Aktuell kursiert eine Collage, die zwei Vorgänge nebeneinanderstellt: Corona-Impf-Slogans von Unternehmen aus dem Jahr 2021 und eine aktuelle Campact-Liste zu Werbung auf YouTube-Kanälen. Dazu wird behauptet, zahlreiche Konzerne seien erst bei Corona und nun im „Kampf gegen Rechts“ gehorsam einer politischen Linie gefolgt.
Das stimmt so nicht. Belegt sind eine freiwillige Impfkampagne, eine Campact-Recherche und unterschiedliche Reaktionen von Unternehmen auf automatisierte YouTube-Werbung. Nicht belegt ist, dass Firmen staatlich angewiesen wurden oder Zensur betrieben.
Die obere Hälfte der Collage bezieht sich auf #ZusammenGegenCorona. Anfang Dezember 2021 riefen mehr als 150 große Unternehmen und Marken öffentlich zum Impfen auf. Dafür wurden bekannte Werbeslogans umformuliert. In der Collage sind unter anderem Marken und Unternehmen wie Adidas, Amazon, Coca-Cola, Deutsche Bahn, Douglas, eBay Kleinanzeigen, Edeka, Hornbach, Netto, O2, Persil, Porsche, Spotify, TUI, Visa und Vodafone zu sehen.
Die untere Hälfte ist anders einzuordnen. Sie zeigt keine gemeinsame Firmenkampagne. Dort stehen Unternehmen, die Campact am 24. August 2026 in einer Pressemitteilung zu Werbung auf YouTube-Kanälen nannte: Aldi Süd, Axa, Bergfreunde, Berliner Wasserbetriebe, Bifi, Booking, Constantin Film, DEVK, dm, Edeka, Euronics, Flixtrain, Immowelt, Immoscout, Indeed, Kleinanzeigen, Klosterfrau, Krombacher, Lenor, LG Electronics, Milram, Miniatur Wunderland, Procter & Gamble, Rewe, Samsung, Sparkasse, Sumup, Wolt und XXXLutz.
Campact veröffentlichte nach den vorliegenden Informationen keine solche Logo-Grafik. Die grafische Zusammenstellung und politische Rahmung stammen aus dem verbreiteten Beitrag. Die Auswahl der unteren Logos scheint jedoch aus der Campact-Namensliste abgeleitet zu sein.
Campact nannte nicht bei allen dieselbe Reaktion
Campact schrieb, Werbung namhafter Unternehmen sei automatisiert auf rund 60 ausgewählten YouTube-Kanälen erschienen. Laut Campact wurden rund 15.000 Menschen beteiligt und knapp 40.000 Werbeanzeigen gemeldet.
Wichtig ist: Campact unterscheidet zwei Gruppen. Einige Unternehmen hätten angekündigt, ihre Sperrlisten anzupassen: Aldi Süd, Kleinanzeigen, Indeed, XXXLutz, DEVK, Constantin Film, Wolt, Bergfreunde, Immowelt, Euronics, Axa, Berliner Wasserbetriebe, Milram, dm, Immoscout, Edeka, Flixtrain, Bifi, Klosterfrau und Procter & Gamble.
Weitere Unternehmen hätten laut Campact nur zurückgemeldet, sie wollten einen solchen Schritt prüfen: Miniatur Wunderland, LG Electronics, Krombacher, Sparkasse, Sumup, Lenor, Rewe, Booking und Samsung.
Der verbreitete Beitrag macht daraus pauschal, diese Konzerne hätten sich bereits einer „linken Kampagne“ gebeugt. Das gibt die Campact-Mitteilung so nicht her.
„Linke Sperrliste“ ist eine Wertung
Im Begleittext zur Collage wird Campact als „linke NGO“ bezeichnet. Die von Campact geforderten Werbeausschlüsse werden als „linke Sperrliste“ dargestellt. Das ist keine neutrale Beschreibung, sondern eine politische Wertung.
Die Campact-Pressemitteilung selbst spricht von einer Recherche zu automatisiert ausgespielter Werbung auf rund 60 ausgewählten YouTube-Kanälen. Als Auswahlkriterien nennt Campact Kanäle, die systematisch gegen Minderheiten hetzen, der rechtsextremen AfD nahestehen oder durchweg Falschinformationen verbreiten.
Ob man Campacts Vorgehen politisch kritisiert, ist eine Meinungsfrage. Für den Faktencheck entscheidend ist aber: Die Bezeichnung „linke Sperrliste“ belegt nicht, dass Unternehmen staatlich gesteuert wurden oder Zensur vorliegt. Sie verschiebt den Fokus von der überprüfbaren Werberecherche auf einen politischen Lagerkonflikt.
Auch die Behauptung, es gebe „keine nachvollziehbaren Kriterien“, greift zu kurz. Campact nennt Kriterien in der Pressemitteilung. Was aus der Mitteilung allein nicht vollständig hervorgeht, ist die komplette Kanalliste und die Einzelfallbegründung für jeden ausgewählten Kanal.
