Mitte Juli 2021 kamen in Deutschland infolge von Flutkatastrophen 185 Menschen ums Leben – darunter viele im Ahrtal. Wie konnte es zu solch einem Extremwetterereignis kommen?
Zum fünften Jahrestag stehen noch einmal die Betroffenen und die Helfer im Mittelpunkt, die Fragen zum Wiederaufbau und wer die Schuld trägt am Ausmaß der Katastrophe. Wichtig für die Zukunft ist aber auch zu fragen: Wie konnte es zu einer solchen Flut kommen? Welche Rolle spielt dabei der Klimawandel und wie bedroht das Wetter der Zukunft Menschenleben?
Karsten Schwanke ist bekannt für seinen Blick aufs Wetter in den tagesthemen. Der Meteorologe arbeitet im ARD-Wetterkompetenzzentrum im Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Schwanke kann sich noch gut an den Tag der Ahrtal-Flut vor fünf Jahre erinnern. „Ich hab an dem Tag gearbeitet, auch am nächsten Tag, und mit dem Wissen, was da an Regen gekommen ist, mir fiel die Kinnlade runter, denn diese Bilder hätte ich nie erwartet.“ Überschwemmungen ja, aber Wassermassen mit diesen Auswirkungen waren im Ahrtal so nicht bekannt.
Künftig mehr Wetterextreme
Karsten Schwanke sagt, die Menschen müssten auch zukünftig mit einer Zunahme von Starkregenereignissen rechnen – das zeige die Forschung eindeutig. Aber warum kommt es durch die Erderwärmung zu mehr Starkregen?
Aljoscha Kress vom HLNUG, dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie, erklärt es: „Das liegt in der Physik. Wenn es wärmer wird, verdunstet auch mehr Wasser. Sieben Prozent pro Grad mehr. Das bedeutet, wenn es wärmer wird, wird auch mehr Wasser in der Luft sein und dieses Wasser kommt auch irgendwann wieder runter. Dann aber geballt in diesen Starkregenereignissen.“
Wetter und Klima – die Zusammenhänge
Mehr Wasser in der Luft führt auch zu mehr Starkregenereignissen. Fluten wie die im Ahrtal werden laut aktueller Klimaforschung also häufiger sein. Denn die Erderwärmung passiert schneller als gedacht. Sie liegt im weltweiten Mittel aktuell bei 1,4 Grad Celsius. Im Pariser Klimaabkommen von 2015 hatte sich ein großer Teil der Weltgemeinschaft darauf geeinigt, die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen zu wollen. Diese Marke hat die Weltgemeinschaft also fast schon erreicht.
Das habe tödliche Folgen, sagt die Klimaforscherin Friederike Otto vom Imperial College London, die die Zusammenhänge von Wetter und Klima unter anderem für den Weltklimarat analysiert. „Dass eben auch jetzt schon unglaublich viele Menschen ihr Leben, ihre Lebensgrundlage verlieren, aufgrund intensiverer und häufigerer Extremwetterereignisse. Und mit jedem Zehntel Grad globaler Erwärmung gibt es davon eben mehr.“ Nicht nur Fluten, auch anderes Extremwetter – etwa Dürre und lange Hitzephasen – nimmt zu.
Friederike Otto hat die sogenannte Attributionsforschung, also die Zuordnung von Wettereignissen und Klimaveränderungen, maßgeblich mitentwickelt. In ihren Studien zu Extremwetterereignissen nimmt sie verstärkt die Folgen für die Menschen in den Blick. Welche anderen Faktoren waren relevant, gab es Frühwarnsysteme, und wenn ja, wen haben sie erreicht?
Warnungen kamen zu spät, waren falsch oder unzureichend
Im Fall der Ahrtal-Flut wurden viele Menschen nicht erreicht, Warnungen kamen falsch oder gar nicht. Deshalb wurde das Katastrophenmanagement vor Ort in der Ahrtal-Region, aber auch vielerorts in Deutschland, nach dieser einschneidenden Erfahrung mit vielen Toten neu aufgestellt.
Und auch beim Deutschen Wetterdienst (DWD) sei viel verändert worden, sagt Thomas Kratzsch, Leiter der Abteilung Beratungs- und Warndienste im Gespräch mit der ARD-Klimaredaktion: „So haben wir zum Beispiel Videokonferenzen eingeführt als Austauschformat zwischen regionalen Wetterberatungen des DWD, den Hochwasserzentralen und Vertretern der betroffenen Länder. Und dort wird auch stärker der Fokus auf die Unsicherheiten der Wettervorhersage und auf mögliche Auswirkungen der Wetterlage hingewiesen.“
„Konsequenter Klimaschutz ist die wichtigste Antwort“
Was hat sich verändert – und was bleibt zu tun? Um im Ernstfall schneller reagieren zu können, hat der DWD eine große Änderung bei der Wettervorhersage vorgenommen. Früher wurde alle drei Stunden aktualisiert, inzwischen passiert das mit einer stündlichen Update-Rate.
Und: 2023 wurde Cell Broadcast eingeführt. Das ist ein Mobilfunkdienst, der alle Menschen in einer Region auf ihrem Handy warnen kann – auch wenn sie keine App installiert haben. Bei den Wettervorhersagen und dem Warnmanagement hat sich seit der Flut im Ahrtal viel verbessert. Aber das reiche nicht, sagt ARD-Meteorologe Karsten Schwanke: „Konsequenter Klimaschutz ist die wichtigste Antwort.“
Menschen früher und besser zu warnen, ist eine große Lehre aus der Ahrtal-Katastrophe. Aber selbst Warnsysteme und gutes Katastrophenmanagement können nur dabei helfen, Menschenleben zu retten. Extremwetter verhindern können sie nicht.
