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Hinter dem schönen Schein: Was für ein uncooler Trend, btw

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 20, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Hinter dem schönen ScheinWas für ein uncooler Trend, btw

20.06.2026, 14:04 Uhr Von Sabine Oelmann
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Wenn es einem nicht gut geht, sollte man online besser nicht ein schönes Leben faken. (Foto: IMAGO/imagebroker)

Wenn es mir richtig schlecht geht, poste ich keine Fotos, btw. Das ist vielleicht arrogant von mir, aber ich verdiene mein Geld nicht mit Insta oder Tiktok. Die meiste Zeit bin ich einfach zu faul zum Posten. Aber ich darf ja mal was dazu sagen, btw.

Einer der neueren Trends ist es, ein tolles Bild von sich zu zeigen – lachend, Sonnenuntergang, Baby mit überklebtem Smiley-Kopf im Arm, mega Hotel, krass straffe Oberschenkel, super dolle Augenbrauen oder was auch immer gut läuft in den sozialen Medien – und dann aber einen Text darüber zu zimmern, der erklärt, was EIGENTLICH wirklich los war in diesem Moment. Von „Mein Vater ist gerade gestorben, ich habe sehr viel geweint noch kurz davor, btw“, über „Ich habe kaum geschlafen, weil das Baby auch nicht geschlafen hat und dabei musste ich super aussehen, weil ein Termin anstand, btw“, bis zu „Hatte den größten Liebeskummer/ Bauchschmerzen/fühlte mich eigentlich hässlich, btw“, posten – wenn ich das richtig sehe in meinem fraulichen Feed – Frauen, was vor, aber vor allem, was hinter der Kamera eigentlich los war.

„btw“ steht für by the way, Englisch für nebenbei bemerkt. Die Frage ist: Interessiert das, was dahinter los war, wirklich? Und hätte das, was dahinter los war, dann nicht einen Post verdient, der authentischer ist, btw?

Viele Frauen „fühlen“ das, was die Influencerin ihres Vertrauens da von sich gibt. Bei einer habe ich neulich dann auch gelesen, btw, wie sie sich dafür stark macht, durchaus den Wunsch nach nur einem Kind verspüren zu dürfen. Es reiche für sie. Und für ihren Mann auch, weil das erste Baby halt so anstrengend war/noch immer ist. Der Witz ist, mit der Erfahrung einer älteren Mutter von sehr viel älteren Kindern, dass das eigentlich noch die lustigste, und einfachste Phase des Elterndaseins ist, denn sobald die kleinen Racker anfangen zu sprechen und zu laufen geht der Stress doch erst los. Dann die Pubertät, die Sorgen in der Schule, die Gedanken und Gefühle der Kinder, die in einer Welt groß werden, die so unsicher ist wie lange nicht mehr. Das nenn‘ ich hart. Aber ältere Mütter schreiben darüber nicht, es geht eigentlich immer nur um Babys. Wahrscheinlich influencen die älteren Mütter der älteren Kinder nicht, weil es den älteren Kindern einfach peinlich wäre. Zu Recht, btw. Babys können sich nicht wehren. Sie kriegen einen Smiley übers Gesicht geklebt und werden bei jeder Gelegenheit in die Kamera gehalten. Diesen Trend finde ich so richtig doof. Dann vielleicht lieber das Baby von hinten zeigen oder im Dunkeln. Oder gar nicht.

Naja, was ich btw eigentlich sagen wollte, ist, dass die meisten Kinder, die ich kenne, gerne eine Schwester oder einen Bruder hätten. Aber die fragt halt keine(r). Ich persönlich finde es super, einen Bruder zu haben. Deswegen haben die Kinder Cousins und Cousinen und Weihnachten ist bunt.

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Auf diesem Bild hab‘ ich echt geheult, ich weiß gar nicht mehr, ob aus Freude oder aus Schmerz, aber ich seh‘ immer noch krass gut aus. (Foto: IMAGO/Ikon Images)

Zurück zum Ursprung: Angeblich soll das Echte hinter dem Fake-Foto für mehr Realität sorgen. Ich finde jedoch, es sorgt nur für Verwirrung. Dann lieber ein Foto, auf dem die Influencerin wirklich heult, kotzt oder sonst irgendwie leidet. Dass man so schön, so perfekt aussieht, obwohl die Nachricht an dem Tag so schlimm war, die Mutter starb, das Kind 40 Grad Fieber hatte und die Freundin total blöd war, irritiert mich. Ich, und die, die meine Hand gehalten haben, wissen, wie schrecklich ich aussah als meine Eltern starben. Ich brauche davon kein Foto. Als meine Kinder geboren wurden sah ich leider weder aus wie Sophia Loren mit Baby im Arm noch wie eine der Frauen heute, die aus dem Krankenhaus marschieren, als wäre nichts gewesen. Selbst Kate Middleton hatte noch einen Bauch, als sie das Krankenhaus nach den Geburten ihrer drei Kinder verließ.

