Linke verabschiedet Jan van Aken„Zum Glück hat er sich nicht nackt vom Brandenburger Tor hängen lassen“

Die Linke verabschiedet ihren Parteichef Jan van Aken mit stehenden Ovationen. Der sieht seine Partei auf dem Weg zur „sozialistischen Volkspartei“ und ruft 20 Prozent als Ziel aus – das wäre eine Verdoppelung der aktuellen Umfragewerte.
Der Abschied von Parteivorsitzenden ist auf Parteitagen immer ein Moment von Rührung und Anekdoten, da macht die Linke keine Ausnahme. Ihr Co-Chef Jan van Aken sei montags immer zu ihr ins Büro gekommen und habe „eine geile Idee“ präsentiert, sagte die Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner in einer Würdigung.
Nicht alle dieser Ideen seien umgesetzt worden. „Er hat sich zum Glück nicht nackt vom Brandenburger Tor hängen lassen, auch das war eine Option, als wir ganz am Boden waren.“
Die Linke zelebrierte den Abschied mit dem Song „Geile Zeit“, die Delegierten hielten Schilder hoch, auf denen „Danke“ stand. Als Abschiedsgeschenk überreichte Schwerdtner ihm eine Gartenschürze mit der Aufschrift „Tax the Rich“, besteuert die Reichen. „Jan hat praktisch im Alleingang die Vermögenssteuer wieder cool gemacht in Deutschland“, behauptete Schwerdtner.
„Ich dachte, ich muss dich killen“
Als van Aken trotz damals noch mieser Umfragewerte vor der Bundestagswahl öffentlich ein Ergebnis von sieben Prozent vorhersagte, habe sie gedacht: „Ich muss dich killen.“
Am Nachmittag kandidiert Schwerdtner, die zwei Jahre lang als Doppelspitze mit van Aken amtierte, erneut als Parteivorsitzende. Van Aken scheidet aus gesundheitlichen Gründen aus dem Amt. Sein Bundestagsmandat behält er, ansonsten will er mehr Zeit in seinem Kleingarten verbringen. Nach außen hatte van Aken häufig recht hart ausgeteilt, vor allem gegen die CDU und Bundeskanzler Friedrich Merz. Nach innen setzten er und Schwerdtner auf „revolutionäre Freundlichkeit“. Die parteiinternen Streitereien sind damit zwar längst nicht beendet, konnten im Vergleich zu früher aber eingehegt werden.
Man müsse sich keine Sorgen um ihn machen, sagte van Aken in seiner Abschiedsrede, aber seine Gesundheit spiele nicht mehr so mit. Er höre auf, damit es ihm noch in zehn Jahren gut gehe. „In diesen harten Zeiten müssen wir auch zärtlich miteinander und mit uns selbst umgehen, und das tue ich hiermit.“
Linke soll „sozialistische Volkspartei“ werden
Seine Rede begann er mit dem Spruch, der zumindest innerparteilich zu seinem Markenzeichen geworden ist: „Mein Name ist Jan van Aken und ich finde, es sollte keine Milliardäre geben.“ Erneut warb er für eine Vermögenssteuer. 64 Prozent der Menschen in Deutschland wollten ebenfalls eine Vermögenssteuer, sagte er und folgerte daraus, ebenso viele Menschen seien der Ansicht, der Kapitalismus könne nicht das Ende der Geschichte sein.
Van Aken rief die Delegierten auf, die Linken zu einer „sozialistischen Volkspartei“ zu machen. „Wir haben das Zeug zu 20 Prozent.“ Das sei kein Traum, sondern, „das ist jetzt böse zum Abschied, das ist ein Auftrag“ – also für Schwerdtner und seinen mutmaßlichen Nachfolger Luigi Pantisano, der als neuer Co-Chef antritt.
Schwerdtner war vor zwei Jahren auf dem Parteitag in Halle (Saale) mit 79,8 Prozent der Delegiertenstimmen gewählt worden. Van Aken erhielt damals 88 Prozent. Seiner bisherigen Kollegin sagte er, diese sei „die tollste Co-Vorsitzende der Welt“ und „einfach ganz wunderbar“. Der Kurs von Schwerdtner und van Aken ist in der Partei nicht unumstritten. Allerdings fällt in die gemeinsame Amtszeit ein fast schon sensationelles Comeback: In den Bundestag ist die Linke mit 8,8 Prozent eingezogen, in den Umfragen liegt sie bei 11 Prozent. „Ohne deinen revolutionären Optimismus, ohne deine verrückten Ideen hätten wir es nicht geschafft“, sagte Schwerdtner.
In einer größer werdenden Partei gehöre dazu, „dass man auch mal eine andere Sichtweise aushalten muss“, mahnte van Aken. Am Vortag hatte die Linke einen Kompromiss zur Nahost-Politik beschlossen, zu dem gehört, dass Israel ein „Völkermord“ im Gazastreifen vorgeworfen wird. Einigen in der Partei geht das nicht weit genug, einer mutmaßlich kleineren Minderheit geht der Beschluss zu weit. Dem Parteitag liegen zudem Anträge vor, die jede Zusammenarbeit mit der CDU auf Bundes- und Landesebene ausschließen.
