Viel Skepsis umweht das DFB-Team vor der K.o.-Runde. Auch Spanien und England reüssieren noch nicht. Ganz anders geht es Frankreich und auch Titelverteidiger Argentinien. Letzterer hat auch noch Glück mit dem Turnierbaum.
Der Weltmeister hat’s weltmeisterlich einfach
Ja, ja, ja. Es gibt keine Kleinen mehr. Und so weiter. Blickt man auf den Turnierplan von Titelverteidiger Argentinien, darf man aber mindestens von großem Losglück sprechen. Die Gruppe J mit Österreich, Algerien und Jordanien ist kein Kracher. Und so reichte es für Lionel Messi und Co. schon nach zwei Spielen zum fixen Gruppensieg. Nun folgt im Sechzehntelfinale das Duell mit WM-Neuling Kap Verde. Drei Unentschieden brachten die Männer von der Insel in die K.o.-Runde und ins für sie absolute Traumspiel.
„Messis Aufeinandertreffen mit dem neuen Publikumsliebling dieser Weltmeisterschaft, Torhüter Vozinha, könnte ein Spiel für die Ewigkeit werden“, schrieb der englische „Guardian“ zwar. Doch es ist mehr als fraglich, ob der Keeper, dessen Mutter dank Spenden von Fans zum Turnier reisen konnte, gegen den WM-Rekordtorschützen ebenfalls alles möglichst festhalten kann. Davon ausgehend, dass sich der Weltmeister gegen den 64. der FIFA-Weltrangliste weiterkommt, wartet im Achtelfinale ebenfalls kein brutaler Endgegner: Es würde der Sieger aus dem Duell Australien/Ägypten zum Tanz bitten. Im Viertelfinale würde das Team auf die Schweiz, Algerien, Kolumbien oder Ghana treffen. Erst im Halbfinale könnten auf Argentinien mit Brasilien und England Schwergewichte warten. Mit Verlaub: Das ist der Weg, der für den regierenden König geebnet wurde.
Lionel Messi lässt Argentinien erneut jubeln
DFB-Team ist sich selbst ein Rätsel
Kapitän Joshua Kimmich hatte es eigentlich versprochen: Nach der Vorrunde weiß man, wie gut das DFB-Team nun denn eigentlich ist. Doch von den Duellen gegen Curacao, der Elfenbeinküste und Ecuador bleibt eine Erkenntnis: Kimmich und DFB-Kollegen haben diese Frage bislang nicht beantwortet. Nach dem rauschenden 7:1-Auftakt (Curacao), dem 2:1-Willenssieg (Elfenbeinküste) und der 1:2-Niederlage (Ecuador) gibt es Argumente für alle Sichtweisen. An einem guten Tag könnte das DFB-Team vielleicht alle Gegner schlagen, sagte Sportdirektor Rudi Völler.
Der Turnierbaum könnte dafür sorgen, dass es auch weiterhin ein Rätsel bleibt. Mit Paraguay wartet in der Zwischenrunde am Montag ein Gegner, der zwar individuell deutlich schwächer besetzt ist, aber über eine Fähigkeit verfügt, die der DFB-Elf schon wehtun kann: nämlich viel Körperlichkeit. Dass sie damit umgehen kann, zeigte sie schon gegen die Elfenbeinküste (das Ecuador-Spiel sollte nicht überbewertet werden, weil sportlich irrelevant). Und dann könnte ja auch schon Super-Top-Favorit Frankreich (oder Schweden?) im Achtelfinale warten.
Kracher-Duell zweier „Favoriten“
Japan spielt taktisch stark gegen die Niederlande (2:2), verputzt mit Torfreude Tunesien (4:0) und können es beim 1:1 gegen Schweden schon locker angehen lassen. Der Geheimfavorit ist gar nicht mehr so geheim, sondern untermauert mit Nachdruck, warum sogar der eigentliche Erzfeind China die Daumen drückt. Es geht um den Stolz Asiens. Dumm nur, dass jetzt Brasilien wartet. Der Rekordweltmeister.