Automatische Werbung ist kein bewusster Zuspruch
Ein zentraler Punkt fehlt in der Collage: Online-Werbung wird häufig automatisiert ausgespielt. Unternehmen buchen oft keine einzelnen YouTube-Kanäle direkt, sondern Zielgruppen, Reichweiten oder Werbenetzwerke. Dadurch kann Werbung in Umfeldern erscheinen, die ein Unternehmen nicht bewusst ausgewählt hat.
Campact schreibt selbst, Unternehmen wüssten wegen dieser automatisierten Ausspielung oft nicht, dass ihre Werbung vor bestimmten Inhalten läuft. Eine Anzeige vor einem Video bedeutet also nicht automatisch, dass eine Firma diesen Kanal politisch unterstützt.
Wenn Unternehmen danach Sperrlisten anpassen oder prüfen, entscheiden sie zunächst über ihr Werbeumfeld. Das nennt die Werbebranche Brand Safety: Marken wollen vermeiden, dass Anzeigen in einem Umfeld erscheinen, das ihrem Ruf schaden kann.

Druck ja, Zensur nein
Campact hat Unternehmen informiert und zum Handeln aufgefordert. Das ist zivilgesellschaftlicher Druck. Daraus folgt aber kein staatlicher Zwang.
Die vorliegenden Quellen zeigen keine Behördenanordnung, keine gesetzliche Pflicht und keinen staatlichen Befehl an Unternehmen, bestimmte YouTube-Kanäle von Werbung auszuschließen. Private Unternehmen sind auch nicht verpflichtet, ihr Werbebudget auf bestimmten Kanälen einzusetzen.
Man kann solche Entscheidungen politisch kritisieren. Zensur ist das aber nicht automatisch.
Kommentare zeigen die Wirkung
Die Reaktionen auf Facebook und X zeigen, wie die Collage verstanden wird. Aus der Unternehmensliste wird in vielen Kommentaren eine Boykottliste. Nutzer kündigen an, bestimmte Firmen, Apps, Versicherungen oder Geschäfte nicht mehr zu nutzen.
Auffällig ist außerdem, dass die eigentliche Sachfrage häufig verschwindet. Statt zu prüfen, ob Werbung automatisiert ausgespielt wurde oder ob Unternehmen nur eine Prüfung ankündigten, wird die Collage als Beleg für politische Steuerung gelesen. In den vorliegenden Kommentaren finden sich Vergleiche mit 1933, Diktaturbehauptungen und unbelegte Vorwürfe über Steuergeld oder Druck.
Diese Reaktionen beweisen nicht, dass die Behauptung stimmt. Sie zeigen aber, warum die Darstellung problematisch ist: Eine differenzierte Liste mit unterschiedlichen Unternehmensreaktionen wird als Feind- und Boykottliste gelesen.
Echte Vorgänge, falsche Schlussfolgerung
Die Collage wirkt glaubwürdig, weil sie echte Elemente nutzt. #ZusammenGegenCorona gab es. Die Campact-Recherche gibt es ebenfalls. Auch Unternehmensreaktionen auf Hinweise zu YouTube-Werbung sind belegt.
Irreführend wird die Darstellung durch die Gleichsetzung. Eine bewusste Impfkampagne im Jahr 2021 ist nicht dasselbe wie die Anpassung oder Prüfung von Werbe-Sperrlisten im Jahr 2026.
Bewertung: Irreführend. Die Collage nutzt echte Logos und reale Vorgänge, verbindet sie aber zu einem unbelegten Vorwurf von politischem Gehorsam und Zensur. Belegt sind freiwillige Kampagnenkommunikation, zivilgesellschaftlicher Druck und private Werbeentscheidungen. Nicht belegt ist staatlicher Zwang.
FAQ zur Collage über Konzerne und Campact
Was ist auf der Collage zu sehen?
Die Collage zeigt zwei Logo-Gruppen. Oben stehen Marken, die 2021 bei #ZusammenGegenCorona mitmachten. Unten stehen Unternehmen, die Campact 2026 in einer Pressemitteilung zu YouTube-Werbung nannte.
Ist die untere Logo-Liste eine Kampagne gegen Rechts?
Nein. Dort geht es nicht um eine gemeinsame Firmenkampagne, sondern um Reaktionen auf eine Campact-Recherche zu automatisierter YouTube-Werbung.
Haben alle Firmen ihre Werbung gestoppt?
Nein. Campact unterscheidet zwischen Unternehmen, die Sperrlisten anpassen wollen, und Unternehmen, die eine Prüfung angekündigt haben.
Belegt die Collage staatliche Zensur?
Nein. Belegt sind eine freiwillige Impfkampagne, zivilgesellschaftlicher Druck und private Werbeentscheidungen. Ein staatlicher Befehl ist nicht belegt.
Warum ist die Collage irreführend?
Sie stellt zwei unterschiedliche Vorgänge optisch gleich dar. Dadurch entsteht der Eindruck einer wiederholten politischen Unterwerfung von Unternehmen. Für diese Schlussfolgerung fehlt der Beleg.
Mercury Media Technology
10. September 2021
Perma.cc
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