Eine Leserin hat uns auf einen Beitrag des österreichischen Portals TKP aufmerksam gemacht. Dort steht sinngemäß: Eine neue Studie zeige, dass sich alte Rotorblätter von Windrädern nicht sinnvoll recyceln lassen. Zu teuer, zu viel CO₂, praktisch aussichtslos.
Die Studie gibt es wirklich. Die genannten Zahlen stimmen auch fast alle – sogar jene, die für das Recycling sprechen. Und trotzdem stimmt die Schlussfolgerung nicht.
Kurz gesagt
Das Wichtigste in drei Punkten
- Rotorblätter sind tatsächlich schwer zu recyceln. Für sie gibt es bislang keine allgemein etablierte großtechnische Recyclinglösung.
- Im kleinen Maßstab schneidet das untersuchte Verfahren schlecht ab: teuer und mit mehr CO₂ als neues Material.
- Dieselbe Studie rechnet aber vor, dass große Anlagen deutlich besser abschneiden würden. TKP nennt diese Zahlen sogar – zeichnet im Gesamturteil trotzdem ein wesentlich pessimistischeres Bild als die Studie selbst.
Warum Rotorblätter so ein Problem sind
Bei einem Windrad lässt sich das meiste gut wiederverwerten. Für Stahl und Kupfer gibt es längst eingespielte Wege. Die Rotorblätter sind der schwierige Teil.
Sie bestehen aus Glasfasern, die mit einem sehr harten Kunststoff verklebt sind. Das macht sie leicht und trotzdem extrem stabil – sie sollen schließlich jahrzehntelang bei Wind und Wetter halten. Genau das wird beim Recycling zum Problem: Was absichtlich so gebaut wurde, dass es sich nicht auflöst, lässt sich hinterher nur schwer wieder trennen.
Verfahren dafür gibt es trotzdem. Das in der Studie untersuchte funktioniert so: Die Blätter werden zerkleinert und dann stark erhitzt. Der Kunststoff verbrennt, die Glasfasern bleiben übrig und können weiterverwendet werden. Die Frage ist nicht, ob das geht. Die Frage ist, ob es sich in großem Maßstab rechnet.
Was die Studie tatsächlich untersucht hat
Hier lohnt genaues Hinsehen, denn die Studie enthält nicht eine Anlage, sondern drei Stufen – und je weiter man nach oben kommt, desto weniger steht dahinter eine echte Messung.
Drei Stufen, drei Grade von Sicherheit
Die zentralen Ergebnisse zum Recyclingverfahren beruhen auf diesen drei Stufen.
Die Versuchsanlage
Eine bestehende Demonstrationsanlage liefert experimentelle Messdaten, mit denen das Modell kalibriert wurde.
Gemessen
Die kleine Anlage
Rund eine Tonne pro Tag. Auf Basis experimenteller Messdaten modelliert – aber nicht selbst als Anlage gebaut und vermessen.
Berechnet
Die große Anlage
Mehrere tausend Tonnen pro Jahr. Aus Stufe 2 hochgerechnet – am weitesten von einer Messung entfernt.
Hochgerechnet
Je weiter rechts, desto größer die Unsicherheit. Keine Zahl ist deshalb wertlos – aber keine ist so sicher wie die davor.
Auf Stufe 2 sieht es schlecht aus: Das Recyclingmaterial kostet dort deutlich mehr als neue Glasfaser und verursacht auch mehr CO₂. Überraschend ist das nicht. Wer zu Hause eine einzige Pizza backt, zahlt pro Stück mehr als eine Pizzeria, die dreihundert am Tag macht. Kleine Mengen sind fast immer teurer.
Deshalb rechnen die Forscher weiter: Was wäre bei einer viel größeren Anlage? Dieses Ergebnis fällt deutlich besser aus. Ab einer bestimmten Größe verursacht das recycelte Material weniger CO₂ als neu hergestellte Glasfaser, und unter bestimmten Annahmen könnte es sich auch wirtschaftlich ausgehen. Die Autoren sehen darin ausdrücklich Potenzial und sprechen sich in ihrem Fazit dafür aus, das Verfahren weiterzuentwickeln.
Damit ist aber auch klar, was die Studie nicht beweist: Die große Anlage steht nirgends. Ob sie unter echten Bedingungen so funktioniert, muss sich erst zeigen. Die ehrliche Antwort lautet deshalb: Rotorblatt-Recycling ist schwierig und großtechnisch noch nicht gelöst. Aussichtslos sieht es aber nicht aus. „Gescheitert“ ist etwas anderes als „noch nicht fertig“.