Und das, wo Japan doch endlich zum allerersten Mal in der Historie ein Spiel in der K.o.-Runde gewinnen will. Für das Team von Nationaltrainer Hajime Moriyasu ist das alles andere als Glück mit dem Turnierbaum. Da hatten sie schon eine als schwer zu bewertende Gruppe mit den Niederlanden und Schweden – und jetzt auch noch das. Dem neutralen Zuschauer dürfte sich damit im Sechzehntelfinale immerhin ein hochklassiges Duell bieten. Zwei Teams, die mit Spielwitz und Angriffslust agieren. Deren Selbstverständnis grundverschieden ist. Auf der einen Seite das Team des Glamour, der Stars mit Vinicius Jr. und Neymar. Auf der anderen Seite das Team der Ordnung – auch auf den Rängen dank der sympathisch-fleißigen Fans – und des Gemeinschaftssinns. Aber: Das letzte Aufeinandertreffen der beiden Teams gewann im Oktober 2025 Japan mit 3:2.
Oranje voll auf Offensive
Mit zwei Siegen und dem Remis gegen Japan ist Oranje souverän in die WM gestartet und sicherte sich vor den Blue Samurai den Gruppensieg. Die ganz große Euphorie im deutschen Nachbarland blieb noch aus. Dafür wackelt das Team um Liverpool-Gigant Virgil Van Dijk defensiv noch zu oft. In der Offensive aber ist der Oranje-Express von links nach rechts schon gut ins Rollen gekommen.
Vor allem Flügelspieler Crysencio Sommerville und Joker Brian Brobbey überzeugen mit Toren. Insgesamt erzielte die Elftal schon acht Tore, fing sich aber auch schon vier. Das Sechzehntelfinale gegen Marokko, ein weiterer WM-Mitfavorit, verspricht viele Emotionen. Einige Spieler Marokkos starteten ihre Karriere in der niederländischen Eredivisie. In einem möglichen Viertelfinale würden die Niederlande auf das DFB-Team treffen.
Nach dem Schock ruckelt sich Spanien ein
Der Europameister begann das WM-Turnier mit einem großen Schock. 0:0 gegen Kap Verde. Nun, der Inselstaat wiederholte sein Remis-Kunststück noch zweimal und kam als Zweiter der Gruppe sensationell weiter. Die Spanier berappelten sich rasch und schossen den Frust gegen Saudi-Arabien von der Seele und anschließend Uruguay aus der WM.
Hoffnungsträger und Jungstar Lamine Yamal kommt immer mehr ins Rollen und steht laut Trainer Luis de Fuente nun bei 100 Prozent. Das ist eine gute Nachricht für Spanien und eine schlechte für alle anderen. Mit Spanien ist zu rechnen. Ein Rückschlag erlitt hingegen Jungstar-Kollege Nico Williams, dem das WM-Aus droht.
Im Sechzehntelfinale muss der WM-Favorit mit Österreich aber eine große Hürde nehmen. Die Rangnick-Elf ist nach dem späten 3:3 gegen Algerien brutal euphorisiert. Im möglichen Achtelfinale würde es gegen Altstar Cristiano Ronaldo und Portugal oder Altstar Luka Modric und Kroatien gehen. Im Viertelfinale kämen unter anderen Belgien und Gastgeber USA als Gegner infrage, Deutschland erst im Halbfinale.
Quo vadis England?
60 Jahre nach Wembley geht es für England nur um eines: den Titel. Nach der Finalniederlage bei der EM 2024 soll es mit Tuchel nun ja ausgerechnet ein Deutscher richten. Und der kann sich dabei bisher besonders auf einen verlassen: Harry Kane. Der Ausnahmestürmer erfüllt mit seinen drei Turniertoren bisher die Erwartungen, wenn auch ein ungewöhnlicher Fehlschuss beim Unentschieden gegen Ghana (0:0) noch ein wenig nachwirkt.
Hier köpft sich Harry Kane zum Rekord

Die Three Lions lösen bei ihrem Auftakterfolg gegen Kroatien (4:2) mit ihrem unwiderstehlichen Offensivdrang Begeisterung aus. Doch dieser Glanz zeigt sich in den folgenden Auftritten gegen Ghana und dem Sieg gegen Panama (2:0) kaum noch. Quo Vadis England?
