Morgen wählt Israel. Dann entscheidet sich, ob das Land einen neuen Premier bekommt. Oder, ob das „Anti-Netanjahu-Bündnis“ gewinnt. Doch die unterschiedlichen Vorstellungen der Kandidaten könnten zum Problem werden.
Der große Auftritt ist eigentlich nicht Gadi Eisenkots Sache. Aber manchmal braucht man ihn, wenn man Israels nächster Premierminister werden will. Im ganzen Land blickt Eisenkot staatsmännisch von Wahlplakaten herab. Und immer wieder hat sein Wahlkampfteam für ihn in den vergangenen Monaten Termine in großen Hallen organisiert – und zwar in Teilen Israels, wo eigentlich viele Stammwähler von Benjamin Netanjahu leben.
Eisenkots militärische Vergangenheit schadet ebenfalls nicht: Immer wieder erklang bei seinen Wahlkampfauftritten die Hymne der Golani-Brigade der israelischen Armee. Er war mal ihr Kommandeur. Später wurde er Generalstabschef, also der oberste Soldat Israels.
Eisenkot gilt als der Erfinder der „Dahiyah-Doktrin“, die er selbst einmal als „Einsatz unverhältnismäßiger Gewalt“ durch die Armee bezeichnet hatte. Dieses Konzept wurde im Libanon angewendet und war in den Augen von Militärexperten auch Vorbild für Israels Kriegsführung im Gazastreifen. Die militärische Vergangenheit qualifiziert ihn in den Augen vieler Israelis, die ihn wählen, zum Premierminister.
Gadi Eisenkot war der oberste Soldat Israels. Nun will er der nächste Premier werden.
Gegenentwurf zu Netanjahu
Und gleichzeitig sehen viele in ihm eine Art „Anti-Netanjahu“. Seine Partei hat er „Yashar“ genannt, das heißt so viel wie gradlinig, aufrichtig, ehrlich. Verantwortung und persönliches Vorbild seien kein Luxus, sondern ein Muss für einen Anführer, hat er einmal gesagt. Es gebe immer noch grundlegende Herausforderungen für Israel und viel Arbeit. Er glaube daran, dass dringend eine Veränderung nötig sei. Und Israel brauche eine zionistische, wahre, würdige und ehrliche Führung.
Auffällig ist: Es geht in diesem Wahlkampf derer, die den Langzeit-Premier Netanjahu herausfordern, weniger um konkrete Inhalte, sondern vor allem um einen Gegenentwurf. Da kann auch jemand wie Eisenkot punkten, der für viele nicht als besonders guter Redner und nicht als besonders charismatisch gilt.
Keine Zwei-Staaten-Lösung, Absage an arabische Parteien
Netanjahus Gegner haben zuletzt vor allem versucht, Themen abzuräumen, die ihnen gefährlich werden könnten. So schloss Eisenkot vorsichtshalber bereits ein Bündnis mit arabisch-israelischen Parteien aus, weil das in seiner Wählerschaft wenig populär ist.
Und Naftali Bennett, auch er ein potenzieller Koalitionspartner im „Anti-Netanjahu-Bündnis“, sagte im israelischen Fernsehsender Channel 12 mit Blick auf die Zwei-Staaten-Lösung: „Ich werde es nicht zulassen, dass ein Palästinensischer Staat entsteht. Ich gebe keine Gebiete zurück. Punkt.“ Er wolle auf gute Wirtschaftsbeziehungen in der Region setzen. Vor einigen Jahren hatte es Bennett schon einmal geschafft, ein Bündnis gegen Netanjahu zu schmieden.
Naftali Bennett ist auch ein potenzieller Koalitionspartner im „Anti-Netanjahu-Bündnis“.
Kandidat mit anderen Akzenten
Yair Golan führt die Demokraten an, eine sozial-zionistisch-liberale Partei. Er setzt etwas andere Akzente: Auch er war ein ranghoher General in der israelischen Armee. Er gilt als einer der Helden des Hamas-Überfalls vom 7. Oktober, weil er an dem Morgen an die Grenze zum Gazastreifen gefahren war, um Terroristen zu bekämpfen. Netanjahu behauptete zuletzt hingegen öffentlich, er sei am Morgen nicht geweckt worden. Sonst wäre der Terrorangriff aus dem Gazastreifen anders verlaufen. Auch das zeigt die Unterschiede.
Yair Golan spricht als einer der wenigen von einer Zwei-Staaten-Lösung: „Zwei Staaten für zwei Nationen, die friedlich nebeneinander leben. Ich sehe keine andere oder bessere Option. Keine Annexion. Wir steuern auf eine Trennung von den Palästinensern zu. Und wir müssen dies auf sichere Weise bewerkstelligen, ohne die Sicherheit der Bürger Israels aufs Spiel zu setzen.“
Yair Golan spricht sich für eine Zwei-Staaten-Lösung aus.
Mehrheiten sind noch unklar
Ob sich eine solche Position durchsetzen kann, wird von Beobachtern bezweifelt. Zu heterogen ist das Bündnis der Herausforderer Netanjahus und seiner rechtsextremen und ultra-religiösen Partner.
Auch die letzten Umfragen ergeben kein klares Bild. Zwar lag der Block der Netanjahu-Gegner fast überall vorn, er kommt aber auf keine Mehrheit in der Knesset. Kommt es so, wie die Prognosen sagen, ist das Bündnis möglicherweise auf einen Pakt mit der arabischen Ra’am-Partei angewiesen. Sie steht für eine pragmatische Politik und hat schon 2021 den Netanjahu-Gegnern zur Mehrheit verholfen.
Doch das ist mehr als fünf Jahre her. Nach dem 7. Oktober wirkt das wie eine Ewigkeit. Netanjahu wirbt im ganzen Land mit dem Slogan „Rechts oder Palästina“. Am Ende könnte eine notwendige Kooperation mit einer arabischen Partei für die Netanjahu-Gegner zur Zerreißprobe werden und die Bildung einer neuen Regierung erschweren.