Was TKP daraus gemacht hat
Und jetzt das eigentlich Interessante an diesem Fall: Es wurde keine Zahl erfunden – und nicht einmal eine weggelassen.
TKP nennt die Werte der kleinen Anlage. TKP nennt aber auch die Schwellen, ab denen die Bilanz laut Modell kippt. Beide Seiten der Studie kommen also vor. Nur bekommen sie völlig unterschiedliches Gewicht.
Genannt – und dann entwertet
Zuerst
TKP nennt die Schwellenwerte, ab denen das Recyclingmaterial laut Studie besser abschneidet als neue Glasfaser.
Direkt danach
Die Recycling-Diskussion sei im Wesentlichen „Theorie und Wunschdenken“.
Am Ende

Rotorblätter erscheinen als „unlösbares Problem“ – obwohl die zitierte Studie gerade bei größeren Anlagen Potenzial für ein wirtschaftlicheres und klimafreundlicheres Recycling sieht.
Das ist die eigentliche Verzerrung, und sie ist schwerer zu erkennen als eine erfundene Zahl. Wer den Beitrag prüft, findet die Schwellenwerte und denkt: passt, wird ja erwähnt. Das Gesamturteil wird aber vor allem von den schlechten Werten des kleinen Maßstabs getragen.
Ein zweiter Punkt betrifft die oft genannten 43 Millionen Tonnen Rotorblattabfall. Die Zahl ist korrekt, sofern klar bleibt, was sie bedeutet: Sie bezeichnet die weltweit kumulierte Menge bis 2050. Für das Jahr 2050 allein prognostizierten Liu und Barlow rund 2,9 Millionen Tonnen. Das sind zwei unterschiedliche Größen.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen, wenn jemand eine Studie zitiert
- Gemessen oder gerechnet?Steht hinter der Zahl eine echte Anlage, ein Modell oder eine Hochrechnung aus dem Modell?
- Was passiert mit dem Gegenteil?Wird es erwähnt, bekommt in der Schlussfolgerung aber kaum Gewicht? Auch dadurch kann ein verzerrter Eindruck entstehen.
- Pro Jahr oder insgesamt?Große Zahlen sind oft über viele Jahre zusammengerechnet.
Am Ende des TKP-Beitrags wird außerdem ein Leserkommentar wiedergegeben. Darin wird vermutet, Betreiber von Windkraftanlagen könnten ihre Firmen absichtlich pleitegehen lassen, um die Kosten für Rückbau und Recycling zu sparen. Anschließend wird spekuliert, Elon Musk könne dasselbe mit Tesla tun, um Recyclingpflichten für Batterien zu entgehen. Mit der Studie hat das nichts zu tun. Dort geht es um Energieverbrauch, Kosten und CO₂ – Firmenpleiten kommen nicht vor.
Zum Absender
TKP bezeichnet sich selbst als „Blog für Science & Politik“ und sieht aus wie ein Nachrichtenportal. Herausgeber ist der österreichische Physiker Peter F. Mayer, bekannt wurde die Seite vor allem während der Corona-Pandemie. Das deutsche Kampagnennetzwerk Campact hat das Portal im August 2026 ausführlich untersucht und ordnet es als verschwörungsideologisch und wissenschaftsskeptisch ein. Kritisiert wird genau das Muster, das auch hier zu sehen ist: Verweise auf echte Studien, aus denen Schlüsse gezogen werden, die diese Studien nicht hergeben. Das österreichische Magazin Datum beschrieb TKP 2024 als Plattform, die unter anderem medizinische Verschwörungserzählungen und prorussische Inhalte verbreitet.
Ob der Rotorblatt-Beitrag stimmt, entscheidet diese Vorgeschichte allerdings nicht. Deshalb haben wir die Studie selbst gelesen – und deshalb steht dieser Abschnitt am Ende. Wer eine Behauptung prüft, fängt bei der Behauptung an, nicht beim Absender.
Für alle, die es genau wissen wollen
Die Zahlen im Detail
Die Untersuchung stammt von Ramin Moradi und Liu Yang von der University of Strathclyde und erschien im Juni 2026 in der Zeitschrift Sustainability.
