Am 28. Jänner 2026 hält der US-Senator Dick Durbin eine Rede im Senat in Washington. Neben ihm steht auf einer Staffelei ein großes Foto. Es soll zeigen, wie der Krankenpfleger Alex Pretti in Minneapolis von Bundesbeamten erschossen wird. Das Bild ist aber kein gewöhnliches Foto, sondern ein Standbild aus einem echten Video, das mit künstlicher Intelligenz (KI) nachbearbeitet wurde. Einem der Beamten darauf fehlt der Kopf.
Die tödlichen Schüsse sind echt. Das bearbeitete Bild zeigt sie trotzdem nicht so, wie sie waren. Warum das so ist, geht weit über diesen einen Fall hinaus. Es betrifft alle, die schon einmal ein unscharfes Handybild „verbessern“ lassen wollten.
Was ist im Senat passiert?
Alex Pretti war 37 Jahre alt und arbeitete als Pfleger auf einer Intensivstation. Am 24. Jänner 2026 wurde er in Minneapolis bei einem Einsatz von Bundesbeamten erschossen. Von dem Vorfall gibt es mehrere Handyvideos, viele davon dunkel, verwackelt und unscharf. Behörden haben widersprüchliche Angaben dazu gemacht, was in den Sekunden davor passiert ist. Umso genauer wollten viele Menschen hinschauen.
Eines der Videobilder wurde mit KI „geschärft“ und verbreitete sich auf Facebook, Instagram, X und Threads. Wir haben bereits am 27. Jänner darüber berichtet. Einen Tag später zeigte Durbin genau dieses Bild im Senat. Sein Büro teilte danach dem US-Sender NBC News mit, das Foto sei im Netz weit verbreitet gewesen. Die Mitarbeiter hätten erst im Nachhinein bemerkt, dass es „leicht bearbeitet“ war, und bedauerten den Fehler.
Kann KI ein unscharfes Bild wirklich scharf machen?
Aus Krimiserien kennt man die Szene: Ein Ermittler sagt „Vergrößern!“, und plötzlich ist das Nummernschild lesbar. Im echten Leben geht das nicht. Ein unscharfes Bild enthält nur wenige Bildpunkte. Was dabei verloren gegangen ist, ist weg – so wie ein Satz, den man nicht gehört hat.
Eine KI holt diese Details auch nicht zurück. Sie rät. Sie hat vorher sehr viele andere Bilder gesehen und malt nun das, was zu den Flecken am ehesten passen könnte. Das Ergebnis sieht aus wie ein echtes Foto. Aber jedes neue Detail darin ist eine Vermutung der Maschine, keine Aufnahme der Kamera. Ben Colman von der Firma Reality Defender, die gefälschte Bilder erkennt, nannte solche Bilder gegenüber NBC News bestenfalls grobe Annäherungen und schlimmstenfalls komplette Erfindungen.
Was beim „Schärfen“ mit KI passiert
Vier Schritte vom verwackelten Video zum falschen Beweis.
Das Standbild
Ein Gesicht oder eine Hand besteht nur aus ein paar verschwommenen Bildpunkten.
Die KI rät
Sie sucht, was zu diesen Flecken passen könnte – anhand vieler anderer Bilder.
Die KI malt
Sie füllt die Lücken mit Details: Falten, Finger, Gesichter, Gegenstände.
Das Ergebnis
Ein Bild, das scharf und echt wirkt – dessen Details aber niemand gesehen hat.
Schärfer heißt nicht genauer.
Mimikama, am Beispiel des KI-bearbeiteten Bildes aus Minneapolis. Stand: September 2026
Woran hat sich das Bild verraten?
Die Faktencheck-Redaktionen Lead Stories und Full Fact haben das Bild mit einer unbearbeiteten Version des Videos verglichen. Die Nachrichtenagentur AFP ließ es von Fachleuten prüfen, darunter dem Bildforensiker Hany Farid von der Universität Berkeley. Das Ergebnis ist eindeutig: Das Bild beruht auf einem echten Videobild, wurde aber mit KI verändert. Dabei sind Fehler entstanden, die im Original nicht vorkommen.
Was die KI dazuerfunden hat
Das KI-Bild aus dem Senat im Vergleich mit dem Videobild, aus dem es entstanden ist.
Im KI-Bild
Ein kniender Beamter hat keinen Kopf und keine sichtbaren Hände.
Ein Bein geht in eine Waffe am Boden über.
Ein Stiefel sieht aus wie ein Eisbrocken.
An einer Hand ist deutlich ein Ehering zu sehen.
