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Politik

Herkunft, Macht und indigene Stimmen: Chemnitz holt die Welt ins Theater

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 18, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 18.06.2026 • 17:13 Uhr

Chemnitz wird zum Epizentrum internationaler Bühnenkunst: Das Festival „Theater der Welt“ zeigt Produktionen von allen Kontinenten. Im Fokus stehen Fragen nach Identität, Herkunft und Gerechtigkeit.

Von Nora Große Harmann, MDR

Globale Themen, individuelle Formen und tiefe Einblicke in die internationale Theaterkunst: Chemnitz lädt zum Festival „Theater der Welt“. Bis zum 5. Juli wird die Stadt zum Gastgeber für rund 500 Künstlerinnen und Künstler.

Auf dem Programm stehen mehr als 250 Veranstaltungen, darunter klassisches Schauspiel, Figurentheater, Konzerte und begehbare Installationen. Bereits im Jahr 2023 erhielt Chemnitz den Zuschlag für das prestigeträchtige Großereignis, das alle drei Jahre an einem anderen Ort ausgerichtet wird. Gezeigt werden insgesamt 33 Stücke.

Ähnliche Konflikte, unterschiedliche Welten

Die Produktionen kommen von allen Kontinenten. Doch trotz der mitunter großen geografischen Distanz wird beim Blick auf das Festivalprogramm deutlich: Weltweit setzen sich Künstlerinnen und Künstler mit denselben existenziellen Fragen auseinander. Es geht um Machtverhältnisse, Sichtbarkeit, Herkunft und die eigene Identität. Die Vielfalt der Beiträge resultiert dabei aus den unterschiedlichen politischen und kulturellen Bedingungen, unter denen die Theaterarbeiten entstanden sind.

Auffällig oft rücken indigene Perspektiven ins Rampenlicht, die im klassischen westlichen Theaterbetrieb selten eine Stimme erhalten: So wachen beispielsweise in der norwegisch-russischen Produktion „Tirvv. Divided“ Angehörige des indigenen Volkes Sami in Nord-Skandinavien über Nacht in einem anderen Land auf, weil sich aufgrund von Krieg die Landesgrenzen verschoben haben. Wie sich der Bau einer Eisenbahnlinie auf Land und Kultur der Ainu im Norden Japans ausgewirkt hat, macht die Performance „Kuste“ deutlich.

Einblick in indigene Identitäten zur Eröffnung

Eröffnet wird das Festival mit der Produktion „Split Tooth: Saputjiji“ der kanadischen Künstlerin Tanya Tagaq. Als eine der prägnantesten Stimmen indigener Kunst in Nordamerika verbindet sie in ihren Arbeiten Musik, Literatur und Performance.

Das Eröffnungsstück ist in der Arktis angesiedelt. Es setzt sich intensiv mit der indigenen Identität, historischem Unrecht und dem Prozess der Selbstermächtigung auseinander. Damit gibt der Auftakt bereits den inhaltlichen Ton für die kommenden drei Wochen vor.

Kuratieren jenseits des eigenen Geschmacks

Hinter dem Festival steht ein Intendantenteam bestehend aus dem bisherigen Programmchef der Kulturhauptstadt, Stefan Schmidtke, dem Generalintendanten des Theaters Chemnitz, Christoph Dittrich und Inge Ceustermans von der Festival Academy Brüssel. Die künstlerische Auswahl der Stücke lag jedoch in den Händen von neun internationalen Kuratorinnen und Kuratoren.

„Die Menschen, die in ihren Regionen leben, kennen ihr Umfeld viel intensiver“, begründet Schmidtke im Gespräch mit MDR KULTUR diese Herangehensweise. Die Idee sei gewesen, dass die Kuratoren von ihrer Welt erzählen und nicht, dass ein europäisches Team nur das auswählt, was dem eigenen Geschmack entspricht.

„Theater der Welt“ experimentiert mit neuen Formen

Daraus sei ein Programm entstanden, das massiv von Kontrapunkten lebe. Es seien Stücke dabei, die man selbst geschmacklich vielleicht nicht teile, die aber eine unbestreitbare, eigenständige ästhetische Qualität besäßen, so Schmidtke.

Das „Theater der Welt“ sei dabei kein Festival des ästhetischen Diskurses, sondern des Geschichtenerzählens. Es probiere neue Handschriften und Theaterformen aus und überrasche mit großer Dynamik: „Da gibt es Kopfhörer auf die Ohren, Gänge durch den Keller, Text auf der Bühne, Tanz und Musik.“

Die Welt zu Gast an einem Spielort, über den derzeit heftig debattiert wird: Soll das Theater Chemnitz saniert oder neu gebaut werden?

Das große Thema Gerechtigkeit – und eine Pop-Oper

Es gehe im Kern des gesamten Programms um menschliche Gerechtigkeit, betont Intendant Christoph Dittrich. Die fundamentale Frage laute: Wer darf überhaupt sprechen, und wie genau hört man dieser Person am Ende zu?

Besonders gespannt blicken die Verantwortlichen auf die südafrikanische Pop-Oper „Nkoli: A Fierce & Fabulous Life“. Das Stück behandelt das Leben von Simon Tseko Nkoli, einem der prominentesten Anti-Apartheid-, Schwulen- und Aids-Aktivisten Südafrikas, der zeitlebens für radikale Gleichberechtigung kämpfte.

Das Werk verknüpft historische Protestlieder und moderne Club-Sounds mit Elementen der Ballroom Culture und dem Tanzstil „Voguing“. Laut Dittrich ist die Nachfrage nach diesem bildgewaltigen Werk bereits vor dem Start enorm – sowohl bei der jungen, pop-affinen Generation als auch beim klassischen Opernpublikum.

Kulturhauptstadt-Gedanke bleibt lebendig

Das Festival möchte jedoch nicht nur internationale Kunst präsentieren, sondern auch handfeste lokale Impulse setzen. In Chemnitz kommt dieser Impuls von außen zu einem kritischen Zeitpunkt: mitten in der politischen Debatte um Neubau oder Sanierung des Chemnitzer Schauspielhauses.

Juliane Zellner, Direktorin des deutschen Zentrums des Internationalen Theaterinstituts (ITI), beobachtet die aktuellen Entwicklungen in der Stadt mit Sorge. „Aus meiner Sicht hängt die Attraktivität und die Zugkraft von Chemnitz von der Internationalität und der Weltoffenheit ab“, sagt Zellner. Dass man ein solch internationales Festival auf die Beine stelle und gleichzeitig von massiven lokalen Kürzungen und Einschränkungen im Kulturbereich höre, lasse sie „mit starker Verwunderung“ zurück. Hier werde am falschen Ende gespart, nämlich an der Zukunft und Attraktivität der Stadt selbst.

Die Intendanten Schmidtke und Dittrich sind sich dennoch einig, dass das Festival „Theater der Welt“ genau den richtigen „Drive“ besitzt, um das Erbe und den Gedanken der Kulturhauptstadt langfristig in die Zukunft zu tragen. Bewegung, Mut und eine anhaltende kulturelle Wirkung in der Stadt seien genau das, worauf Chemnitz jetzt dauerhaft aufbauen müsse.

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