Halten Trump und Putin den Satan auf? Manche ihrer Anhänger glauben das. Ein alter Begriff aus der christlichen Theologie wird von ihnen politisch aufgeladen – und so landen sie mitten in Erzählungen vom nahenden „Untergang“.
Wenn man nach einem Begriff sucht, um die Widersprüche und ideologischen Volten der autoritären Rechten besser zu verstehen, stößt man irgendwann auf einen Begriff aus der christlichen Theologie: Katechon. Das altgriechische Wort taucht seit einigen Jahren immer wieder in rechten Debatten auf – als rätselhafte Deutungsfigur rechts-esoterischer Visionen von Geschichte, Politik und Ordnung.
Katechon stammt aus der Bibel, genauer: dem Zweiten Brief an die Thessalonicher im Neuen Testament, der vermutlich vom Apostel Paulus verfasst wurde oder von einem seiner Schüler. Die frühen Christen lebten in der Erwartung der baldigen Wiederkehr Christi und des nahen Weltendes. Diese Erwartung erfüllte sich jedoch nicht sofort – ein Umstand, den die Theologie später als „Parusieverzögerung“ bezeichnete. Der Katechon bezeichnet in dieser Deutung eine geheimnisvolle Kraft, die den Antichristen aufhält und damit die Apokalypse verhindert.
Katechon-Figur lässt sich flexibel besetzen
Wie passt dieser Begriff nun in rechtsnationalistisches Gedankengut? „Es geht um eine bildungshubernde Aufwertung des eigenen Vokabulars“, sagt der Historiker und Publizist Volker Weiß. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Katechon: Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“ zeichnet er die Geschichte und politische Karriere des Begriffs nach. In der Politik der Rechten lasse sich eine Wiederkehr der Religion beobachten, sagt Weiß.
Wer oder was dieser Katechon ist, bleibt im biblischen Text offen. Gerade diese Unbestimmtheit macht den Begriff bis heute anschlussfähig. „Der Vorteil der Katechon-Figur ist letztlich, dass sie unbestimmt bleibt“, sagt Weiß. Anders als beim Messias sei nicht festgelegt, wer diese Rolle ausfüllt. Dadurch lasse sich die Figur flexibel politisch besetzen.
Das Böse fest im Blick? Für manche fundamentalistische Christen in den USA ist Donald Trump jedenfalls der Katechon.
Hauptauftrag: Das Böse aufhalten
Schon früh versuchten Theologen diese Leerstelle zu füllen. Der Kirchenvater Tertullian sah um das Jahr 200 herum etwa das Römische Reich als Katechon – nicht wegen seiner moralischen Qualität, sondern weil es eine bestehende Ordnung garantierte. Der Katechon muss demnach nicht gut sein; entscheidend ist allein, dass er etwas vermeintlich Schlimmeres aufhält.
Der Begriff wurde später immer wieder unterschiedlich angewendet: mal auf die Kirche, mal auf den Staat, mal auf die imperiale Ordnung. Im 20. Jahrhundert griff Carl Schmitt – der wohl führende Staatsrechtler der Nationalsozialisten – den Begriff auf und machte ihn zu einem zentralen Element seiner politischen Theologie. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sah Schmitt im Katechon eine Kraft, die den Zerfall der politischen Ordnung aufhält. Besonders der Liberalismus der Amerikaner erschien ihm dabei als Bedrohung. Der Katechon wurde bei Schmitt so zum Symbol des Widerstands gegen einen progressiven politischen und gesellschaftlichen Wandel.
Hält Trump den Satan auf? Oder doch Putin?
Es überrascht daher kaum, dass der Begriff des Katechon gerade jetzt wieder Konjunktur hat. Kriege, Krisen, taumelnde Demokratien und autokratische Führungsfiguren begünstigen das Bedürfnis nach einfachen Deutungen. Genau das liefert der Katechon: das Narrativ eines apokalyptischen Kampfes zwischen dem Antichristen und einem mächtigen Aufhalter, der sich ihm entgegenstellt und den Untergang abwendet.
Wladimir Putin als letzte Instanz vor dem „nahenden Untergang“?
So eine Denkfigur ist besonders anschlussfähig für rechtspopulistische und rechtsextreme Ideologien. Sie besetzen die Figur des Aufhalters nämlich konkret: Der russische Ultranationalist und Ideologe Alexander Dugin stilisiert Wladimir Putin zum katechontischen Potentaten – zum Ein-Mann-Bollwerk gegen eine postmoderne, dekadente liberale Weltordnung.
In den USA wiederum sehen fundamentalistische Christen und Teile der MAGA-Bewegung in US-Präsident Donald Trump den Katechon. Auch der AfD-Politiker Maximilian Krah griff den Begriff auf und fragte im Februar 2025 auf X: „Ist Trump der Katechon?“ Nachdem Trump mit seiner disruptiven Politik Stück für Stück die Fundamente US-amerikanischer Politik zerstörte, war Krah sich dessen dann sicher.
Für Volker Weiß zeigt sich darin die Beliebigkeit der Figur. „Was des einen Katechon, ist des anderen Satan“, sagt er. Nahezu jede politische Figur könne so bezeichnet werden, solange sie gegen das jeweils definierte Feindbild kämpft. Entscheidend ist nicht die Person, sondern die zugeschriebene Funktion.
Technische Innovation als Katechon
Noch weiter von seinem theologischen Ursprung entfernt sich der Begriff bei Tech-Milliardär Peter Thiel. In dessen Lesart verkörpert nicht mehr ein Staat oder Herrscher den Katechon, sondern technologische Innovation. Jene Technologie, mit der Tech-Oligarch Thiel seine eigene ökonomische Expansion vorantreibt.
Fortschritt wird zu einer Art letzten Verteidigungslinie gegen den drohenden Niedergang. Bei Thiel dient der Katechon der Legitimation eines radikalen Libertarismus, der staatliche Regulierung und Kontrollinstanzen als Hindernisse begreift und allein technischen Fortschritt als Heilsversprechen deutet.
Der Katechon ist damit längst kein theologisches Rätsel mehr. In den Visionen der Neuen Rechten ist er zu einem elastischen politischen Kampfbegriff geworden – und zum Bestandteil einer Erzählung, die autoritäre Herrschaft oder radikalen Libertarismus als einzig denkbare Antwort auf eine liberale Weltordnung erscheinen lässt.