Das Verfahren
Die Rotorblätter werden zerkleinert und in einem sogenannten Wirbelschichtreaktor auf ungefähr 500 Grad Celsius erhitzt. Dabei verbrennt ein Teil des Kunststoffs, die Glasfasern bleiben zurück. Insgesamt können laut Studie etwa 80 bis 94 Prozent einer Windkraftanlage recycelt werden – die Rotorblätter gehören zu den schwierigsten Bestandteilen.
Die drei Stufen
Grundlage sind experimentelle Daten einer Demonstrationsanlage aus dem PRoGrESS-Projekt. Damit kalibrierten die Autoren ein Prozessmodell. Auf dieser Basis modellierten sie eine Pilotanlage mit rund einer Tonne pro Tag – die Studie bezeichnet diese Anlage ausdrücklich als modelliert, nicht als gebaut und vermessen. Von diesem Modell aus wurden die Ergebnisse anschließend mit Skalierungsformeln auf mehrere tausend Tonnen pro Jahr hochgerechnet. Die Werte des Pilotmaßstabs haben damit eine deutlich bessere empirische Grundlage als die Hochrechnung auf die Großanlage.
Der Pilotmaßstab
Ein Kilogramm zurückgewonnener Glasfaser kostet dort brutto rund 4,54 britische Pfund, neue Glasfaser wird mit ungefähr 1,70 Pfund pro Kilogramm angesetzt. Beim CO₂ stehen ungefähr 2,24 Kilogramm je Kilogramm recyceltem Material rund 1,9 Kilogramm für Neumaterial gegenüber.
Die Hochrechnung
Beim vergleichsweise klimafreundlichen schottischen Strommix sinkt der berechnete CO₂-Fußabdruck der recycelten Glasfaser ab einer Kapazität von ungefähr 1.725 Tonnen pro Jahr unter jenen neuer Glasfaser; beim britischen Durchschnitts-Strommix liegt dieser Punkt bei ungefähr 3.077 Tonnen pro Jahr. Bei einer angenommenen Kapazität von 5.000 Tonnen pro Jahr errechnen die Autoren einen möglichen Break-even, wenn die zurückgewonnene Glasfaser etwa 80 Prozent des Preises neuer Fasern erzielt. Sie rechnen dabei unter anderem damit, dass für die Annahme alter Rotorblätter eine Gebühr bezahlt wird.
Eine Ungenauigkeit in der Studie selbst
Im Abstract heißt es, recycelte Glasfaser könne bei 5.000 Tonnen pro Jahr rund 46 Prozent weniger Primärwärmeenergie benötigen als neue. An anderer Stelle steht, sie benötige rund 64 Prozent der Energie der Neufaser – das wären etwa 36 Prozent weniger. Welche Angabe stimmt, lässt sich aus dem Paper nicht auflösen. An der Richtung ändert das nichts, der Energieverbrauch liegt in beiden Fällen unter dem von Neumaterial.
Die Qualität der Fasern
Die Studie beschreibt bei solchen Verfahren einen Verlust der Zugfestigkeit von ungefähr 50 Prozent, außerdem entstehen kurze Fasern. Für ein neues Rotorblatt braucht man lange beziehungsweise kontinuierliche Fasern. Aus einem alten Rotorblatt wird also kein neues – wohl aber Material für Produkte, bei denen kürzere Fasern genügen, etwa bestimmte Kunststoffe oder Formteile.
Abfallmenge und Rechtslage
Die Prognose von 43 Millionen Tonnen bis 2050 stammt nicht aus der neuen Arbeit, sondern aus einer 2017 veröffentlichten Studie von Pu Liu und Claire Barlow; für das Jahr 2050 selbst wurden dort rund 2,9 Millionen Tonnen errechnet. In Österreich enthält die Deponieverordnung derzeit noch eine Übergangsregelung für bestimmte ausgehärtete glas- und carbonfaserverstärkte Kunststoffteile, darunter ausdrücklich Rotorblattteile – sie gilt bis zum 31. Dezember 2027. Seit dem 30. Juni 2026 verlangt zudem eine EU-Vorschrift für bestimmte öffentliche Beschaffungs- und Konzessionsverfahren im Bereich der Windenergie eine Recyclingfähigkeit von mindestens 70 Gewichtsprozent für Rotorblätter. Das heißt nicht, dass heute jedes Rotorblatt zu 70 Prozent recycelt wird oder dass jede Anlage in der EU darunter fällt.