Im Sechzehntelfinale trifft die Tuchel-Elf auf die DR Kongo, danach würde es gegen den Sieger von Mexiko gegen Ecuador gehen. Dort droht nach der Verletzung von Verteidiger Reece James eine Lücke auf der rechten Außenbahn. Der Turnierbaum legt der Mannschaft rund um Kane und Jude Bellingham vorerst nicht die größten Steine in den Weg. Aber um die Titelmission erfolgreich abzuschließen, braucht es noch eine deutliche Leistungssteigerung des gesamten englischen Star-Ensembles.
Frankreichs Star-Ensemble sucht ebenbürtige Gegner
Drei Spiele, drei Siege – Frankreich gibt sich in der WM-Gruppenphase keine Blöße. Die Équipe Tricolore zeigt, warum sie als der ganze große WM-Favorit gehandelt wird. Die Star-Ansammlung in der Offensive sucht ihresgleichen. Ousmane Dembélé zeigt mit dem zweitschnellsten Dreierpack der WM-Geschichte und insgesamt vier Treffern, dass er dem Titel des Weltfußballers mehr als gerecht wird. Dem steht Star-Stürmer Kylian Mbappé mit ebenfalls vier Toren in nichts nach. Da geht fast unter, dass das Offensivquartett von den Ausnahmekönnern Michael Olise und Désiré Doué komplettiert wird.
Doch ein richtiger Gradmesser steht für das Team von Didier Deschamps noch aus. Senegal (3:1) und Irak (3:0) werden deutlich besiegt. Das Duell der Stürmer-Giganten im abschließenden Gruppenspiel (3:0) verhindert Norwegen mit der XXL-Rotation. In der Startaufstellung der Franzosen fällt bisher speziell die personelle Besetzung des linken Außenverteidigers ab. Im ersten Spiel der K.o.-Runde wartet mit dem Offensiv-Dreizack Isak-Gyökeres-Elanga eine Herausforderung für die Defensive des Weltmeisters von 2018. Auf dem Weg zum Titel könnte dann das Duell gegen Deutschland im Achtelfinale folgen.
Rekordmann Ronaldo und viele Fragezeichen bei Portugal
Konnte Portugal jemals mit einem stärkeren Kader bei einer WM aufwarten? Kaum möglich. Ein Team gefüllt mit etlichen Champions-League-Siegern, wie Vitinha, João Neves und Rúben Dias. Vorn steht noch immer Cristiano Ronaldo. Auch mit 41 Jahren. Und der trifft als erster Spieler überhaupt bei sechs WM-Endrunden in Folge.
Millimeter retten Ronaldo vor einer Pleite

Sportlich läuft jedoch noch überraschend wenig beim Europameister von 2016 zusammen. Unentschieden gegen die DR Kongo (1:1) und Kolumbien (0:0) sowie ein Sieg gegen Usbekistan (5:0) bringen nur den zweiten Platz in der eigenen Gruppe. Offensiv ist das Spiel des Teams noch wenig inspirierend. Spielen Ronaldo und João Félix ganz vorn, fehlt dem Spiel der Portugiesen das Tempo und die Tiefe. Wirft man zudem Rafael Leão mit in die Elf, spielt Portugal in der Rückwärtsbewegung praktisch nur zu neunt.
Die Portugiesen haben noch keine stimmige Komposition auf dem Rasen gefunden. Abseits des Platzes sorgen die Debatten um die Rolle von „CR7“ für atmosphärische Verstimmungen. Im Sechzehntelfinale kommt es zum Duell der Super-Oldies mit Luka Modrić aufseiten Kroatiens. Anschließend könnte es zum Aufeinandertreffen mit Spanien kommen. Spätestens hier müsste die Elf von Roberto Martinez deutlich zulegen. Sonst endet die wohl wirklich letzte Ronaldo-WM als Enttäuschung.
Verwendete Quellen: ntv.de, ara/ses/msc/lme
