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Politik

Immer mehr Produktrückrufe bei Lebensmitteln

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 21, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 21.09.2026 • 06:45 Uhr

Immer mehr Lebensmittel werden vorsorglich aus dem Handel genommen, doch die Rückrufe erreichen nicht alle Verbraucher. Hinzu kommt: Es gibt nicht genug Kontrollen.

Von Martin Küstermann, SWR

Müsli, Käse, Tiefkühlbeeren oder Salami: Das sind nur einige Produkte, von denen in den vergangenen Monaten bestimmte Chargen aus dem Handel zurückgerufen wurden, da sie eine potenzielle Gefahr für Verbraucher sein können. Am häufigsten waren Belastungen mit Krankheitserregern wie Salmonellen, Noro- und Hepatitis-A-Viren oder E.-Coli-Bakterien.

Aber auch Fremdkörper gelangen in der Produktion immer wieder in Produkte. Vergangenes Jahr waren laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit 291 Lebensmittelprodukte von einem Rückruf betroffen, im Schnitt mehr als fünf in jeder Woche.

Rückrufe erreichen Verbraucher nicht immer

Doch wie erfahren Kundinnen und Kunden davon? Bei Produktrückrufen kann mangelnde Kommunikation zum Problem werden. Wie genau und auf welchen Wegen Unternehmen über einen Rückruf informieren, bleibe ihnen selbst überlassen, so Christiane Seidel vom Verbraucherzentrale-Bundesverband (vzbv): „Unternehmen sind lediglich angehalten, Verbraucher verständlich und transparent zu informieren. Wie das genau aussieht, das interpretiert jedes Unternehmen ganz unterschiedlich.“

Allerdings müssen die Unternehmen auch die zuständige Kontrollbehörde über einen Rückruf informieren. Die Behörden listen dann alle öffentlichen Rückrufe auf der Webseite lebensmittelwarnung.de. Das Angebot gibt es auch als App oder E-Mail-Newsletter. Damit werden Verbraucherinnen und Verbraucher sofort über einen Rückruf informiert.

Potenziell gefährliches Müsli im Verkaufsregal

Trotz Rückrufs können potenziell gefährliche Produkte in den Handel gelangen. So wird bei Recherchen des SWR in einem Supermarkt ein Müsli entdeckt, das gar nicht mehr im Verkauf sein dürfte, da in bestimmten Chargen Plastikteile gefunden wurden.

Zwar hängt im Verkaufsregal ein Hinweis auf einen Produktrückruf, allerdings sind dort nicht alle betroffenen Chargen angegeben. Auf Hinweis entfernen die Mitarbeitenden das Produkt sofort: Es sei ein Fehler beim Einräumen passiert.

„Stille Rückrufe“: Warnungen nicht immer öffentlich

Nicht immer werden Produktrückrufe sofort öffentlich. So geraten Anfang des Jahres zwei große Hersteller wegen einer Rückrufaktion in die Kritik. Nestlé und Danone riefen damals Babynahrung zurück. Mehrere Produkte könnten mit dem bakteriellen Gift Cereulid belastet sein. Die betroffenen Chargen wurden zwar europaweit vom Markt und aus dem Handel genommen, zunächst allerdings nur in einem sogenannten stillen Rückruf. Erst Wochen später wurde auch öffentlich zurückgerufen.

Chris Methmann, Geschäftsführer der Verbraucherorganisation foodwatch, kritisiert ein solches Vorgehen: „Ich prangere überhaupt nicht an, dass auch mal Sachen schiefgehen. Natürlich passieren Fehler. Was ich nicht akzeptieren kann, ist, dass die Öffentlichkeit darüber nicht informiert wird.“

Vor dem Rückruf steht die Kontrolle

Ob die Unternehmen ihren Verpflichtungen nachkommen, überprüfen in Deutschland die amtlichen Lebensmittelkontrolleure. Sie inspizieren die Produktionsbedingungen und nehmen Proben der Lebensmittel. Die Überprüfungen erfolgen risikobasiert: So werden beispielsweise Fleisch verarbeitende Betriebe häufig kontrolliert.

Zusätzlich wird überprüft, ob die Unternehmen ein tragfähiges Konzept für die betriebliche Eigenkontrolle haben und ob dieses korrekt angewendet wird. Denn da die amtlichen Kontrolleure aufgrund der enormen Anzahl an Betrieben nicht flächendeckend alle Firmen überprüfen können, liegt ein großer Teil der Lebensmittelüberwachung bei den Unternehmen selbst.

Lebensmittelskandal beschäftigt die Justiz

Doch selbst bei Betrieben mit hohem Risiko funktionieren die Kontrollen offenbar nicht immer. Anfang Juli 2026 startete vor dem Landgericht Kassel der Prozess um einen der größten Lebensmittel-Skandale der vergangenen Jahre. Laut Staatsanwaltschaft soll in der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren zwischen 2015 und 2019 unter katastrophalen hygienischen Bedingungen Wurst hergestellt worden sein.

Durch die mit Listerien belastete Ware seien 37 Menschen erkrankt und elf gestorben. Der Vorwurf: Bei Wilke habe man von der Keimbelastung gewusst, den Behörden die Ergebnisse der Eigenkontrollen aber über Jahre nicht gemeldet. Brisant: Das zuständige Veterinäramt sei damals personell nicht gut besetzt gewesen. Die Kontrollen bei Wilke habe man so nicht ausreichend wahrnehmen können.

Lebensmittelüberwachung am Limit?

Schon lange fordern Expertinnen und Experten eine bessere Ausstattung der Lebensmittelüberwachung. Die Organisation foodwatch hat kürzlich alle deutschen Stadt- und Landkreise dazu befragt, ob die Ämter es überhaupt schaffen, ihre Pflichtkontrollen wie vorgeschrieben zu erfüllen. Laut Geschäftsführer Methmann ist das Ergebnis desaströs: „Fast 30 Prozent der vorgeschriebenen Lebensmittelkontrollen fallen schlicht aus.“ Die Behörden schaffen also nur rund zwei Drittel der vorgeschriebenen Kontrollen.

Manuel Klein, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure, fühlt sich von den Zahlen von foodwatch bestätigt und fordert mehr Personal: Es brauche 1.500 Lebensmittelkontrolleure mehr in Deutschland. Vor allem der gestiegene bürokratische Aufwand mache seinen Kollegen zu schaffen. So blieben für den Außendienst, also die Kontrolle vor Ort, nur noch 30 bis 40 Prozent der Arbeitszeit übrig.

Immer mehr Rückrufe

Dennoch gebe es in Deutschland gute und sichere Lebensmittel, so der Kontrolleur. Klar aber ist: Verbraucherinnen und Verbraucher sollten genau hinsehen, denn in den vergangenen Jahren stieg die Anzahl der Rückrufe immer weiter an.

Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit bedeutet das aber nicht, dass Lebensmittel unsicherer geworden sind. So gebe es inzwischen bessere Analyse-Methoden und strengere Grenzwerte. Und auch die Unternehmen stünden Rückrufen heutzutage weniger ablehnend gegenüber.

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Dr. Heinrich Krämer
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