Fußball-Aluhüte schweigen stillWilde Spekulationen um das Ende der unfassbaren Kane-Serie

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, besagt ein altes Sprichwort. Nicht anders ist es am Mittellandkanal. Dort kämpft der VfL Wolfsburg am Rande der Legalität ums Überleben. Aber der FC Bayern hat Michael Olise und Jonas Urbig – der Gastgeber ein Endspiel.
Unter der Woche übernahmen die Verschwörungstheoretiker das Ruder. VfL Wolfsburg gegen den FC Bayern – das war in deren Augen eine Partie, die nur einen Sieger kennen durfte: Volkswagen. Der Automobilkonzern ist bekanntlich nicht nur Eigner der auf schwerer See befindlichen Wölfe vom Mittellandkanal, sondern über den Tochterkonzern Audi auch mit dem FC Bayern verbandelt. Am Ende schwiegen sie. Ein Traumtor von Michael Olise (56.) stellte sie ruhig. Der Meister siegte mit 1:0. Wolfsburg darf nächste Woche nicht beim FC St. Pauli verlieren, sonst endet die Bundesliga-Tradition in Niedersachsen nach 29 Jahren.
Die ersten 45 Minuten in der Arena am Mittellandkanal aber waren Wasser auf den Mühlen der Aluhüte. Die Wolfsburger dominierten und der große Harry Kane vergab in der 36. Minute erstmals einen Elfmeter in der Bundesliga. Zur Halbzeit war es vollkommen verblüffend, wieso der VfL nicht längst haushoch in Führung lag. Fünfzehnmal hatten die Wölfe aufs Tor von Jonas Urbig geschossen. Doch der war in WM-Form, der Rest der Bayern-Mannschaft eher nicht.
Es war ebenso verblüffend, wie diese Mannschaft überhaupt jemals in Abstiegsgefahr hatte geraten können. Klar, die Bayern hatten unter der Woche im Spiel gegen Paris Saint-Germain einen schweren Rückschlag zum Ende ihrer Supersaison hinnehmen müssen, und dementsprechend angeschlagen gingen sie ins Spiel. Bei aller Dominanz war das beschwerlich, fahrig und unpräzise.
Jöllenbeck funkt, Belocian handelt
Erst nach knapp 20 Minuten kamen sie überhaupt zu ihren ersten Gelegenheiten. Nur einmal danach wurden sie in der ersten Hälfte überhaupt gefährlich. Nach einem Foul im Strafraum und längerer Überprüfung durch den VAR, ob Michael Olise nicht doch irgendwie zu nah am Tor stand. Das war nicht der Fall und doch führte eben jene Überprüfung zu einem historischen Moment der Ligageschichte.
Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck konferierte mit seinem VAR-Kollegen Tobias Stieler in Köln, ein paar Bayern und ein paar Wolfsburger gesellten sich zu dem 39-Jährigen, der wartete und sprach und wartete. Die Zeit verstrich. Ein Wolfsburger nutzte sie geschickt. Jeanuel Belocian stand am Elfmeterpunkt und bereitete diesen schon einmal vor. Kein Abseits. Elfer. Harry Kane legte sich den Ball hin, krümmte seinen Oberkörper lauernd, wie es nur der Jahrhundertstürmer aus England kann, und lief an. Wolfsburgs Kamil Grabara flog in die falsche Ecke, doch Kane rutschte in der von Belocian ausgehobenen Grube weg, der Ball flog beinahe in Richtung Fitnessland im Wolfsburger Allerpark.
Kompany: „Was erwarten Sie?“
Einen verschossenen Kane-Elfer hatte die Bundesliga in beinahe drei Jahren noch überhaupt nicht gesehen. Eine ausgehobene Grube, einen manipulierten Elfmeterpunkt hingegen schon. Belocian hatte den Hitz gemacht. Marwin Hitz, der damalige Torhüter des FC Augsburg, hatte im Dezember 2015 im Spiel gegen den 1. FC Köln den Elfmeterpunkt nach einem Pfiff so lange kaputt getreten, bis der damalige Kölner Anthony Modeste den Strafstoß vergab und Augsburg schlussendlich gewann. Die Aufregung damals war groß, der Trampler Hitz unter Rechtfertigungszwang. „Nicht die fairste Aktion“, gab Hitz damals zu.
Nicht anders in Wolfsburg. Auch Belocians Grubenbau bot Anlass für reichlich Diskussionen. „Was erwarten Sie, was die machen? Einfach klatschen, wenn wir ein Tor machen, und sagen: Das war gut gespielt? Klar muss man das anschauen, und vielleicht kann man da etwas sagen oder machen. Aber, was sollen die Spieler von Wolfsburg machen? Einfach absteigen, ohne alles zu versuchen? Das geht nicht“, mäßigte Bayern-Trainer Vincent Kompany die aufkommende Unruhe.
