbelegt.
Warum ausgerechnet Rothschild, Warburg und Freimaurer?
Wer die Grafik als Ganzes betrachtet, sollte eine Beobachtung nicht übergehen. Die Auswahl der Institutionen ist nicht beliebig.
Rothschild ist seit dem 19. Jahrhundert ein zentraler Name antisemitischer Weltverschwörungserzählungen. Die Anti-Defamation League dokumentiert etwa eine antisemitische Verschwörungserzählung, in der Rothschild, Warburg und Goldman Sachs gemeinsam als angebliche Eigentümer beziehungsweise Kontrolleure der US-Notenbank Federal Reserve genannt wurden. Die Verknüpfung von behaupteter Finanzmacht mit den Freimaurern gehört zu einem noch älteren Motiv: Das United States Holocaust Memorial Museum dokumentiert die Konstruktion einer angeblichen „jüdisch-freimaurerischen“ Weltverschwörung bis hin zu den gefälschten „Protokollen der Weisen von Zion“ und ihrer späteren Verwendung in der NS-Propaganda.
Diese älteren Motive werden heute teilweise mit neueren Verschwörungserzählungen verknüpft. Eine Untersuchung des Institute for Strategic Dialogue fand etwa in deutschsprachigen YouTube-Kommentaren Erzählungen über den „Great Reset“, die Klaus Schwab mit Rothschild verbanden, sowie Behauptungen über eine angeblich „zionistische“ Weltordnung.
Ob die Urheber der konkreten Grafik diese Tradition bewusst aufgreifen, lässt sich aus dem Bild nicht feststellen. Die Auswahl der Namen und Institutionen bedient jedoch ein bekanntes Muster von Verschwörungserzählungen über eine angeblich verborgene Finanz- und Machtelite. Teile dieses Musters haben eine lange antisemitische Tradition.
Das ist kein Nebenaspekt, sondern hilft beim nächsten Bild dieser Art – unabhängig davon, welche Politikernamen dann darauf stehen.
Die Auswahl ist selbst Teil der Botschaft
Noch etwas fällt auf: Was die Grafik nicht zeigt.
Dass ein Politiker für einen Finanzkonzern gearbeitet hat oder an einem internationalen Netzwerk teilnimmt, ist ein völlig legitimer Gegenstand politischer Kritik. Verbindungen zwischen Wirtschaft und Politik, Lobbyismus und Seitenwechsel zwischen Unternehmen und Ämtern sollen journalistisch untersucht werden. Nichts davon ist geheim: Merz‘ BlackRock-Position steht in seiner Biografie bei der Adenauer-Stiftung, Weidels Goldman-Sachs-Zeit auf ihrer eigenen Website. Die Grafik enthüllt nichts. Sie sammelt Bekanntes ein und rahmt es neu.
Dabei nimmt sie eine sehr kleine Auswahl von Personen aus mehreren Parteien, verbindet sie mit einigen besonders aufgeladenen Namen und lässt alle anderen politischen und wirtschaftlichen Netzwerke verschwinden. So entsteht der Eindruck einer besonderen, zusammengehörenden Struktur. Die Grafik zeigt außerdem nicht, wie häufig vergleichbare frühere Jobs, Kontakte, Mitgliedschaften oder Konferenzteilnahmen bei anderen Politikerinnen und Politikern vorkommen. Ohne diesen Vergleich lässt sich aus der ausgewählten Liste keine besondere Struktur ableiten. Mit einer gezielten Auswahl lassen sich sehr unterschiedliche Personen so nebeneinanderstellen, dass daraus nachträglich ein vermeintliches Muster entsteht.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen bei solchen Listen
- Was heißt „=“ hier genau?Anstellung, Termin, Mitgliedschaft oder Auftritt? Das Zeichen verwischt den Unterschied.
- Wann war das?Frühere Tätigkeiten stehen im Präsens da, als würden sie noch andauern.
- Wer fehlt?Eine Auswahl wird nicht dadurch zum Beweis, dass man nur passende Verbindungen zeigt.
Fazit
Die Grafik lässt sich nicht mit „alles falsch“ abtun, dafür enthält sie zu viele echte biografische Angaben. Schröder hatte dokumentierte Verbindungen zu Rothschild und zum von Gazprom dominierten Nord-Stream-Projekt. Merkel gehörte dem WEF-Vorläufer „Global Leaders for Tomorrow“ an. Merz war vier Jahre Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland. Weidel arbeitete für Goldman Sachs. Baerbock wurde 2020 Young Global Leader.
Bei Scholz besteht eine dokumentierte Verbindung zur Warburg-Affäre durch seine Treffen mit Bankvertretern, eine Zugehörigkeit zur Bank folgt daraus nicht. Für seine angebliche Mitgliedschaft bei den Freimaurern konnten wir keinen belastbaren Nachweis finden, und Robert Habeck konnten wir in offiziellen WEF-Unterlagen nicht als Young Global Leader bestätigen.
Die Einzelteile reichen also von richtig über ungenau bis unbelegt. Irreführend ist die Gesamtaussage: Die Grafik bringt sehr unterschiedliche Beziehungen mit einem Gleichheitszeichen auf dieselbe Ebene und suggeriert damit ein zusammenhängendes Netzwerk, das mit diesen Angaben nicht nachgewiesen ist.
World Economic Forum
13. Januar 2024
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28. Juli 2022
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