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Kiel verbannt die Tech-Giganten: „Was wir gerade machen, ist einzigartig“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 7, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Kiel verbannt die Tech-Giganten„Was wir gerade machen, ist einzigartig“

07.06.2026, 16:21 Uhr Von Frauke Niemeyer
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„Als Land müssen wir Herr über unsere Datenhaltung sein.“ (Foto: picture alliance / SULUPRESS.DE)

Schleswig-Holstein wagt den großen Schritt: 60.000 Rechner, die gesamte Landesverwaltung, wird von Microsoft und anderen Konzern-Produkten auf Open-Source-Systeme umgestellt. Der Staat muss unabhängig sein, sagt Staatskanzleichef Dirk Schrödter und erklärt ntv.de, wie solch ein Mega-Projekt zu stemmen ist.  

ntv.de: Bevor Sie den Schritt gegangen sind, als Bundesland digital souverän zu werden, was haben Sie denn da so benutzt auf den Rechnern der Landesverwaltung?

Dirk Schrödter: Wir setzten, wie wahrscheinlich fast jede Verwaltung der Welt, bisher Microsoft-Lösungen ein. Office, Word, Excel, Powerpoint und Windows als Betriebssystem.

Und warum war das für Schleswig-Holstein ein Problem?

Wie souverän ein Staat ist, das bildet sich heute nicht mehr nur an militärischer Stärke ab oder der Durchsetzungskraft von Recht und Ordnung im Inneren. Kritisch für die Souveränität des Staates sind auch digitale Infrastrukturen. Da haben wir proprietäre Lösungen benutzt, das sind Programme, deren Quellcode nicht bekannt ist. Das Design, der Aufbau des Programms ist nicht allgemein zugänglich. Man kauft eine solche Lösung, sie wird installiert, man zahlt Lizenzgebühren, aber der Anbieter gewährt keinen Einblick in die Lösung selbst. Er behält die Rechte – Kontrollrechte, Eigentumsrechte. Es gibt keine Möglichkeit, das Programm zum Beispiel selbst zu gestalten und den Betriebsprozess zu beeinflussen.

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Dirk Schrödter leitet die Staatskanzlei von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther in Kiel.

Das fanden Sie nicht mehr hinnehmbar?

Mit Blick auf Cloud-Technologien bedeutet das: Wir wissen im Zweifelsfall nicht einmal mehr, wie unsere staatlichen Daten dort geschützt sind. Darum haben wir gesagt: Wir müssen die Betriebsprozesse unserer IT-Systeme beeinflussen können. Als Land müssen wir Herr über unsere Datenhaltung sein. Wir setzen öffentliche Mittel ein, da müssen wir die Lösungen auch nach unseren Bedürfnissen gestalten können. Wenn wir staatliche Souveränität sicherstellen wollen, müssen wir digitale Souveränität sicherstellen. Auch zum Beispiel mit Blick auf den US Cloud Act. 

Der gestattet der US-Regierung Zugriff auf Cloud-Daten von US-Techfirmen.

Das Gesetz verpflichtet US-Anbieter dazu, Daten an die US-Regierung herauszugeben, wenn diese das anfragt. Unabhängig davon, ob diese Daten in den USA oder etwa in Europa gespeichert sind. Das ist für einen souveränen Staat ein Problem. Ich möchte nicht, dass Steuerdaten, Justizdaten, Ermittlungsdaten auf Servern und in Clouds liegen, bei denen ich nicht zu 100 Prozent sicherstellen kann, dass keine unerwünschten Datenabflüsse stattfinden.

Wie lösen Sie dieses Problem und werden souverän?

Schrittweise ersetzen wir die Lösungen an unseren Arbeitsplätzen, für die wir bisher Lizenzgebühren zahlen, durch Open-Source-Lösungen – ganz konkret etwa Microsoft Office durch Libre Office. Die Nutzung des offenen Formats erlaubt es, dass Dokumente beliebig auch durch andere Büroanwendungen gelesen werden können. Beim Betriebssystem tauschen wir gerade Windows aus gegen Linux. Wir haben im letzten Jahr eine große Migration von Lösungen gehabt, bei der wir Microsoft Exchange und Outlook abgelöst haben durch Open-Xchange und Thunderbird. Dafür haben wir fast 44.000 Postfächer mit 110 Millionen Kalendereinträgen und Emails von einer Plattform auf die andere gebracht. Das komplette Arbeitsgedächtnis unserer Verwaltung ist umgezogen. Die neue Plattform betreiben wir selbst.

Klingt immens aufwändig.

Was wir gerade machen und schon gemacht haben, ist ziemlich einzigartig – wahrscheinlich eines der weltweit größten IT-Projekte einer Verwaltung überhaupt. Die Dimension: Wir sind ja so etwas wie ein Mischkonzern: Wir bieten Innere Sicherheit mit Polizei und Justiz, Finanzwesen mit der Steuer, Bildung an Schulen und Hochschulen, Verwaltung von Fischerei bis zur Genehmigung von Windkraftanlagen. Wir haben 37 Ausbildungsberufe und 60.000 Beschäftigte. Da ist auch die IT ziemlich vielfältig. Das fordert heraus.

Und alle 60.000 Rechner sind jetzt auf Open-Xchange umgestellt – auch der in der Vogelwarte auf Helgoland?