Der wie immer empathische Belgier wies auf die Verfehlungen seiner eigenen Mannschaft hin. Sie habe in diesem Moment nicht aufmerksam genug agiert. Er sagte: „Wenn es am Mittwoch gegen Paris gewesen wäre, hätten wir schon zwei, drei Leute an diesem Elfmeterpunkt gehabt. Das ist leider das kleine Detail, das in so einem Spiel den Unterschied machen kann. Du darfst nie etwas herschenken.“
Von Aluhüten und Gerechtigsfanatikern
Doch nicht alle waren auf Kompanys Linie. Den eingangs erwähnten Aluhüten standen nunmehr eben auch die Gerechtigkeitsfanatiker gegenüber. Die brüllten: Ungerecht, unfair, unsportlich. Sie bekamen durch Bayerns Tom Bischof auch eine Stimme unter den Spielern. „Ich weiß, dass Wolfsburg darum kämpft, in der Bundesliga zu bleiben. Trotzdem finde ich es eine unnötige Aktion. Fairplay macht man trotzdem, auch wenn es um viel geht“, sagte er. Eine Mehrheit fand er damit nicht.
Trotzdem: Der verschossene Elfer war erst mal neues Futter für die Rufer nach Gerechtigkeit am Elfmeterpunkt, neues Futter für die Verschwörungstheoretiker, neues Futter aber auch für das mit 28.917 Zuschauern ausverkaufte Stadion, das mit brachialer Lautstärke weiter an der Führung der Wölfe arbeitete. Es sollte nicht sein. Dzenan Pejcinovic, Denis Vavro, Christian Eriksen, Adam Daghim und Vinicius Souza waren fassungslos. Das hatte einen entscheidenden Grund.
Im Tor der Bayern stand der sich für die Weltmeisterschaft empfehlende Jonas Urbig, der die Bälle von der Linie kratzte, sie um den Pfosten lenkte und über die Latte schaute. Was auch immer Wolfsburg probierte, es war gegen Urbig nicht genug. Zur Halbzeit hatten sie sich über drei virtuelle Tore auf dem Expected-Goals-Board verdient, auf der Anzeigetafel standen jedoch null, und das war natürlich ein Problem.
Die Rückkehr des Zinnenwappens
Als Kompany zur Pause die fast schon überforderten Minjae Kim und Leon Goretzka vom Feld beorderte und mit Dayot Upamecano und Konrad Laimer zwei neue Kräfte brachte, kippte das Spiel. Die Bayern dominierten, erdrückten Wolfsburg, und Olise traf mit seinem Trademark-Tor: von der rechten Seite nach innen ziehend, das lange Eck mit seinem linken Fuß anvisierend. Nicht zu verteidigen.
Trotzdem hätte es für Wolfsburg noch zu einem Punkt reichen können. Nach einem schockierenden Fehlpass von Bischof und einem schnellen Konter der Wolfsburger gegen halbherzig verteidigende Bayern stand Matthias Svanberg nach 89 Minuten frei vor Urbig, der sich breit und das Tor klein machte. Svanberg traf völlig freistehend nur den Pfosten.
„Ich muss das Tor machen – genau wie im Training. Ich habe den Ball gut getroffen und dann war es marginal“, gestand der Schwede. „Dann treffe ich eben nächste Woche“, ergänzte er und blickte wie der Rest der Wölfe nach vorne. „Wir haben es uns in den letzten Wochen verdient, dass wir jetzt ein Endspiel haben und danach hoffentlich noch zwei mehr“, sagte Sportdirektor Pirmin Schwegler. „Das gute Gefühl ist da. Trotzdem müssen wir uns nächste Woche nicht darauf verlassen, sondern dasselbe wieder in Hamburg auf den Platz bringen. Kein Zentimeter weniger.“
An der Kopfseite der vier Schlote in Wolfsburg war an diesem Samstag ein zweites Logo projiziert. Neben dem von Volkswagen war dort das alte Zinnenwappen des VfL zu sehen. Das war nach über zwanzigjährigem Kampf auch wieder zum neuen Wappen der Wolfsburger geworden. Großer Jubel in der Arena und große Symbolik am Werk. Es erinnerte alle an den Überlebenskampf des Klubs. Niemals aufgeben. Keine Option. Nicht im Kampf um die eigene Tradition und nicht im Kampf um den Klassenerhalt. Die Aluhüte hatten sich da längst verzogen, und die Bundesliga hatte rund um Kanes verschossenen Elfer eine Anekdote mehr.