Im Originalvideo
An diesen Stellen ist das Bild dunkel und verschwommen.
Einzelheiten wie Hände, Schuhe oder Gegenstände sind nicht klar zu erkennen.
Die Hand mit dem Ring ist im Original nicht zu erkennen.
Die scharfen Details stammen also nicht aus der Aufnahme.
Solche Fehler sind nicht nur peinlich. Manche lasen aus dem geschärften Bild heraus, Pretti habe eine Waffe in der Hand gehalten. Die geprüften Videos zeigen das nicht, wie auch Lead Stories nach dem Vergleich mit den Originalaufnahmen festhält. Was die Videos vom Ablauf zeigen, haben wir hier ausführlich eingeordnet. Das KI-Bild wurde also von verschiedenen Seiten gelesen – und keine davon konnte sich darauf verlassen. Wer das Bild ursprünglich erstellt hat, ist nicht bekannt.
Warum hat der Warnhinweis nicht gereicht?
Auf X können Nutzer unter Beiträgen Hinweise ergänzen, sogenannte Community Notes. Das Bild bekam dort einen solchen Hinweis: KI-bearbeitet. Laut NBC News wurde es auf X trotzdem mehr als neun Millionen Mal angesehen. Ein KI-bearbeitetes Video zum selben Fall erreichte auf Facebook sogar mehr als 44 Millionen Aufrufe, obwohl auch dort ein Hinweis stand.
Das Problem ist einfach: Der Hinweis hängt am Beitrag, nicht am Bild. Wer das Bild speichert, weiterschickt oder ausdruckt, nimmt den Hinweis nicht mit. Im Senat stand am Ende ein großes Bild auf einer Staffelei – ohne jeden Hinweis darauf, was damit passiert war.
Und plötzlich gilt auch Echtes als Fake
Der Fall hat noch eine zweite Seite. Weil so viele bearbeitete Bilder im Umlauf waren, erklärten manche Nutzer auch echte Aufnahmen für KI. NBC News hat drei Videos geprüft, die Pretti etwas mehr als eine Woche vor seinem Tod bei einem Streit mit Einwanderungsbeamten zeigen. Eines davon hatten Reporter der Plattform The News Movement gefilmt. Trotzdem hieß es in sozialen Netzwerken, es sei KI-erzeugt. Auch Grok, der Chatbot von X, antwortete auf Nachfragen mehrmals, das echte Video wirke KI-generiert oder verändert. Es ist nicht das erste Mal, dass Grok bei Nachrichtenvideos danebenliegt – nach dem Anschlag am Bondi Beach war es ähnlich.
Fachleute haben dafür einen Namen: die „Dividende des Lügners“. Gemeint ist, dass Täuscher davon profitieren, dass Fälschungen möglich sind. Wenn alles ein Fake sein könnte, reicht es oft, „Das ist doch KI“ zu sagen – und schon zweifeln viele auch am Echten. Ein einzelnes gefälschtes Bild schadet einer Geschichte. Das ständige Misstrauen schadet der Frage, ob man überhaupt noch etwas belegen kann.
Wie prüft man solche Bilder dann?
Auf das Aussehen allein kann man sich nicht mehr verlassen. KI-Bilder werden besser, und nicht jedes hat einen fehlenden Kopf. Auch Chatbots sind kein Prüfgerät, wie der Fall zeigt. Wichtiger ist die Frage nach der Herkunft: Wer hat das aufgenommen? Wo ist es zuerst erschienen? Gibt es eine zweite Aufnahme aus einem anderen Blickwinkel? So arbeiten auch Faktenchecker: Lead Stories suchte für den Vergleich eine Videokopie, die offenbar nicht nachbearbeitet war. Dasselbe Problem mit „geschärften“ Gesichtern hatten wir schon bei KI-Versionen von Fotos aus den Epstein-Unterlagen. Mehr Hilfen zum Prüfen gibt es in unserem Überblick KI-Bilder erkennen.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen, bevor man einem „scharfen“ Bild glaubt
Woher kommt das Bild?
Wer hat es aufgenommen, und wo ist es zuerst aufgetaucht? Ohne Herkunft ist es kein Beleg.
Gibt es das Original?
Ein unscharfes Original ist verlässlicher als eine scharfe Version, von der niemand weiß, wie sie entstanden ist.
Passt jedes Detail?
Köpfe, Hände, Schuhe, Schrift. Fehler sind ein Warnzeichen – ein fehlerloses Bild ist aber noch kein Beweis für Echtheit.
