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Politik

Machen Normen das Bauen teuer und umständlich?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 15, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 15.07.2026 • 10:33 Uhr

Wohnraum ist in vielen Städten knapp und teuer. Fachleute führen das auch auf Bürokratie zurück – die Masse deutscher Baunormen, etwa zu Treppen, Lärmschutz oder Stellplätzen. Muss das so sein?

Laura Bisch

Wenn der Bauträger Hans-Jörg Kraus durch eine seiner Baustellen in Heidelberg geht, dann sieht er an vielen Stellen die Folgen von Baunormen. Eine davon befindet sich in einer Wohnung kurz vor Fertigstellung – direkt unterhalb eines Fensters. Hier ist ein länglicher Lüfter installiert. So verlangt es eine Norm zum Schallschutz.

Für Kraus: ein Pseudo-Schallschutz. „Wir müssen diesen sehr teuren Lüfter einzubauen, um den Schall, der vielleicht in 20 Jahren von draußen reinschallen könnte, insbesondere nachts, abzusichern.“ Das Absurde daran: Laut Kraus verursacht der Lüfter einen Eigenschall, der fast genauso laut ist wie der prognostizierte Außenschall.

Kosten seit dem Jahr 2000 um 245 Prozent gestiegen

Für Kraus ist klar: Normen wie diese machen das Bauen unnötig teuer. Das bestätigt auch die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (ARGE) – einem gemeinnützigen Verein, der Länder, Bau- und Wohnungswirtschaft berät. Nach dessen Berechnungen sind die Kosten für Wohnungsbau in Deutschland seit dem Jahr 2000 um rund 245 Prozent gestiegen. Ein Fünftel davon sei auf veränderte Normen zurückzuführen.

Im Fall des Heidelberger Bauträgers kostet alleine ein Lüfter für den Schallschutz 1.500 Euro. Das sind Kosten, die Kraus an seine Kunden weitergibt. Solange es solche Normen gebe, könne man nicht billiger bauen – und im Umkehrschluss auch nicht billiger vermieten. „Je mehr Normen wir haben, desto mehr müssen wir die verschiedenen Gewerke aufeinander abstimmen und höherwertige Materialien einbauen“, sagt Kraus. „Und das verursacht per se, logischerweise, enorme Kosten.“

Genau an dieser Stelle sieht Kraus einen Systemfehler. Sein Vorwurf: In den Arbeitsgruppen, die die Normen festlegen, seien überproportional viele Vertreter aus Wirtschaft und Industrie – mit einem Eigeninteresse. Kraus kritisiert: „Die Industrie hat überhaupt kein Interesse daran, die Normen zu reduzieren und damit weniger Baustoffe zu verkaufen, denn die verdienen daran Geld.“

Wie entstehen die Normen?

Tatsächlich werden die Normen, die für den Bau etwa von Häusern und Wohnungen gelten, nicht von der Politik festgelegt. Sie kommen vom Deutschen Institut für Normung – kurz DIN. Das Institut selbst beschreibt sich auf seiner Internetseite als „privatwirtschaftlich organisiert und unabhängig“. Im DIN arbeiten demzufolge Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft zusammen, um Normen und Standards zu entwickeln.

Auf SWR-Anfrage erklärt das Deutsche Institut für Normung, der Arbeitsausschuss etwa für den Schallschutz bestehe zu 56 Prozent aus Vertretern der Wirtschaft. Dennoch sei die Zusammensetzung der Ausschüsse nicht entscheidend. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es: „Normen entstehen nicht durch Mehrheitsentscheidungen, sondern im Konsens. Das bedeutet: Unterschiedliche Positionen werden so lange diskutiert, bis eine Lösung gefunden ist, die alle beteiligten Kreise mittragen können – auch wenn sie nicht für jeden die Ideallösung ist.“

Zum Vorwurf, die Normen machten das Bauen teurer, heißt es vom DIN, Normen schafften die Grundlage für effizientes und wirtschaftliches Bauen. „Gleichzeitig spiegeln Normen technische, gesetzliche und gesellschaftliche Entwicklungen wieder. Wenn sich beispielsweise die Anforderungen an Klimaschutz, Sicherheit oder Barrierefreiheit ändern, findet das auch Eingang in die Normung – und kann im Einzelfall zu höheren Baukosten führen.“

Normen durch die Hintertür bindend

Für Bauträger Kraus sind die meisten Normen zwar nicht gesetzlich bindend – juristisch gesehen können sich Wohnungskäufer oder Mieter aber auf die Normen als baulichen Standard berufen. Ein Risiko, dass Kraus unternehmerisch nicht eingehen will. Er sagt: „Wenn wir nicht nach den anerkannten Regeln der Technik, also nach den Normen bauen, dann kann uns ein Käufer verklagen, und wir haben dann im Zweifel Mängel zu beseitigen, die Folgekosten haben, die ein Mehrfaches von dem verursachen, was wir ursprünglich an Kosten gehabt hätten.“

Kraus wünscht sich die Möglichkeit, mit den Käufern zu vereinbaren, etwa einen geringeren Schallschutz für geringere Kosten einzubauen. „Es muss die Möglichkeit geben, dass wir mit unseren Käufern wieder frei vereinbaren dürfen, welchen Schallschutz oder welche Anzahl von Steckdosen wir bringen sollen – und das dann zum günstigeren Preis.“

Gesetzentwurf für rechtlich wasserdichte Absprachen

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) stellt das mit einem Gesetzentwurf in Aussicht. Sie erklärte unlängst: „Wir werden mit unserem Gesetzentwurf künftig ermöglichen, dass die Vertragspartner – der Bauherr, die Bauherrin auf der einen Seite, der Architekt, die Architektin, der Bauunternehmer auf der anderen – klare rechtliche Regelungen treffen können, um zu wissen: Was ist geschuldet, was ist der Standard, den wir wollen, und welchen Standard vereinbaren wir ganz bewusst nicht.“

Die Bundesregierung laufen dazu interne Abstimmungen. Innerhalb der nächsten Monate soll der Gesetzentwurf vom Kabinett offiziell auf den Weg gebracht werden. Im Fall mit dem Lüfter auf der Heidelberger Baustelle ließen sich nach Ansicht von Bauträger Kraus durch solche Absprachen Kosten für Bauträger und Wohnungskäufer sparen. Kosten, die auf den Schall im Schlafzimmer nur wenig Einfluss hätten.

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Dr. Heinrich Krämer
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