Die Lage im Gazastreifen droht sich wieder zu verschärfen – denn das Welternährungsprogramm muss seine Lebensmittellieferungen massiv kürzen. Der Grund: Die internationalen Geldgeber zahlen deutlich weniger ein.
An einer Essenausgabestelle im Gazastreifen schubsen, drängeln und schlagen sich Männer, Frauen und Kinder um eine warme Mahlzeit. Viele von ihnen sind ausgehungert und aggressiv. Einem Mann rinnt Blut aus einer Platzwunde am Kopf. Er hält einen leeren Topf in die Höhe.
Innerhalb von Tagen könnte sich die Ernährungslage im Gazastreifen drastisch verschärfen, warnen Hilfsorganisationen. Umm Tareq Abu Amsha etwa rationiert ihre wenigen Vorräte. In einem schwer beschädigten Gebäude der ehemaligen islamischen Universität in Gaza backt sie ein wenig Brot in einem kleinen Ofen. Ihr fehle es derzeit an allem, sagt sie.
Ich brauche Tomaten, Zwiebeln, Kartoffeln, Auberginen, Gewürze und Knoblauch. Ich habe nichts. Ich backe nur alle vier Tage Brot, damit unser Mehl nicht ausgeht, falls die Lieferungen unterbrochen werden. Ich versuche, das Mehl zu sparen, damit ich meine Kinder ernähren kann, falls etwas passiert. Gleichzeitig steigen die Preise. Nur Gott kann uns helfen.
Kaum noch Lieferungen nach Streit mit Hamas
Seit mehr als zehn Tagen seien bei kommerziellen Lieferungen nach Gaza kaum noch Grundnahrungsmittel angekommen, klagen Händler. Der Grund: ein Streit über Gebühren, die die Terrororganisation Hamas von Händlern verlangt hatte. Nach einem Lieferstopp käme die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln jetzt zu langsam wieder in Gang, sagt Händler Munir Al-Rayyes.
Auf den Märkten fehlt es am Nötigsten. Es fehlen Mehl, Eier, Fleisch, Geflügel. Wir brauchen Lebensmittel, die wichtige Nährstoffe für den menschlichen Körper enthalten. Es kommen nur Waren an, die nährstoffarm sind. Wir brauchen Protein und Nährstoffe, damit Muskeln Knochen nicht abbauen.
Brot wird knapp
Weil die Mehlvorräte aufgebraucht seien, hätten bereits zehn von 17 kommerziellen Bäckereien schließen müssen, warnt ein Zusammenschluss von Bäckereien im Küstenstreifen. Nun wird auch Brot knapp. Noch seien weitere 21 Bäckereien in Betrieb, die vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen beliefert werden. Doch auch das musste seine Lieferungen drastisch reduzieren.
Carl Skau ist der Leiter des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen. Er besuchte den Gazastreifen und warnt: „Wir haben bisher jeden Monat fast 1,8 Millionen Menschen erreicht. Künftig werden es monatlich 500.000 Menschen weniger sein. Das wird massive Folgen haben. Die Menschen haben keine Arbeit, keine andere Einkommensquelle und keine alternative Möglichkeit, an Lebensmittel zu kommen. Sie werden weniger essen. Zwei Drittel der Bevölkerung leiden bereits unter akuter Ernährungsunsicherheit. Die Kürzungen werden die Lage weiter verschärfen.“
Dem Welternährungsprogramm geht das Geld aus
Das Welternährungsprogramm muss die Lieferungen aus Geldmangel zurückfahren. Die internationalen Geldgeber stellen nicht genügend Mittel bereit, um den wachsenden humanitären Bedarf zu decken. Kleinere Lebensmittelrationen und längere Abstände zwischen Hilfslieferungen könnten die Lage verschlimmern. Familien erhielten künftig nur noch ein statt zwei Lebensmittelpakete sowie einen kleineren Sack Weizenmehl, erklärte die UN-Organisation. Hinzu kommt: Viele Vertriebene in Gaza leben in notdürftigen Zelten. Der Winter steht bevor, für viele fehlt es an Schutz vor Kälte und Regen.
„Der Winter rückt näher, unsere Zelte sind abgenutzt, wir brauchen neue. Trotzdem halten wir an der Hoffnung für die Zukunft fest. Wir wollen ein Leben in Würde“, sagt Haneen Abu Saida. Zelte von Hilfsorganisationen sind für sechs Monate ausgelegt. Vor allem der Winter setze dem Material zu, so der Norwegische Flüchtlingsrat, der unter anderem Zelte nach Gaza bringt.
Umm Tareq Abu Amsha verbrennt Pappe in den Ruinen der islamischen Universität, um das Feuer des Ofens am Laufen zu halten. Für sie ist das tägliche Brot zur Überlebensfrage geworden. Ihre Kinder müssten oft bis zum späten Nachmittag auf das zweite Essen warten. Manchmal gibt es nur eine Mahlzeit, sagt sie. Die Kinder hätten sich daran gewöhnt, weniger zu essen.