Wir haben für rund 30.000 Beschäftigte 44.000 Postfächer umgestellt, unsere 30.000 Lehrerinnen und Lehrer hatten schon von Beginn an Open-Xchange. Der Umstieg brauchte viel, viel Vorbereitung, sowohl technisch als auch innerhalb der Organisation. Allein für die Einführung von Open-Xchange haben wir zusammen mit den Profis 18 Schulungs-Videos produziert, jeweils von drei bis fünf Minuten Länge. Die wären jetzt wahrscheinlich universell in der Republik einsetzbar. Unsere IT-Dienstleister haben in rasantem Tempo gelernt. Wenn etwas nicht klappte, haben die wirklich Nächte durchgearbeitet, um eine Lösung zu finden. 

Mein Handy zeigt mir regelmäßig die Nachricht, es gebe jetzt das nächste Betriebssystem, 21b oder so, und das lädt es mir heute Nacht runter. Das passiert bei Ihren 60.000 Rechnern nicht, oder?

Wir arbeiten mit den Herstellern der Anwendungen und unserem Dienstleister sehr eng zusammen, gestalten die Lösungen gemeinsam. Ein riesiger Vorteil für uns. Gibt es eine Weiterentwicklung, die wir selbst beauftragt haben, ein neues Feature, dann wird das auch eingespielt. Das ist in den letzten Wochen immer mal wieder passiert, beispielsweise in unserem E-Mail-System. In Open-Xchange sind wir mit dem Hersteller dabei, KI-Funktionen zu implementieren, die den Mitarbeitenden ihre Arbeit erleichtern – automatisches Sortieren, Vorformulieren, Übersetzen. Alles, was man aus anderen privaten Zusammenhängen auch kennt. Und: Bei uns sind die Update-Prozesse auch zentralisiert, die Kolleginnen und Kollegen erhalten das Update beim Hochfahren ihres Computers auch automatisch – wie gewohnt. 

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Auf der diesjährigen re:publica, der Messe für die digitale Gesellschaft, war digitale Souveränität eines der großen Themen. (Foto: Jan Zappner / re:publica)

Also heißt Open Source nicht, dass die Anbieter damit kein Geld verdienen? Sie gewähren ihren Kunden aber Einblick in den Maschinenraum ihrer Systeme?

Der Quellcode liegt offen, ist transparent, genau. Das ist einfach nur ein anderes Geschäftsmodell. Die Anbieter verdienen nicht an Lizenzgebühren, sondern durch Weiterentwicklungsaufträge, durch Support. Wir können aber in einem Wettbewerbsverfahren das Unternehmen auswählen, mit dem wir die Weiterentwicklung und den Support machen. Das schafft Unabhängigkeit von monopolistischer Preissetzung durch Wettbewerb und wir haben die Kontrolle.

Ich hatte immer das Vorurteil, Open-Source-Produkte würden irgendwelche IT-Nerds nachts am Küchentisch zusammenfrickeln. Keine Firmen, keine professionelle Betreuung und Weiterentwicklung. 

Würde ich als Chef der Staatskanzlei und Verantwortlicher eine Lösung, die irgendein Studierender, die alle sicher gute Lösungen entwickeln können, hochgeladen hat, in unseren Systemen implementieren? Das wäre ja ziemlich naiv, das ist mitnichten der Fall. Wir arbeiten ausschließlich mit hochprofessionellen Unternehmen zusammen und setzen millionenfach erprobte Open-Source-Lösungen ein. Deren Geschäftsmodell ermöglicht uns zugleich die Kontrolle und die Reduzierung von Abhängigkeiten.

Wie gehen Sie ins Internet?

Mit Mozilla Firefox. Beim Browser ist das sehr einfach. Aber es existiert beispielsweise eine enge Verdrahtung von SAP zu Microsoft Excel. Das ist ein Problem, wenn man auf Microsoft Office verzichten möchte. Wir müssen Fachanwendungen wie SAP so umstellen, dass sie gut mit einem Open-Document-Format kommunizieren können. Über eine offene Schnittstelle mit einem offenen Standard, der durch möglichst viele lesbar ist. Viele Fachverfahrenshersteller machen sich auf den Weg. Leider ist SAP da sehr zurückhaltend, um es vorsichtig auszudrücken. Aber auch dieses Produkt hat eine endliche Laufzeit und kann durch gute Alternativen ersetzt werden.

Digital souverän sein – das wollen viele, und das schafft Nachfrage, die auch die US-Techkonzerne als Markt erkennen. Sie bieten neue Produkte an und sagen: „Das könnt ihr auf eurer lokalen Cloud betreiben, da seid ihr souverän, alles tiptop.“

Wir sehen von unterschiedlichsten Anbietern – ob in Europa oder außerhalb – ein massives Souveränitäts-Washing, da wird etwa auf das Produkt geklebt: “Lösung wird in Europa betrieben”. Das ist nicht das, was wir unter Souveränität verstehen. Es macht keinen Sinn, Abhängigkeit von US-Firmen durch Abhängigkeit von EU-Firmen zu ersetzen. Souverän wird man ausschließlich durch eine vielfältige Anbieterlandschaft für IT, durch die Fähigkeit, von einer Firma zur anderen zu wechseln, durch Wettbewerb und durch Kontrolle. Für digitale Souveränität brauchen wir die Kontrolle, die Zugriffs- und Eigentumsrechte beim Nutzer – in unserem Fall beim Land Schleswig-Holstein. Echte digitale Souveränität ist daher nur mit dem Einsatz von Open Source erreichbar.

Mit Dirk Schrödter sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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