Die vorliegenden Bildprüfungen sprechen dafür, dass dieses Bild mit künstlicher Intelligenz erstellt oder verändert wurde. Zwei Prüfprogramme erkennen Hinweise auf KI. Eine weitere Auswertung meldet ein unsichtbares Wasserzeichen für Bilder, die mit Google-KI erstellt oder bearbeitet wurden. Ob das gesamte Bild künstlich erzeugt oder nur einzelne Stellen verändert wurden, bleibt offen.
Das Bild zeigt einen Mann im Spital, der offenbar seinen Rücken im Spiegel fotografiert. Auf dem Rücken sind vermeintliche Verletzungen und die Aufschrift „ЕВРЕЙ“ zu sehen. Das russische Wort bedeutet „Jude“. In den dazu verbreiteten Beiträgen wird behauptet, russische Soldaten hätten einem ukrainischen Kriegsgefangenen dieses Wort in den Rücken geritzt.
Was über das Bild bekannt ist
Uns liegen Screenshots vor, die zeigen, wie das Bild auf Facebook und X verbreitet wird. Die Begleittexte stellen den Mann als ukrainischen Soldaten dar, der aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt sei. Einer der Facebook-Screenshots zeigt 7.864 Reaktionen und 4.386 Teilungen. Das zeigt, wie oft Menschen auf den Beitrag reagiert oder ihn weitergeteilt haben. Es bestätigt jedoch nicht die Geschichte hinter dem Bild.
Auch das ukrainische Nachrichtenportal Mezha berichtete am 24. Oktober 2026 über die Verbreitung. Die Redaktion konnte weder die Identität des Mannes noch die Herkunft des Bildes bestätigen. Auch ein Zusammenhang mit dem damaligen Gefangenenaustausch blieb ungeklärt.
Den ursprünglichen Facebook-Beitrag, der in einem der Screenshots abgebildet ist, konnten wir nicht finden. Weitere vorgelegte Direktlinks zu Facebook und X ließen sich bei unserer Recherche technisch nicht öffnen. Unsere Beschreibung dieser Beiträge beruht deshalb auf den übermittelten Screenshots.
Mehrere Prüfungen sprechen für KI-Einsatz
Das Prüfprogramm Hive stuft das Bild in der zuletzt übermittelten Auswertung mit 99,5 Prozent als wahrscheinlich KI-generiert ein. Ein zweites Programm, Sightengine, zeigt dafür 98 Prozent an. Beide Programme kommen somit zu einer ähnlichen Einschätzung.
Zusätzlich liegt eine Auswertung von SynthID vor. Dieses Verfahren sucht nach einem unsichtbaren digitalen Wasserzeichen. Google erklärt, dass solche Wasserzeichen in KI-Inhalte eingebaut werden. Die vorgelegte Auswertung meldet für das Spitalsbild einen Treffer und zeigt an, dass es mit Google-KI erstellt oder bearbeitet wurde.
Ein solcher Treffer zeigt allerdings nicht automatisch, welche Teile verändert wurden. Laut Googles Erklärung kann das ganze Bild oder nur ein Teil davon betroffen sein. Wir können deshalb nicht feststellen, ob beispielsweise die Schrift oder die dargestellten Verletzungen künstlich hinzugefügt wurden.
Auch Prüfprogramme können sich irren. Die Faktencheck-Organisation Full Fact berichtete über wahrscheinliche Fehlalarme bei SynthID. Wir berücksichtigen deshalb die Ergebnisse gemeinsam. Die Tests wurden uns als Screenshots übermittelt; wir haben sie nicht selbst wiederholt.
Die lesbare Schrift in der vermeintlichen Spiegelaufnahme fällt ebenfalls auf. Eine tatsächlich auf der Haut stehende Schrift wäre im Spiegel verkehrt herum zu sehen. Allerdings könnte jemand das gesamte Foto nachträglich gespiegelt haben. Die Schrift allein beweist daher keine Fälschung.
Der Gefangenenaustausch fand statt
Das ukrainische Verteidigungsministerium bestätigte am 23. Oktober 2026, dass 270 Menschen aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt waren. Darunter befanden sich 261 Militärangehörige und neun Zivilpersonen. Diese Meldung belegt aber nicht, dass der Mann auf dem verbreiteten Bild zu dieser Gruppe gehört.
Folter und Misshandlungen ukrainischer Kriegsgefangener sind durch andere Quellen dokumentiert, darunter einen UN-Menschenrechtsbericht für Juni bis November 2025. Die Zweifel an diesem Bild ändern daran nichts. Umgekehrt machen dokumentierte Verbrechen nicht jedes Bild echt, das dazu verbreitet wird.
Warum solche Bilder weitergeteilt werden
Ein verletzter Mann im Spital kann Mitgefühl und Entsetzen auslösen. Der Begleittext liefert die Erklärung gleich mit: Russische Soldaten hätten ihn gefoltert. Die vermeintlich eingeritzte Aufschrift „Jude“ verstärkt den Vorwurf um antisemitische Gewalt. Das Bild wirkt dadurch wie ein unmittelbarer Beleg, obwohl die Identität des Mannes und die Umstände der Aufnahme nicht geklärt sind.
Die Beiträge richten den Vorwurf gegen Russland. In einem der vorgelegten X-Beiträge wird das Bild außerdem verwendet, um beschönigende Aussagen über Russland anzugreifen und Trump sowie Witkoff zu kritisieren. Welche Wirkung die Veröffentlichung haben soll, lässt sich dort am Begleittext erkennen. Wer das Bild hergestellt hat und mit welcher Absicht, wissen wir dagegen nicht.
Forschung zeigt, dass Empörung bei der Verbreitung politischer Inhalte eine Rolle spielen kann. Eine 2017 veröffentlichte Studie untersuchte mehr als 563.000 Twitter-Beiträge zu politischen Streitthemen. Beiträge mit Wörtern, die Gefühle und moralische Bewertungen ausdrückten, wurden in den untersuchten Daten häufiger weitergeteilt. Die Studie untersuchte allerdings weder dieses Bild noch Facebook-Beiträge zum Ukrainekrieg.
Wer das Spitalsbild für echt hält, möchte vielleicht auf ein Verbrechen aufmerksam machen und teilt es aus Empörung. Dadurch können auch Menschen eine manipulierte Aufnahme verbreiten, die niemanden täuschen wollen. Ob das hier bei einzelnen Personen der Fall war, können wir nicht feststellen. Für eine organisierte Kampagne haben wir ebenfalls keinen Nachweis.
Vor dem Teilen sollte deshalb die Frage stehen, woher das Bild stammt und wer die dazu erzählte Geschichte bestätigen kann. Viele Reaktionen und tausende Teilungen ersetzen diese Prüfung nicht.
Verteidigungsministerium der Ukraine
23. Oktober 2026
Full Fact / Sian Bayley
21. Oktober 2026
William J. Brady und Kollegen / PNAS
26. Juni 2017
Google DeepMind
Ohne Datumsangabe
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.
