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God, Gardening, Good Vibrations: „Dear Britain“ erkundet die Seele Großbritanniens

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 28, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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God, Gardening, Good Vibrations„Dear Britain“ erkundet die Seele Großbritanniens

28.06.2026, 12:11 Uhr Von Thomas Badtke
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In Großbritannien geht’s auch mal ein bisschen skurril zu. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Ein Pfarrer mit einem Dobermann namens Ozzy. Dazu noch „Shit Pipes“ und ein „ernsthafter Sport“, der keiner ist: Großbritannien ist schrullig und voller schräger Geschichten. Annette Dittert liefert sie den Lesern frei Haus, von einem Kanalboot aus – und als Liebeserklärung verpackt.

Ich habe in Frankfurt am Main gewohnt, in Düsseldorf, Hamburg, München und Berlin. Aber nirgendwo war es so schön wie in London: weltoffen, direkt, catchy. Hier der Pomp und der in die Jahre gekommene, verblassende Glamour von Jahrhunderten. Dort die bunte, unter Dauerstrom stehende Welt des neuen Jahrtausends. Es war 2001. Die Türme in New York standen noch. Das Leben war unbeschwert. Heute, ein Vierteljahrhundert später, ist der Blick zurück natürlich verklärt – und dennoch habe ich mein Herz an London verloren. An die Briten. An das Land, das keines ist. Und ich bin damit nicht allein.

Annette Dittert hat es mindestens genauso schwer erwischt. Als Auslandskorrespondentin berichtete sie von den Menschen Großbritanniens, von ihren Marotten und kleinen Macken. Sie erzählt ihre Geschichten, bringt uns das „Leben auf der Insel“ näher. Voller Energie, Humor, Herz – und Liebe. Dass sie uns nun mit „Dear Britain“ eine Liebeserklärung nach 18 Jahren in good old Britain schenkt, verwundert da nicht. Dass es sich nach eigenem Bekunden um einen „nachdenklichen Liebesbrief“ handelt, der versucht, die „Seele Großbritanniens“ zu erkunden, liegt fast schon auf der Hand. Dass man als Leser von „Dear Britain“ im Anschluss sofort einen Flug auf die Insel buchen will und muss, zeigt eindrucksvoll, welch großartiges Werk der Autorin gelungen ist.

The normal ones …

Dittert kennt sich aus. Sie hat die britische Staatsbürgerschaft, neben der deutschen. Sie wohnt auf einem stählernen, kleinen Hausboot in einem ruhigen Nebenarm der Themse. Ein bescheidenes Heim samt kleinen Schuppen und Garten mit selbst gepflanzten Blumen, Sträuchern und einem Kirschbaum. Gegenüber des kleinen Kanaldorfs ragen die Villen der Reichen und Schönen auf. Robbie Williams soll am Morgen immer mal zum Fischefüttern an den Kanal kommen. Dittert hat ihn noch nie gesehen.

Dafür hat sie aber jede Menge normale Briten getroffen, mit ihnen gesprochen und sich ihren Geschichten gewidmet. Es geht dabei etwa um das ewige Thema der Briten: das Gärtnern – und die Frage, weshalb „gardening“ einen so hohen Stellenwert auf der Insel hat: Es sei ein „ernsthafter Sport“ und „bekannte Gärtner werden hier gewöhnlich verehrt wie Popstars oder Olympiasieger.“

Dittert besucht einen Pfarrer in Burnley, einer der ärmsten Städte Englands, und versucht, mit ihm zu ergründen, weshalb mittlerweile fast jedes dritte Kind im Land unterhalb der Armutsgrenze lebt. Der Pfarrer ist bekannt, war früher kriminell und hat nun „die Seiten gewechselt“. Seine treuen Begleiter sind ein in die Jahre gekommener Camper und ein Dobermann namens Ozzy. Die Autorin erzählt auch von den „Shit Pipes“, die an vielen Küstenorten das Baden zu einer schmutzigen Angelegenheit machen, die wirklich zum Himmel stinkt. Der Grund reicht bis in den Privatisierungswahn einer Maggie Thatcher zurück, die einst die Wasserbetriebe des Landes verkauft hat.

Einblicke, Einsichten, Entschleunigung

Überhaupt diese Thatcher. An ihr scheiden sich die Geister der Briten. Die einen lieben und verehren sie, die anderen hassen sie abgrundtief. Als sie starb, erschallte der Song „Ding Dong, the Witch is Dead“ aus Hunderttausenden Kehlen. Dafür, dass eine Familie nur für die ersten beiden Kinder Kindergeld erhält, war sie nicht verantwortlich, sondern Tory-Premier David Cameron, 2017. Die Konsequenz: Bis heute sind fast zwei Millionen britische Kinder zusätzlich unter die Armutsgrenze gerutscht.

Dittert zufolge geht die Schere zwischen Arm und Reich noch viel weiter auseinander als hier in Deutschland. Dass deshalb auch auf der Insel der Rechtspopulismus Zulauf hat, überrascht da nicht. Dann schon eher die Aussichtslosigkeit, die manche Bewohner umtreibt: „Wir wissen doch genau, dass Nigel Farrage und die Rechten es auch nicht besser können. Aber wenigstens jagen sie dann den ganzen Laden in die Luft!“ Gesagt hat das ein Werftarbeiter, mittlerweile arbeitslos, und bislang ein treuer Labour-Anhänger.

Großbritannien ist zerrissen, England sucht nach seiner „englishness“. Schottland will raus aus dem Königreich und wieder rein in die EU. Und Dittert weiß: „Einem Schotten, der mit dem Kopf durch die Wand will, sollte man nicht im Weg stehen, denn am Ende zieht die Wand immer den Kürzeren.“ Armin Laschet würde jetzt sagen: „Isso!“

Als Leser von „Dear Britain“ reist man mit Dittert nach Wales, nach Glasgow, nach Soho. Man besucht „reine Herrenclubs“, englische Gärten, eine Oberste Richterin im Ruhestand, die vor nicht allzu langer Zeit die britische Demokratie gerettet hat. Dittert steigt bei Ebbe in das Flussbett der Themse, um nach Schätzen zu suchen, und geht danach dem männlichen Erbfolgerecht auf den Grund. Und natürlich nimmt sie sich auch des britischen Wetters und des englischen Humors an, sowie der entschleunigten Lebensart auf der Insel.

„Dear Britain“ wartet mit Tiefe auf und entwirft ein vielschichtiges Bild Großbritanniens. Dittert hat ein Händchen für Szenen, kann mit ihren Worten Bilder entwerfen, die sich in den Köpfen der Leser festsetzen und Lust auf mehr machen. „Dear Britain – I’m now one of you!“

Quelle: ntv.de

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