Wir sind voller Makel, zeigt das, und das ist echt, btw. Aber zeigt doch bitte kein perfektes Bild von euch, auf dem dann steht: „Hatte noch postnatale Depression und ’ne Wampe, btw“, zeigt dann bitte eure Depression und die Wampe. Ansonsten kommt der Trend nämlich nur sehr, sehr gekünstelt rüber, obwohl er ja eigentlich beleuchten will, dass hinter der perfekten Insta- oder Tiktok-Maske ein ganz realer Mensch steckt, mit ganz realen Problemen.

Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser lebt man ohne ihr *

Die Frage ist nur: Kommen wir, jetzt mal rein feministisch betrachtet, so weiter? Wenn der Selbstzweifel – ich bin doch eigentlich gar nicht gut genug für diesen Mann/diesen Award/dieses Gehalt/dieses Kind/diese Klamotten/diese Freunde – gepaart ist mit der „Bescheidenheit“, sich quasi konstant über sich selbst zu wundern? Ich glaube kaum.

Gut, wenn es um echte Problemegeht,t wie zum Beispiel bei Katy Hummels, deren weißer Anzug kurz vor einer Moderation noch Bronzer-Flecken aufwies, btw, will man mal nicht so sein. Dabei wünscht man sich von einer Frau Hummels eigentlich eine Aussage wie: „Ich habe diese Moderation bekommen, weil ich mich endlich von meinem Image als Ex-Spielerfrau befreit habe, btw“, oder: „Ich habe einen Preis bekommen, weil ich den echt verdient habe, btw“. Denn während sich früher Männer gern noch mit den Lorbeeren schmückten, die sie ohne eine Frau nie erlangt hätten (1945 zum Beispiel, da erhielt Otto Hahn für die Entdeckung der Kernspaltung den Nobelpreis für Chemie und seine langjährige Kollegin, die Physikerin Lise Meitner, ging leer aus, obwohl ihr Wissen und ihre Arbeit unabdingbar für die preisgekrönte Entdeckung waren), machen Frauen heute so viel, worauf sie stolz sein könnten, dass sie sich mit dem, was echt ist, doch nicht hinter einem schönen Foto verstecken müssten.

Zum Glück bin ich schon so alt – wer hätte gedacht, dass ich das mal sage, also ich nicht, aber manche Dinge muss ich nun nicht mehr tun. Zum Beispiel überlegen, ob ich das Schlaffenster meines Babys verpasst habe, oder das Wachfenster, wie lange ein „Nap“ sein darf, oder was „Witching Hour“, „Clusterfeeding“, „White Noise“, „Blackout Curtains“, „Sprung 4“, „Sprung 5“ oder „Kontakt-Naps“ sind und ob ich die Zeit finde, das alles dann auch in die dementsprechende App einzutragen, während mein Oura-Ring durchdreht, meine Putzhilfe abgesagt hat, das Au-Pair-Mädchen so viel Party macht, dass ich mit der jetzt auch noch ins Krankenhaus fahren und den nächsten Urlaub blöderweise auch noch selbst planen und buchen (und bezahlen) muss, weil sich keine weitere Kooperation mit dem Club in Marokko ergeben hat. Ich mache mir jetzt aber mal Gedanken, wie ich es hinbekomme, endlich wieder selbst durchzuschlafen, ob mein Mann sich auch gesund ernährt, wenn er nicht zu Hause ist, ob meine Tochter mit ihrem abgeschlossenen Studium erfolgreich sein und die andere einen Ausbildungsplatz bekommen wird.

Ich mache weder ein Foto von mir als superglücklicher, alter Mutter, noch eines, auf dem meine sorgenvolle, in Falten gelegte Stirn jedem Schönheitschirurgen ein Eldorado bieten würde. Was ich jetzt brauche, ist ein Kaffee, instant, nicht aus einer Maschine, die so viel kostet wie ein Kleinwagen. Was ich sagen will: Macht es euch doch nicht so schwer, Leute. Es ist wahrlich alles schon schwer genug, btw. Und das Leben ein Risiko, eine Zumutung. Ein Abenteuer – aber auch ein gutes.

*dieses Zitat wird Wilhelm Busch zugeschrieben, muss aber nicht von ihm stammen

Quelle: ntv.de

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