Interview
Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner wird Unionskandidatin für die Wahl zur Bundespräsidentin. Genug Erfahrung habe sie, sagt die Politologin Münch in den tagesthemen. Diese werde auch dringend gebraucht.
tagesthemen: Warum fliegen Ilse Aigner alle Herzen zu?
Ursula Münch: Weil sie selbst eine herzliche Art hat. Weil sie in der Lage ist, auf Menschen zuzugehen – bis jetzt natürlich vor allem in Bayern. Aber das ist vermutlich ausweitbar. Und weil sie so eine starke Glaubwürdigkeit besitzt.
Weil sie auch jemand ist, der relativ nah an den Leuten dran ist. Sie ist keine Akademikerin, sie ist jemand, die eine Ausbildung gemacht hat, die sich hochgearbeitet hat. Also ich würde sagen, all das spricht dafür und begründet, dass sie gut ankommt.
„Sie hat viel politische Erfahrung“
tagesthemen: Ist das Ihr stärkstes Pfund, das sie mitbringt?
Münch: Es ist sicherlich eine gute Grundlage, aber es ist nicht allein das stärkste Pfund. Sie hat viel politische Erfahrung. Einerseits natürlich in Bayern, aber sie war ja auch sehr lange im Bundestag. Sie war Bundeslandwirtschaftsministerin, hat in dieser Eigenschaft viel Erfahrung gesammelt, war aber auch auf der kommunalen Ebene tätig.
Natürlich ist sie auch eine Parteifrau. Also sie steckt drin in der Parteipolitik. Aber ich würde sagen, gerade in dieser Phase der künftigen 13. Bundespräsidentschaft, die sicherlich nicht ganz einfach sein wird, ist es gut, wenn jemand politische Erfahrung hat.
tagesthemen: Sie ist ja über Bayern hinaus in den letzten Jahren nicht sonderlich aufgefallen. Warum nicht? Was fehlt ihr?
Münch: Ich würde sagen, das hat nichts mit Fehlen zu tun. Das hat was mit dem Amt einer Landtagspräsidentin zu tun, das nun vor allem einerseits in den Landtag, aber natürlich auch in den Freistaat hineinwirkt. Aber sie war ja Bundesministerin unter Angela Merkel. Da hat sie schon auch eine gewisse Bekanntheit gehabt. Und jetzt durch diese langwierige Nominierung, würde ich sagen, dass doch sehr viele Menschen ihren Namen inzwischen kennen.
Nicht Söders Wunschkandidatin
tagesthemen: Wo Markus Söder, eigentlich Ihr langjähriger politischer Rivale, eine zentrale Rolle gespielt hat. Hat er sie wirklich gewollt oder hat er einfach nur gepokert?
Münch: Also sie ist jetzt sicherlich nicht die Kandidatin seines Herzens gewesen. Aber Markus Söder hat relativ früh im Frühjahr dieses Jahres erkannt, nach einer aus Sicht der CSU schlecht gelaufenen Kommunalwahl, dass die Stimmung in der CSU gegen ihn ist. Man hat ihm eben auch den Ausgang der Kommunalwahl, und wie er damit umgegangen ist, angekreidet.
Da war schon eine starke Stimmung – aber dann zugunsten von Ilse Aigner. Da hat man schon gesprochen über eine mögliche Präsidentschaft. Und dann hat Söder meines Erachtens gemerkt, dass, wenn er sich diesem Zug vorne anstellt, er dann auch von dieser positiven Stimmung getragen wird. Und genau das ist ja passiert. Das hat man jetzt zuletzt auf dem CSU-Parteitag gesehen.
„Merz hat kein glückliches Händchen gehabt“
tagesthemen: So gewieft war Friedrich Merz ja nicht. Er hat immer darauf gepocht, dass er das Entscheidungsrecht habe, und nie entschieden. Warum hat Merz keine eigene Frau präsentiert?
Münch: Weil er sich meines Erachtens Sorgen gemacht hat, wie dann diejenigen reagieren würden, die vielleicht unterliegen. Er hat vielleicht auch nicht die ideale Kandidatin gehabt, die wirklich wollte. Und im Grunde scheint dieses Hinausschieben, dieses Zögern ja auch so ein bisschen seine Art und Weise zu sein, wie er Personalpolitik macht. Da hat er bislang kein glückliches Händchen gehabt und dieses Mal auch wieder nicht. Zumindest nicht im Vorfeld dieser Nominierung.
Zur Person
Ursula Münch ist Direktorin der Akademie für politische Bildung im bayerischen Tutzing.
tagesthemen: Ist er damit jetzt wenigstens seinen Dauerrivalen Söder um die Nachfolge im Kanzleramt los? Einfach nach der Regel zweimal CSU ganz oben geht nicht?
Münch: Also es ist tatsächlich nicht sehr wahrscheinlich. Aber ich würde auch nie nie sagen. Ich könnte mir schon Konstellationen vorstellen, wo man sogar das ertragen würde, weil man womöglich niemand besseren und anderen in der CDU hat. Und wenn eine Konstellation kommt, wo man wirklich sagt, da braucht man ja sogar einen Markus Söder, der das retten kann – das ist nicht wahrscheinlich, aber denkbar.
Das Gespräch führte Jörg Schönenborn für die tagesthemen. Für die schriftliche Darstellung wurde das Interview leicht angepasst.
