Brettspiele, Bücher, Wanderungen: In einem „Offline Club“ ist eigentlich alles erlaubt. Nur kein Smartphone. Auf der Suche nach einer echten Verbindung verzichten die Teilnehmer ein paar Stunden aufs Handy – und zahlen dafür.
Ein Hochsommertag im Juli, rund 200 Leute haben Picknick-Decken und Bücher eingepackt. Es ist Wochenende, sie haben Zeit. Obwohl sie sich nicht kennen, wollen sie gemeinsam lesen – beim Kölner „Reading Rave“. Ein Besucher hat ein Reclam-Heft über die Theorie der Autorschaft eingepackt, bei einem anderen geht es um die Philosophie des Tee-Trinkens. Jeder liest, was er will, aber jeder ohne Smartphone.
„Wir sind eine Bewegung“, sagt Scintilla Benevolo. Sie hat den einstündigen Lese-Rave organisiert. „Unsere Mission ist es, die Leute wieder mit sich selbst und mit anderen zu connecten“.
Dafür hat Benevolo den Kölner „Offline Club“ gegründet. Das Konzept stammt aus Amsterdam. Vor fünf Jahren haben drei Niederländer dort ein Franchise gegründet. Inzwischen hat „The Offline Club“ Ableger in ganz Europa. Das Programm umfasst Ausflüge in die Natur, gemeinsame Brettspiel-Nachmittage, mehrtägige Digital-Detox-Retreats oder einen smartphonefreien Feierabenddrink auf der Roof-Top-Terrasse.
Mitglieder zahlen fürs „zusammen alleine sein“
Ein Besucher des Kölner „Reading Raves“ begründet den Reiz solcher analogen Veranstaltungen damit, „zusammen alleine zu sein“. Um echte Verbindung soll es gehen, nicht um digitale. Deswegen ist der bewusste Verzicht aufs Smartphone so entscheidend.
Nicht alle „Offline Clubs“ sind professionell organisiert. Im Grunde genommen könnte sich jedes Seniorinnen-Kränzchen so nennen – vorausgesetzt, das Handy bleibt in der Tasche.
Im Unterschied zu privaten Treffen kosten die Veranstaltungen des niederländischen Franchise-Partners aber oft Geld. In Amsterdam gibt es sogar Mitgliedschaften. Der Monatsbeitrag liegt bei rund 25 Euro. Ganz schön viel Geld dafür, dass Offline-Sein eigentlich umsonst zu haben ist. Wer Mitglied wird, zahlt also eher für den Zugang zu einer Gruppe von Gleichgesinnten. Die Veranstaltung in Köln läuft auf Spendenbasis.
Mit ironischen Sprüchen wird für den „Offline Club“ geworben – zielgruppengerecht auf Englisch.
„Digital Detox“ – (noch) kein Massenphänomen
„Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mit Scrolling verbracht“, steht sarkastisch auf einem der Werbezettel des „Offline Clubs“ – natürlich auf Englisch. Die Zielgruppe der Clubs ist jung, urban und mehrsprachig.
Sie sprechen eine Generation an, die durchschnittlich zusammengerechnet über drei Tage die Woche im Internet verbringt – so das Ergebnis der repräsentativen Postbank-Digitalstudie von 2025. Im Alltag der Gen Z gibt das Smartphone den Takt an. Doch genau darauf haben viele keine Lust mehr. Weniger Zeit auf Social Media – das ist laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom zu einem der beliebtesten Neujahrsvorsätze vieler Mittzwanziger geworden.
Dass es nicht bei bloßen Vorsätzen bleibt, weiß der Kommunikationswissenschaftler Julius Klingelhoefer von der Uni Erlangen-Nürnberg. „Wir sehen, dass viele Menschen Strategien der ‚Digital Disconnection‘ im Alltag nutzen.“ Von „Digital Disconnection“ spricht der Kommunikationswissenschaftler, wenn Menschen ihre Bildschirmzeit bewusst regulieren, aber anders als beim „Digital Detox“ nicht komplett auf das Smartphone und Social Media verzichten wollen.
Das ausgeschaltete Handy als Mittel gegen die Einsamkeit
Ähnlich verhält es sich in den „Offline Clubs“. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer suchen dort keinen Ausstieg aus der digitalen Welt, sondern analoge Inseln im Alltag. Hinter diesem Wunsch sieht Klingelhoefer verschiedene Motivationen. Ganz zentral sei die Sehnsucht nach mehr Authentizität in sozialen Beziehungen. Echte Begegnungen – von Angesicht zu Angesicht, nicht über Profile und Kommentarspalten.
Das kann auch eine Reaktion auf das Gefühl der Vereinsamung sein. Die Gen Z gilt heute als einsamste Altersgruppe, noch vor den Rentnern. Diverse nationale und internationale Studien zeigen, dass es eine Verschiebung gegeben hat. Die könnte auch mit der Social-Media-Nutzung zu tun haben. Denn bei TikTok und Instagram scrollen die meisten Nutzerinnen und Nutzer nur passiv, echte Kontakte knüpfen sie kaum.
Offline-Treffen als Rückzugsort vor Tech-Konzernen
Außerdem bewegen sie sich dort nicht autonom. Vielmehr bestimmen die Algorithmen, wer welche Inhalte und Kontakte vorgeschlagen bekommt. Dessen sind sich viele Userinnen und User bewusst.
„Man möchte Kontrolle über die eigene Nutzung erlangen, und das wird einem in digitalen Welten häufig sehr schwer gemacht“, erläutert Klingelhoefer. „Offline Clubs“ könne man als eine bewusste Intervention verstehen. Nach diesem Verständnis funktionieren sie auch als Rückzugsräume vor großen Tech-Firmen, die unsere Aufmerksamkeit monetarisieren.
Man kann es widersprüchlich finden, dass die Veranstaltungen das Offline-Erlebnis kultivieren, aber selbst über Social Media organisiert und beworben werden. Andererseits sind digitale Medien nun mal integraler Bestandteil unseres Lebens.
Beim Kölner „Reading Rave“ ist das Handy tabu – zumindest bis zum offiziellen Ende der Veranstaltung.
Was bringt die Digital-Auszeit?
Auch als ein Signalton beim Kölner „Reading Rave“ die einstündige Offline-Veranstaltung beendet, zücken viele direkt wieder ihre Smartphones. Dennoch berichten einige von einem Wir-Gefühl – davon, dass sie die Veranstaltung genossen haben und auch in Zukunft wieder gemeinsam offline gehen wollen. Doch wie viel bringen solche bewussten Smartphone-Pausen objektiv?
„Es gibt Hinweise auf kleine Verbesserungen im Wohlbefinden. Doch die Effekte von ‚Digital Disconnection‘ sind nicht so klar, wie man das denken würde“, sagt Klingelhoefer mit Verweis auf verschiedene Metastudien. „Es ist nicht so, dass man sich automatisch besser fühlt, wenn man auf das Smartphone verzichtet.“ Allerdings gebe die Forschung Hinweise darauf, dass sich das Wohlbefinden der Nutzer steigert, wenn sie selbst darüber bestimmen können, ob sie gerade digital verbunden sind oder nicht.
Genau das ermöglichen „Offline Clubs“, egal ob sie kommerziell oder privat organisiert sind. Ein Massenphänomen sind sie zwar nicht, aber sie schaffen einen Raum mit eigenen Kommunikationsregeln, einen Ort, an dem Menschen selbstbestimmt aufs Smartphone verzichten und anderen ohne Filter begegnen – wenn auch nur für ein paar Stunden.
