In vielen Dörfern verschwinden die letzten Gaststätten. Im brandenburgischen Leißnitz wollen die Einwohner das verhindern. Gemeinsam wollen sie einen Ort erhalten, an dem Menschen zusammenkommen.
Draußen wird gehämmert, gesägt und gebohrt. Drinnen scheint die Zeit ein wenig stehen geblieben zu sein. Bordeauxrote Vorhänge rahmen die kleine Bühne im Saal des Gasthofs ein, das Fischgrätenparkett auf dem Fußboden und der senffarbene Kachelofen in der Ecke bewahren den Charme aus einer anderen Zeit. Doch draußen vor dem Gasthof Schur im brandenburgischen Leißnitz, im Landkreis Oder-Spree, entsteht seit dem Sommer etwas Neues.
Platz nicht nur für Familienfeiern: im Gasthof Schur in Leißnitz.
Astrid Pagel betreibt den Gasthof in vierter Generation. Schon ihr Großvater war hier Gastwirt. Doch die vergangenen Jahrzehnte waren nicht immer einfach. Die Wende, veränderte Gewohnheiten. Die Corona-Pandemie habe schließlich dem Betrieb zugesetzt. „Es ist ein ständiges Auf und Ab“, sagt Pagel. Über Wasser hält sie sich vor allem mit Familienfeiern und einem Außer-Haus-Service.
Dass es den Gasthof auch in Zukunft noch gibt, ist keineswegs selbstverständlich. Das Projekt „Dorf.Fragen” soll helfen, dem Gasthof und dem Dorf südöstlich von Berlin eine neue Perspektive zu geben.
Sägen und Schleifen für die Dorfgemeinschaft
Den ganzen Sommer über haben Dorfbewohner, Vereinsmitglieder und Unterstützer hier gemeinsam gearbeitet. Aus Holz sind große Tische und Bänke entstanden. Vor der feierlichen Einweihung werden noch schnell die letzten rauen Kanten mit Schleifpapier geglättet. Für die Helfer gibt es rote Brause.
Wo bisher kein Außenbereich war, ist nun ein neuer Treffpunkt entstanden. Ein Ort, an dem man sitzen, miteinander reden, den Dorftratsch austauschen oder über die große Politik diskutieren kann. Und zwar auch dann, wenn der Gasthof selbst geschlossen hat.
Für ihren Gasthof arbeiten alle zusammen.
Die Holzmöbel lassen sich flexibel umstellen. Mal bilden sie kleine Sitzgruppen, mal eine größere Runde. Für Veranstaltungen können die Bänke sogar auf die Tische gestellt werden, sodass eine kleine Tribüne entsteht – etwa für Theateraufführungen oder Lesungen.
„Die Kneipe öffnet sich einfach auch nach draußen, damit man sieht, dass da jemand da ist, man kann sich ransetzen“, beschreibt einer der beteiligten Architekten die Idee.
Wenn die letzte Kneipe schließt
Das Projekt „Dorf.Fragen“ ist eine Initiative des Kultur- und Sportmanagements des Landkreises Oder-Spree, das gemeinsam mit freischaffenden Architekten entwickelt wurde. Ziel ist es, mit kreativen Ideen den Zusammenhalt in den Dörfern zu stärken. „Wir wollen eine ganze Menge erreichen mit diesem Projekt. Vor allen Dingen Zusammenhalt auf der dörflichen Ebene“, sagt Arnold Ischinger, Amtsleiter für Kultur und Sport im Landkreis Oder-Spree.
Denn vielerorts gibt es zwar noch eine Dorfgemeinschaft, aber immer weniger öffentliche Orte, an denen sie sich treffen kann. Das Leben zieht sich zunehmend ins Private zurück. Dabei braucht es nach Ansicht der Initiatoren mehr als schön gestaltete Vorgärten, um ein Dorf lebendig zu halten.
Vor allem die alten Landgasthöfe spielen dabei eine wichtige Rolle. Denn wenn eine Dorfkneipe erst einmal geschlossen sei, werde es schwierig, sie zurückzuholen, sagt Ischinger. Deshalb gehe es darum, die noch bestehenden Gaststätten heute zu unterstützen, damit sie auch morgen überlebensfähig bleiben.
Ein Gasthof als gelebter Zusammenhalt
In mehreren Workshops konnten die Leißnitzer ihre Ideen einbringen, Modelle anschauen und mitbestimmen. Gemeinsam mit den Architekten entstanden schließlich die Entwürfe für die beweglichen Sitzmöbel, die auch von der örtlichen Theatergruppe und für Feste genutzt werden können.
Finanziell unterstützt wurde das Projekt vom brandenburgischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur mit 65.000 Euro Anschubfinanzierung. Hinzu kamen Mittel der kreislichen Kulturförderung. Man wolle die Landgasthöfe nicht den falschen überlassen, sagt Kulturstaatssekretär Tobias Dünow (SPD) bei der feierlichen Einweihung.
Neue Holzmöbel als Treffpunkt: Dorfbewohner vor ihrem Gasthof.
Für ihn hat das Projekt auch eine politische Dimension. Er warnt davor, dass Unzufriedenheit und Frust gerade im ländlichen Raum von politischen Kräften instrumentalisiert werden könnten. Orte, an denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, seien deshalb besonders wichtig. „Ich glaube, dass gute Dorfgaststätten der allerbeste Verfassungsschutz sind“, so Dünow.
Für Gastwirtin Astrid Pagel ist der neue Treffpunkt vor allem eine Chance, wieder mehr Leben ins Dorf zu bringen. Ob ihre Kinder den Gasthof einmal in fünfter Generation weiterführen, ist noch offen. Erst einmal hofft sie, dass die Leißnitzer hier künftig wieder häufiger zusammenkommen – nicht nur zu Familienfeiern, sondern auch einfach mal so.
