Der Führungswechsel in der ukrainischen Armee bringt Hoffnung auf Reformen. Der neue Oberbefehlshaber Drapatyj genießt hohes Ansehen – doch auf ihn warten große Herausforderungen. Präsident Selenskyj geht angeschlagen aus der Krise.
Der abgesetzte ukrainische Armeechef Olexander Syrskyj hat noch einmal Bilanz gezogen. In einem Facebook-Post verwies er auf die seiner Ansicht nach größten Erfolge seiner militärischen Laufbahn, zum Beispiel die Verteidigung Kiews und die Gegenoffensive im Gebiet Charkiw 2022.
Als Armeechef habe er schwierige Entscheidungen treffen müssen. Dabei habe der Schutz der Soldaten stets Priorität gehabt. Auch die Modernisierung der Drohnenkriegsführung falle in seine Amtszeit. Syrskyj reagiert damit auf Vorwürfe, er habe Reformen blockiert und Soldaten unnötig hohen Risiken ausgesetzt. Unabhängig von seinem Amt wolle er der Ukraine weiter dienen.
Tägliche Herausforderungen und Probleme
Auf Syrskyjs Nachfolger, Mychajlo Drapatyj, warten nach Einschätzung des Militäranalysten Denys Popowytsch große Herausforderungen: „Zu diesen Herausforderungen gehört eine mögliche russische Offensive in der Region Tschernihiw. Es besteht die Möglichkeit einer Mobilisierung oder Teilmobilisierung durch die Russische Föderation in diesem Herbst.“
„Und dann sind da die Probleme mit der Mobilisierung bei den ukrainischen Streitkräften“, so Popowytsch. Das seien die Probleme, die ständig auf der Tagesordnung stünden.
Vorgänger habe hohe Verluste in Kauf genommen
Drapatyj genießt in der Armee hohes Ansehen. Der Politologe Ihor Rejterowytsch beschreibt ihn auf seinem YouTube-Kanal als Kommandeur, der trotz Einsätzen an besonders schwierigen Frontabschnitten stets den Menschen in den Mittelpunkt gestellt habe. „Diese Geschichte vom Respekt gegenüber den Menschen – genau das zeichnet Drapatyj aus.“
Alle, die ihn kennen oder ihm irgendwann begegnet seien – sowohl Militärangehörige als auch Menschen, die die Streitkräfte der Ukraine unterstützen -, würden vor allem seine Haltung gegenüber den Soldatinnen und Soldaten betonen, sagt Rejterowytsch.
Einer der Hauptkritikpunkte an Syrskyj war, dass er verlustreich gekämpft und häufig hohe Opferzahlen bei den Soldaten in Kauf genommen habe, was ihm mitunter auch den Spitznamen „Schlächter“ eingebracht hatte.
Hat Selenskyj seine Glaubwürdigkeit verspielt?
Viele dürften mit Drapatyj die Hoffnung auf echte Reformen verbinden: Dass Kommandeure bei Fehlern Verantwortung übernehmen, dass ehrlich kommuniziert wird und auch unangenehme Wahrheiten angesprochen werden, dass Ressourcen fair verteilt werden und dass das Micromanagement aufhört. Doch ob die Entlassung Syrskyjs die innenpolitische Krise entschärft, ist offen.
Der Politologe Leonid Schwetz warnt vor zu hohen Erwartungen an den neuen Armeechef. Zudem sei weiterhin unklar, welche Rolle der entlassene Minister Mychajlo Fedorow künftig spielen werde. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte ihm eine wichtige Aufgabe in Aussicht gestellt.
„Wir erinnern uns daran, dass diese öffentliche Unzufriedenheit maßgeblich mit dem Rücktritt von Mychajlo Fedorow und der Befürchtung zusammenhing, die Ukraine könne die Innovationskraft seines Teams verlieren“, sagt Schwetz. Die Frage, wo genau Fedorow und seine Gefolgschaft künftig als Zentrum innovativer Impulse agieren würden, sei noch nicht geklärt.
Fest steht aber auch – da sind sich viele Beobachter einig -, dass Selenskyj aus dieser Krise angeschlagen herausgeht. Seine Glaubwürdigkeit vor allem bei seinen eigenen Anhängern hat stark gelitten.

